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Kritik der Start-up-Szene : Große Koalition ohne Gründergeist

Martin Schulz besucht im Mai 2017 das Start-up Sonnen in Berlin. Bild: dpa

Rente, Soli, Familiennachzug: Worüber in den Koalitionsverhandlungen gerungen wird, geht an der Lebenswirklichkeit der Jungen weitgehend vorbei. Jetzt begehren Deutschlands Gründer auf: Packt endlich die wahren Probleme an!

          Kaum einer verkörpert die Zukunft Deutschlands so gut wie Ramin Niroumand. Mit gerade mal 30 Jahren hat es der Deutsche mit persischen Wurzeln zu einem der erfolgreichsten Start-up-Unternehmer im Land gebracht. Unter dem Dach seines Unternehmens Finleap sind ein Dutzend Fintechs gebündelt – junge Finanzunternehmen, die etablierten Banken und Versicherungen Konkurrenz machen. Erst im vergangenen Sommer sammelte Finleap in einer Finanzierungsrunde 39 Millionen Euro von Investoren ein. Doch wenn man mit Niroumand über Politik spricht, dann weicht sein gewöhnlich breites Grinsen schnell der Ernüchterung.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Wie so vielen Gründern in Deutschland werden auch ihm die politischen Diskussionen in Berlin zunehmend fremd. Während in den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD leidenschaftlich und bis ins Detail über die Sicherung des Rentenniveaus, das Abschmelzen des Solis und den Familiennachzug von Flüchtlingen gestritten wird, fragt sich Deutschlands Unternehmernachwuchs: Was hat das alles mit uns zu tun? Niroumands Fazit nach einer Umfrage im Berliner Finleap-Büro: „Mit der Frage, wer wie viel in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlt, holt man hier keinen hinter dem Ofen hervor.“

          „Verlieren die großen Dinge aus den Augen“

          Florian Nöll, Chef des Deutschen Start-up-Verbands und Repräsentant von mehr als 7000 jungen Unternehmen, schließt sich dieser Kritik an. Er sagt: „Wir beschäftigen uns mit relativ kleinen Problemen und verlieren dafür die großen Dinge aus dem Auge.“ Das große Ding aus Sicht des Unternehmernachwuchses ist dabei ganz klar: die Digitalisierung. Die zwar laut übereinstimmenden Aussagen von Politikern ungemein wichtig ist, aber irgendwie auch zu komplex, um sie in die Tat umzusetzen – Neuland eben.

          Der Ärger der Gründerszene fing schon damit an, dass das Wort Start-up im 28-seitigen Sondierungspapier von Union und SPD kein einziges Mal auftaucht. Die jetzt angelaufenen Verhandlungen machen wenig Hoffnung auf Besserung. „Wir kommen einfach nicht vor“, klagt Finn Hänsel, Chef von Movinga, einem Start-up, das Lieferprozesse optimiert. Es gehe in der Politik immerzu um Verteilungsfragen und nicht so sehr darum, womit die deutsche Wirtschaft in Zukunft eigentlich ihr Geld verdienen soll.

          Dass die angehenden Koalitionäre den Ausbau des schnellen Gigabit-Netzes versprechen, entlockt der Start-up-Szene allenfalls ein müdes Lächeln. „Das bringt uns nur auf das Niveau, wo andere längst sind“, sagt Verbandschef Nöll. Viel wichtiger wäre es aus seiner Sicht, die Finanzierung junger Unternehmen mit Wagniskapital zu verbessern. Große Investoren wie Lebensversicherungen und Pensionskassen halten sich diesbezüglich zurück – zu groß wäre das Risiko, das Geld der Sparer zu verlieren. Nöll verweist in diesem Zusammenhang gerne auf das Beispiel Dänemark. Dort habe die Regierung einen speziellen Fonds für Investitionen in Start-ups aufgelegt. Der Staat trage einen Teil des Verlustrisikos, profitiere aber im Erfolgsfall auch von den Gewinnen.

          Bürokratie bremst das Wachstum

          Das zweite große Thema, das die Start-ups umtreibt, ist die Bürokratie. „Eine Gewerbe-Ummeldung in Berlin geht zwar online. Aber es dauert zehn Monate, bis sie auch vollzogen ist“, berichtet Florian Nöll. Anna Alex vom Berliner Mode-Start-up Outfittery regt sich derweil über die Vergabe von Kita-Plätzen auf. „Es wäre so leicht, die freien Plätze mit Hilfe einer App zu verteilen.“ Aber die öffentliche Verwaltung wolle sich partout nicht von Start-ups helfen lassen. „Dieser ganze Prozess ist so ineffizient“, stöhnt Alex. Finn Hänsel von Movinga ergänzt: „Wenn wir einen Programmierer aus dem Ausland holen wollen, dauert das vier bis fünf Monate. Wir brauchten die Leute aber eigentlich morgen.“

          Was direkt zum nächsten Problemfeld führt: der wenig digitalen Ausbildung in Deutschland. Florian Nöll vom Start-up-Verband hätte am liebsten ein Schulfach Digitalkunde, Finleap-Chef Niroumand wirbt für Programmier-Unterricht ab der fünften Klasse. Movinga-Mann Hänsel erzählt unterdessen, wie in Australien – wo er eine Weile gelebt hat – professionelle Spieleentwickler an die Schulen kommen, um die Kinder für solche Berufe zu begeistern. Einig sind sich die Gründer darin, dass all diese Ansätze im föderalen deutschen Bildungssystem wohl kaum eine Chance hätten. Überhaupt, der Föderalismus: „Wir bauen lieber 16 kleine Silicon Valleys als ein großes“, redet sich Ramin Niroumand in Rage.

          Vorreiter Frankreich?

          Nicht ohne Grund gehen derzeit viele neidische Blicke der Gründer in Richtung Frankreich, wo sich Präsident Emmanuel Macron auf die Fahnen geschrieben hat, das Land zur „Start-up-Nation“ zu machen. Movinga als deutsch-französisches Unternehmen hat davon schon profitiert; Hänsels Team berät jetzt das französische Militär, wie es seine Logistik verbessern kann. „Ein Regierungsauftrag für ein Start-up war bislang ein No-Go“, sagt Hänsel. Umso glücklicher ist er, dass sich das jetzt ändert – nicht in Deutschland, aber zumindest in Frankreich.

          Der deutsche Stillstand hängt nach Meinung der Gründer nicht zuletzt mit dem politischen Personal hierzulande zusammen. Es fehle einer, der für Aufbruch stehe, der eine Vision für die Zukunft skizzieren könne. „Wenn Markus Söder jetzt verspricht, bis zum Jahr 2050 alle Busse in Bayern mit W-Lan auszurüsten, dann fehlen mir die Worte“, sagt Florian Nöll. „Das sind 32 Jahre! Ob es dann überhaupt noch W-Lan gibt?“

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