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Start-up-Klimaindex : Gründer in Deutschland fühlen sich überreguliert

Beliebter Start-up-Arbeitsort: Das Café St. Oberholz in Berlin Mitte. Bild: Picture-Alliance

Wie geht es Start-ups in Deutschland? Gemeinsam mit den Investoren von Holtzbrinck Ventures haben wir sie gefragt. Die finanzielle Lage ist rosig, doch ein Problem ist besonders drängend.

          Noch vor nicht allzu langer Zeit haben sich Gründer in Deutschland vor allem daran gestört, dass sie nur schwer an Kapital gekommen sind. Das hat sich geändert: Für Start-ups ist die Finanzierungssituation in Deutschland so gut, wie sie es zuvor noch nie war. Es gibt mehr Venture Capital und Risikokapitalgeber als je zuvor. Was den Gründern viel stärker aufs Gemüt drückt, ist die Regulierung. Es sieht danach aus, als hätten Deutschlands Start-ups und die Politik Redebedarf.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Grundlage dafür ist eine Umfrage, in der die Investoren von Holtzbrinck Ventures (HV) und die F.A.Z. die Stimmung unter deutschen Start-ups erfragt haben. Der „Start-up-Klimaindikator“ soll künftig in halbjähriger Abfolge ein Bild des Gründer-Ökosystems zeichnen. Über einen Erhebungszeitraum von einem Monat sollten die Teilnehmer einige Fragen zu ihrem Start-up beantworten.

          An Geld mangelt es nicht

          Insgesamt 109 Start-ups nahmen teil, 105 gültige Antworten gingen ein. Gut die Hälfte der Befragten beschäftigt zwischen 10 und 50 Mitarbeiter, rund 43 Prozent konnten schon zwischen einer und fünf Millionen Euro Kapital einsammeln, etwa vier von zehn Start-ups haben zuletzt ihre Anschubfinanzierung, die sogenannte Seed-Runde, abgeschlossen.

          An Geld mangelt es offenkundig nicht: Nur ein Viertel der befragten Start-ups beschreibt den Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten als schwierig (siehe Grafik). Freilich ist die Situation nicht für alle gleich: So empfinden Start-ups, die schon mehr als 50 Millionen Euro an Wagniskapital einsammeln konnten, den Zugang zu neuem Geld nicht mehr als kompliziert.

          Gründer, die weniger als eine Million Euro erhalten haben, halten den Zugang für deutlich schwerer. Je jünger ein Unternehmen ist, desto schwieriger ist die Suche nach Geldgebern. Wer schon einiges gegründet hat und eine Reputation aufgebaut hat, kann leichter auch neue Wege zur Finanzierung finden. „Spannend wird, wie sich das entwickelt“, sagt Christian Saller, Partner von HV und Mitinitiator der Umfrage. „Dadurch dass die Märkte eingebrochen sind, sind vor allem die späteren Finanzierungsrunden schwieriger geworden.“

          So viel Geld wie nie zuvor

          In der Rückschau sieht es für Jungunternehmen aber gut aus: Nach einer Auswertung der Fachleute von Dealroom haben deutsche Start-ups im vergangenen Jahr mit knapp 4,6 Milliarden Euro so viel Geld wie nie zuvor von Investoren erhalten. Berlin liegt in Deutschland klar vorn, Hamburg hat zuletzt mehr Geld erhalten als München. Trotzdem liegt die bayrische Landeshauptstadt in der Bedeutung deutlich vor Hamburg, wenngleich Berlin immer noch der größte Anziehungspunkt sowohl für Gründer als auch für ihre Finanziers ist.

          Dass Berlin und München mit Abstand die wichtigsten deutschen Start-up-Städte sind, hält Saller für begrüßenswert. Es brauche für ein funktionierendes Ökosystem schließlich eine kritische Masse. „In Berlin haben wir sicher den größten Talentpool, aber auch den größten Wettbewerb. In München gibt es dafür größeren Wettbewerb mit den klassischen Unternehmen, die dort stark sind. Den ,War for Talent‘ sehen wir praktisch überall.“

          Deshalb hat es den Investor auch nicht überrascht, dass mehr als jedes zweite Start-up (62,86 Prozent) angibt, Schwierigkeiten damit zu haben, geeignete Mitarbeiter zu finden. Vergleicht man die Antworten der Befragten über die Unternehmensphasen hinweg, also je nach Finanzierungsrunde, fällt auf, dass es Unternehmen nicht nur am Anfang, sondern auch dann wieder schwerfällt, wenn schon reichlich Kapital eingesammelt wurde. Das liegt vor allem daran, dass sie in dieser Phase besonders viel Personal brauchen, um schneller zu wachsen, was die Personalknappheit noch bewusster werden lässt. Nach dem Motto: Fünf Entwickler zu finden funktioniert noch, bei 50 Entwicklern ist es aber unmöglich.

          Neben der Personalnot scheint allerdings das regulatorische Umfeld eines der größten Sorgenkinder zu sein: Zwei Drittel der Befragten fühlen sich dadurch behindert. Das hat sogar den Investor überrascht: „Man kann nicht erwarten, dass die Gründer Regulierung für förderlich halten. Aber dass ihre Meinung so negativ ausfällt, hätte ich nicht gedacht“, sagt Saller.

          Ein wichtiger Grund könnte allerdings auch mit einem offenen Brief zu tun haben, den kürzlich einige Jungunternehmen, darunter auch bekanntere Start-ups wie Delivery Hero, iZettle oder Blablacar an die EU geschickt haben. Sie fordern eine andere Besteuerung von Aktienoptionen. In vielen Start-ups sind sie als Bestandteil des Gehalts üblich, sie werden aber in Europa schon beim Erhalt und nicht erst beim Einlösen besteuert. Das wiederum macht es im Kampf um Talente für die deutschen Gründer schwieriger, auch international mitzuhalten – so können sie nämlich nicht so attraktive Pakete schnüren wie ihre amerikanischen oder asiatischen Konkurrenten. Für ein Start-up, das international sein will, ist das ein Problem.

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