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Start-up Unu : Mit E-Rollern gegen den Verkehrsinfarkt

Den Unu-Roller gibt es in vielen verschiedenen Farben. Bild: Amalie Sverdrup Warberg

Das Start-up Unu will in den kommenden Jahren mehrere tausend Exemplare seines neuen elektrischen Sharing-Rollers auf die Straße bringen. Dafür sammeln die jungen Gründer nun 10,5 Millionen Euro ein.

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          Die erste Investition in das E-Roller-Start-up Unu betrug 3600 Euro, die jüngste 10,5 Millionen. Damals, im Jahr 2013, waren es die Gründer Pascal Blum, Mathieu Caudal und Elias Atahi, die mit ihrem Bachelorabschluss in der Hand und viel Mut in der Brust ihr Geld zusammenkratzten und alles auf ein eigenes Unternehmen für elektrische Roller setzten. An diesem Dienstag sind es große Investoren, die den Berlinern und ihren 80 Mitarbeitern ihr Vertrauen schenken.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die drei haben mit dem frischen Kapital viel vor. In der Produktentwicklung arbeitet Unu derzeit an „drei zentralen Trends, die die urbane Mobilität in der Zukunft verändern werden“: elektrische, vernetzte und autonome Fahrzeuge. Noch im kommenden Jahr soll die zweite Produktgeneration ihres E-Rollers auf die Straße kommen – bereit, einen neuen Markt zu erobern: das Roller-Sharing. Ganz neu ist die Idee nicht, es mit Rollern den Car-Sharing-Anbietern wie Drivenow oder Car2go nachzutun. In Deutschland teilen sich derzeit Coup und Emmy das Geschäft; allein in Berlin sind etwa 1700 elektrisch betriebene Mopeds der beiden Start-ups unterwegs. In den europäischen Hochburgen Mailand, Madrid, Barcelona und Paris kommen schon mal sechs Anbieter auf eine Stadt – ist da noch Platz für einen weiteren Mitspieler?

          Pascal Blum, der sich bei Unu um die Finanzen kümmert, sieht sein Unternehmen nicht in der Rolle des Nachzüglers: „Wir steigen nicht als Konkurrent in den Markt ein. Unsere neue Produktgeneration ist die erste, die explizit auf das Sharing ausgerichtet ist“, sagt er. Produziert wird der Unu-Roller, der sich mit seiner Wendigkeit und dem Retro-Design schnell einen Namen gemacht hat, von Flextronics in China; der Motor stammt von Bosch, die Reifen von dem deutschen Werk Heidenau und die Batterie von dem französischen Hersteller Forsee. Mit zwei portablen Akkus kommt der Flitzer bis zu 100 Kilometer weit, bei einer Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern und einer Ladezeit von fünf bis sechs Stunden. Das Basismodell beginnt bei 1799 Euro. Zum Vergleich: Die „Schwalbe“ des Münchner E-Roller-Herstellers Govecs kostet mindestens 5390 Euro. Technische Details des neuen Unu-Rollers sind noch nicht bekannt.

          „Globale Partner“ bleiben noch geheim

          Für ihr neues Unterfangen haben sich die jungen Geschäftsmänner aus Berlin lokale Partner im In- und Ausland gesucht, die mit dem Aufbau und Betrieb der Sharing-Flotte betraut sind – Unu liefert lediglich die Hard- und Software. „Wir sind der David zwischen den Goliaths der Mobilitätsdienstleister und brauchen deshalb starke Partner“, sagt Blum.

