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Spotify-Gründer Daniel Ek : „Seit ich 4 bin, dreht sich mein Leben um Musik und Technik“

Retter der Musikindustrie? Spotify-Gründer Daniel Ek Bild: Bloomberg

Daniel Ek hat mit seinem Musikstreaming-Dienst Spotify die Musikindustrie neu erfunden. Er will nicht weniger als „die Welt mit jedem Lied besser machen“. Sein neuestes Projekt: ein ungewöhnlicher Börsengang.

          Börsenprospekte sind üblicherweise trockene Lektüre, und auch der von Spotify ist da keine Ausnahme. Über 250 Seiten hinweg werden detailliert Zahlen und Fakten zu dem weltgrößten Anbieter von Online-Musikabonnements ausgebreitet. Anders geht es nicht, wenn ein Unternehmen an die Börse gehen will. Doch mittendrin in dem Informationswust findet sich ein ungewöhnliches Kapitel. Es trägt die Überschrift „Brief von Daniel Ek“, und der Mitgründer und Vorstandschef von Spotify schlägt darin einen sehr persönlichen Ton an, der ganz anders klingt als der große Rest des Börsengang-Wälzers.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Seit ich vier Jahre alt war, dreht sich mein Leben um Musik und Technologie – niemals das eine ohne das andere“, beginnt Ek seinen Brief an die zukünftigen Aktionäre. Auf den folgenden zwei Seiten schildert er schwärmerisch, dass es ihm mit Spotify darum gehe, die „menschliche Kreativität zu entfesseln“. Spotify habe „Millionen von Künstlern die Möglichkeit eröffnet, von ihrer Arbeit zu leben“. Das Unternehmen habe die Musikindustrie „demokratisiert“, indem es Musikern die Chance auf einen direkten Kontakt zu ihrem Publikum eröffnet habe. Musik und andere Künste könnten „uns aus unserer Isolation befreien und Menschen zueinanderbringen“.

          Ek langweilt der Ruhestand

          Ek hat einen großen Traum, aber er ist kein Träumer. Er ist Mitte dreißig, und er hatte schon mit Anfang zwanzig mit Start-up-Unternehmen aus der Technologiebranche genug Geld verdient, um sich zur Ruhe setzen zu können. Angeblich hat er das auch ein paar Monate lang versucht, doch der Vorruhestand wurde ihm schnell langweilig. Deshalb gründete Ek 2006 in Stockholm zusammen mit seinem Partner Martin Lorentzon Spotify.

          Die Musikindustrie schien damals kurz vor dem Kollaps. Binnen weniger Jahre hatten das Internet und Online-Tauschbörsen wie die berüchtigte Plattform Napster das Geschäftsmodell der Plattenfirmen in seinen Grundfesten erschüttert. Die Verkaufszahlen und Umsätze waren im freien Fall. Apple hatte zwar mit iTunes einen digitalen Vertriebskanal aufgebaut, aber über den Berg waren die Musiklabels damit noch lange nicht.

          Ek und Lorentzon waren nicht die Ersten, die damit experimentierten, Musik nicht mehr zu verkaufen – ob als CD oder digitalen Download –, sondern quasi zu verleihen. Spotify, das 2008 an den Markt ging, bietet den Kunden freien Zugang zu einer riesigen Auswahl an Musik. Aber hören können sie nur so lange, wie sie ihren monatlichen Beitrag dafür bezahlen. Die Plattenfirmen und andere hatten mit solchen Abonnement-Angeboten auch schon ihr Glück versucht, doch waren damit gescheitert.

          Großer Erfolg in der europäischen Technologiebranche

          Spotify dagegen wurde eine der größten Erfolgsgeschichten in der europäischen Technologiebranche: Das Musikstreaming ist heute praktisch der einzige relevante Wachstumsmotor für die Plattenfirmen, denn auch der Verkauf von Musikdownloads schrumpft längst. Spotify aber ist in mehr als 60 Ländern aktiv und hat fast 160 Millionen Abonnenten. Das Unternehmen kommt im Musikstreaming-Geschäft auf einen Marktanteil von gut 40 Prozent. Apple hat den Pionier aus Schweden zwar kopiert und einen eigenen Abonnementdienst auf den Markt gebracht. Der ist im Vergleich zu Spotify aber bisher weit abgeschlagen.

          Jetzt geht das Unternehmen an die Börse und man darf vermuten, dass Ek darauf nicht besonders erpicht gewesen ist. Die Informationen im Börsenprospekt deuten vielmehr darauf hin, dass die Erstnotiz eine finanzielle Notwendigkeit ist: das noch immer defizitäre Unternehmen hat zur Finanzierung seines Wachstums eine milliardenschwere Wandelanleihe begeben. Mit der Börsennotierung in New York kann sich Spotify die Tilgung ersparen. Der Börsengang könnte den Großaktionär Ek zumindest auf dem Papier zum Milliardär machen – und ist für ihn dennoch nur ein notwendiges Übel. Das könnte erklären, warum Spotify dafür die unkonventionelle, aber kostengünstige Methode einer Direktplazierung nutzt.

          Ek und sein Weggefährte Lorentzon haben dafür gesorgt, dass sie weiter das Sagen haben: Sonderstimmrechte dürften auch nach der Erstnotiz sicherstellen, dass sie die Kontrolle über das Unternehmen behalten. Allerdings kann sich Spotify damit beim Börsengang kein frisches Kapital besorgen – obwohl das Unternehmen zusätzliche Mittel gut gebrauchen könnte. Der Streaming-Pionier macht weiter hohe Verluste, und er konkurriert mit Konzernriesen wie Apple und Amazon. Aber zumindest in seinem Brief im Börsenprospekt beteuert Ek, ihm gehe es um etwas ganz anderes. Er schließt mit den Worten: „Wir glauben wirklich daran, dass wir die Welt mit jedem Lied besser machen können.“

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