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Künstliche Intelligenz : Dieses Start-up ist viel erfolgreicher, als sein Gründer dachte

Lastwagen auf der A3. Bild: dpa

Jeden Tag verstopfen 500.000 Lastwagen die deutschen Autobahnen. Das Unternehmen Cargonexx will das ändern – und setzt dafür auf schlaue Computerprogramme.

          So hat sich Rolf-Dieter Lafrenz den Start von Cargonexx nicht vorgestellt. Der Gründer und Vorstandschef wollte eigentlich nur Fracht besser verteilen. Der hohe Anteil an Leerfahrten von Lastwagen auf Deutschlands Straßen sollte sinken. Nebenbei wollte Lafrenz eine konservative Branche durch intelligente Vernetzung etwas aufmischen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Doch nach nur einem Jahr kommerziellen Betrieb muss sich das Start-up zum Teil wieder neu erfinden. Die Idee, als Online-Spediteur mit Künstlicher Intelligenz eine digitale Plattform anzubieten, ist gut angekommen – der Erfolg ist so durchschlagend.

          „Der Erfolg macht uns im Moment euphorisch“

          Anstatt nur Vermittler zu sein, baut Cargonexx nun eine eigene Flotte von Lastwagen mit Auftragsfahrern auf. Statt Angeboten für kleine und mittlere Spediteure sind plötzlich große Einzelhandelskonzerne, Automobilhersteller und -zulieferer oder Industrieunternehmen Partner. Und wesentlich früher als geplant, baut zieht es Cargonexx ins Ausland.

          Dabei hat das 2015 gegründete Hamburger Unternehmen erst Anfang 2017 den kommerziellen Betrieb aufgenommen. Dass es so rasant wächst und vom Erfolg seiner Idee überholt wird, hat nicht einmal Lafrenz erwartet. Es zwingt ihn zur Korrektur des Konzeptes und zur Einführung von Geschäftsmodellen, die erst nach der Startphase vorgesehen waren.

          „Der Erfolg macht uns im Moment euphorisch“, sagt Lafrenz ganz ruhig und ohne Ekstase. Erst im Laufe des Gespräches kristallisiert sich heraus, dass er vieles anders und schneller als geplant umsetzen muss. Die entwickelte Eigendynamik zwingt zu äußerst agilem Handeln. „Wir haben immer mehr Fahrzeuge, die exklusiv für uns arbeiten.“ Lafrenz und seine mehr als 40 Mitarbeiter stellen Touren zusammen nach dem „Flixbus-Prinzip“: Angeheuerte Lastwagen übernehmen im Liniendienst die Transporte.

          Eine halbe Millionen Lastwagen auf der Autobahn

          So war das am Anfang gar nicht vorgesehen, als Lafrenz Ende 2015 Cargonexx gegründet hat, im Folgejahr den Testbetrieb aufnahm und Anfang 2017 kommerziell an den Start gegangen ist. Die entwickelte digitale Plattform vermittelt freie Frachtkapazitäten. Am Tag verstopfen mehr als eine halbe Millionen Lastwagen die Autobahnen. Laut Kraftfahrtbundesamt sind 36 Prozent der Touren Leerfahrten; meistens handelt es sich Rückfahrten. Bei geschätzten 30 Milliarden gefahrenen Kilometern auf mautpflichtigen Straßen für das Jahr 2017 fahren die Fahrzeuge fast 11 Milliarden Kilometer nutzlos herum, verursachen Staus und belasten die Umwelt.

          Anders als die üblichen, auch im Internet betriebenen Frachtbörsen, organisiert das Hamburger Unternehmen den Transport selbst, ist also kein Agent. Das Start-up übernimmt die Haftung und verpflichtet sich zum Transport. Eingestellte Fracht wird in Sekundenschnelle zu aktuellen Bedingungen und sich ständig verändernden Preisen vermittelt.

          Die entwickelte Software setzt Künstliche Intelligenz ein – bislang in der Logistikbranche ein Fremdwort. „Da gibt es noch ein gewaltiges Potential.“ Lafrenz tritt damit dem Vorstand eines Logistikkonzerns entgegen, der einmal davon gesprochen hat, Ladung sei „dumm“.

          Weit mehr als 400 Parameter gehen als Determinanten in des System ein. Neben Jahreszeit, Wochentag, Wetter- und Verkehrsdaten bilden Transportdaten nur das Fundament. Herausfordernd sind Analysen von sich ständig ändernden Umständen wie Baustellen, Betriebsferien in der Autoproduktion, Schulferien oder Feiertage mit entsprechend hohem Verkehrsaufkommen, aber auch Leistungen eines etwa unzuverlässigen Fuhrunternehmers.

          Solche Faktoren werden normalerweise von Disponenten der Speditionen bearbeitet. Das erledigt die Cargonexx-Software in Sekundenschnelle. Aus jedem Vorgang und jeder vermittelten Tour lernt der Algorithmus hinzu. Das Einzugsgebiet ist dabei ganz Deutschland, zunehmend auch Europa. Der Disponent eines Spediteurs ist in der Regel für eine Region zuständig und hat so nur einen räumlich begrenzten Überblick.

          So werden Touren und Kapazitäten angeboten, die zunehmend große Unternehmen mit erforderlicher extrem hoher Flexibilität in Anspruch nehmen – alles was Rang und Namen mit unterschiedlichsten Anforderungen an Transport und Logistik hat. Audi hat andere Profile als die einzelhandelsnahen Kunden Metro, Lidl, Procter&Gamble, Unilever, Coca Cola oder die Baumärkte Obi, Hornbach und Bauhaus. Ein Logistikkontrakt mit Siemens scheint unmittelbar vor dem Abschluss zu stehen.

          In drei Jahren Gewinn

          Den Großkunden ist es mit zu verdanken, dass nun das Ausland früher als erwartet als Expansionsfeld in Angriff genommen wird. War bislang allenfalls mal der direkte Grenzverkehr in die Benelux-Länder oder Polen ein Thema, erweitert sich der Cargonexx-Horizont nun auf Frankreich, Spanien, Italien, Dänemark und Osteuropa.

          In drei Jahren schon möchte Lafrenz die Gewinnschwelle überschreiten. Das ist für ein Start-Up, dass durch 15 Privatinvestoren finanziert wird, ein ehrgeiziges Ziel. Die Investitionen insbesondere in neue Mitarbeiter und Software werden größtenteils schon aus dem operativen Geschäft finanziert. Knapp 10 Millionen Euro Umsatz strebt Lafrenz in diesem Jahr an. 2019 sollen es mehr als 30 Millionen Euro sein. Da gibt es noch viel Luft nach oben – in einem Markt, der mehr als 300 Milliarden Euro schwer ist und in dem die Digitalisierung erst begonnen hat.

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