          In den kommenden zwei bis drei Jahren will das Start-up so mehrere tausend Exemplare seines neuen elektrischen Sharing-Rollers auf die Straße bringen, „in so vielen Städten wie möglich, die die urbane Mobilität vor große Herausforderungen stellt“, erklärt Blum. Dafür ist der Eintritt in drei neue Märkte auch außerhalb von Europa geplant, die der Unternehmer noch nicht bekanntgeben will. Unu liefert seine E-Roller derzeit an Kunden in Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden. Nach eigenen Angaben ist das Start-up mit mehr als 10000 verkauften E-Rollern Marktführer im deutschsprachigen Raum. Zu Umsatz- und Gewinnzahlen schweigt sich Blum aus, nur so viel verrät er: „In Deutschland und Österreich sind wir profitabel.“

          Ebenso bleibt vorerst geheim, mit welchen „globalen Partnern“ Unu eine Kooperation eingeht. Bekannt sind wohl aber die Investoren. Angeführt wird die Finanzierungsrunde von Ponooc, einem niederländischen Wagniskapitalgeber, der auf Nachhaltigkeit und die Zukunft der Mobilität setzt. Bestehende Geldgeber beteiligen sich abermals, darunter Capnamic Ventures, der französische Venture Capital Fund Iris Capital, die NRW-Bank und mehrere private Geldgeber wie der bekannte amerikanische Unternehmer Michael Baum. Sie statteten Unu zuletzt im Sommer 2017 mit einem Investment von 7,5 Millionen Euro aus.

          E-Roller haben nur Vorteile

          Das Interesse der Investoren an Unu kommt nicht von ungefähr. Dem Segment der E-Roller und insbesondere des E-Roller-Sharings wird großes Wachstumspotential vorausgesagt. So wuchs der Markt für Elektroroller laut dem europäischen Motorradhersteller-Verband ACEM im ersten Quartal 2018 um 51 Prozent, während der Absatz von konventionellen Rollern um 40 Prozent einbrach. Allein in China, wo der Elektroroller das Mittel der Wahl für verstopfte und versmogte Innenstädte ist, werden etwa 200 Millionen von ihnen gezählt. Hunderte Hersteller teilen sich dort einen Jahresumsatz von gut 30 Milliarden Euro. Mit Govecs und dem chinesischen Hersteller Niu wagen demnächst zwei Anbieter gar den Schritt an die Börse. Doch musste Govecs sein Börsendebüt in einem ungewöhnlichen Schritt verschieben und seine Investitionspläne zusammenstreichen.

          Elias Atahi und Pascal Leonard Blum (r.) im Laden-Office ihrer Firma Unu in München

          Der Markt für das Roller-Sharing ist seinerseits in wenigen Jahren stark gewachsen. So schätzen Branchenkenner, dass die Zahl der Roller-Sharer im Jahr 2019 rund 3 Millionen erreichen könnte, 2017 lag sie noch bei ungefähr 350.000. In fünfzig Städten rund um den Globus werden laut Zahlen des Berliner Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (Innoz) schon Roller geteilt, die allermeisten fahren elektrisch.

          „Der Markt steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt Blum und verweist darauf, dass einige Städte – etwa Amsterdam und Genua – mittlerweile gegen spritbetriebene Roller vorgehen, weil sie noch viel schlimmere Luftverpester seien als Dieselautos. „Elektroroller haben nur Vorteile: Sie sind sauber, geräuschlos und beschleunigen schneller als Benziner“, sagt Blum. Roller-Sharing sei außerdem nachhaltiger als Bike-Sharing, was den Materialverschleiß betreffe. Turmhohe Berge sorglos hingeworfener Leihräder, wie sie vor allem in chinesischen Städten entstehen, werde es mit den Rollern nicht geben: Zu teuer die Materialkosten, zu hoch die Kontrolle über die Fahrer, meint Blum.

          Was so vielversprechend klingt, ruft über kurz oder lang Kaufinteressenten aufs Parkett. Gehört Unu vielleicht bald zu Uber oder Tesla? „Wir haben eine klare Vision, wie sich urbane Mobilität entwickeln soll, damit Menschen endlich das volle Potential ihrer Stadt ausschöpfen können. Das kann man nicht aus der Portokasse bezahlen. Daher planen wir langfristig, entweder an die Börse zu gehen oder uns mit einem strategischen Partner zu verbinden, der unsere Vision von urbaner Mobilität teilt und unterstützt“, sagt Blum. Denn für innovative Ideen brauche es junge Menschen – für das Kapital und die Infrastruktur aber mächtige Verbündete.

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