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„Fitnessprogramm“ : SAP siebt 4400 Stellen aus

Das Firmenlogo hängt an der Konzernzentrale des Softwarekonzerns SAP in Walldorf. Bild: dpa

Europas größter Softwarekonzern muss fit werden für die stark nachgefragte Cloud-Technik. Dafür müssen Mitarbeiter gehen – und das auch in Deutschland.

          Der digitale Wandel macht auch vor dem Softwarekonzern SAP nicht halt. Der Konzern kündigte am Dienstag ein Umbauprogramm an, dem 4400 Stellen zum Opfer fallen könnten. Dabei gehe es nach Worten des Vorstandsvorsitzenden Bill McDermotts Worten nicht ums Sparen, sondern darum, SAP auf die gewandelten Anforderungen einzustellen, vor allem das stark wachsenden Cloud-Geschäft. In Summe werde der Konzern auch 2019 die Zahl der Mitarbeiter deutlich steigern, von 96.500 auf 105.000.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Das SAP-Management geht davon aus, dass von dem Umbau etwa 1200 Stellen in Deutschland betroffen sind. In Wartung und Vertrieb klassischer Software fallen Stellen weg, im Gegenzug würden weiter Mitarbeiter für Datenanalyse, Clouddienste und die Entwicklung Künstlicher Intelligenz gesucht. Das Programm beruht auf Freiwilligkeit und wird zum Teil über üppige Vorruhestandsprogramme finanziert, die der Konzern komplett alleine stemmt. Es soll bis zu 950 Millionen Euro kosten, komplett vom Unternehmen finanziert werden, und von 2020 an zwischen 750 und 850 Millionen Euro im Jahr sparen.

          Glaubt man McDermott, dann könnte die Führung von SAP trotz des Umbaus „nicht froher sein“. Der 57 Jahre alte Amerikaner an der Spitze von Europas größtem Softwarekonzern zeichnete auf der Jahrespressekonferenz ein überaus rosiges Bild seines Unternehmens. Die Ausrichtung von SAP sei „einzigartig angepasst auf das sich wandelnde Umfeld.“ Mit seinen Programmen rund um die Steuerung und Analyse von Marken, Konsumenten, Produkten und Beschäftigten biete SAP den Kunden die Möglichkeit Vertrauen herzustellen, das was Unternehmen jetzt am meisten brauchten.

          Könnte SAP vom Handelsstreit profitieren?

          McDermott setzt dabei auf die Integration des im November für 8 Milliarden Dollar übernommenen amerikanischen Marktforschungsunternehmens Qualtrics, den bis dato größten Zukauf des Konzerns. Qualtrics liefere Daten, SAP die dazugehörige Analyse. Genau das werde heute gebraucht. Deshalb sei SAP widerstandsfähig gegen konjunkturelle Verwerfungen. Auch der Handelsstreit zwischen Amerika und China belastet SAP nach Darstellung des Vorstandes kaum. SAP bietet anders als die amerikanische Konkurrenz eigene Datenserver in China für chinesische Kunden an.

          Marktbeobachter gehen deshalb davon aus, dass der Handelsstreit angesichts der Übermacht amerikanischer Softwarekonzerne für SAP sogar einen gewissen Vorteil bringen könnte. Viele Alternativen zu den Amerikanern haben Unternehmen aus Asien nicht. Finanzvorstand Luka Mucic sagte, in den nächsten zwei Jahren werde sich SAP mit großen Zukäufen zurückhalten. Die Integration der Zukäufe und der Abbau der auf 11,3 Milliarden Euro angewachsenen Schulden hätten Vorrang.

          Im Berichtsjahr 2018 hat SAP seine im Jahresverlauf dreimal angehobenen Ziele erreicht. Der Jahresumsatz kletterte währungsbereinigt um elf Prozent auf 25,96 Milliarden Euro, das Betriebsergebnis um zehn Prozent auf 7,48 Milliarden Euro. Dass der Überschuss auf 5,2 Milliarden Euro allerdings sogar leicht zurückgegangen ist, begründete Mucic mit einem außergewöhnlich guten Vorjahresergebnis, das von der Steuerreform in Amerika überzeichnet gewesen sei.

          McDermott: SAP spürt keinen Gegenwind

          Zufrieden zeigte sich das SAP-Management vor allem mit der rasant wachsenden Nachfrage nach Softwaredienstleistungen via Internet, dem sogenannten Cloudgeschäft. Dort hatte SAP in den Vorjahren schließlich erheblich investiert und zum Angriff auf Salesforce geblasen, dem amerikanischen Marktführer für Vertriebssteuerung via Cloud. 2018 wuchsen die Umsätze im SAP-Cloudgeschäft währungsbereinigt um 38 Prozent auf 5 Milliarden Euro. Im vierten Quartal allerdings ließ die Dynamik nach, was am Aktienmarkt für Verunsicherung sorgte. Nach McDermotts Worten spürt SAP keinen Gegenwind. Im Gegenteil: Die „Kampfmaschine“ SAP sei das am stärksten wachsende große Cloudunternehmen und werde auch weiterhin das Wachstum der Wettbewerber übertreffen.

          Seinen Optimismus unterfütterte der Vorstand mit der Prognose eines um ein Drittel weiter rasantwachsenden Cloudgeschäfts. Das Betriebsergebnis soll in diesem Jahr um bis zu 11,5 Prozent auf bis zu 8 Milliarden Euro weiter steigen. Der Umsatz werde „etwas geringer“ wachsen als das Betriebsergebnis.

          Am Aktienmarkt wurden Bilanz und Ausblick skeptisch aufgenommen. Die Aktie gehörte mit einem Minus von 2,6 Prozent zu den größten Verlierern im Dax. Analysten bemängelten zum Teilden Ausblick, in dem immerhin schon die Qualtrics-Umsätze berücksichtigt seien, zum Teil die Stagnation der Marge. Finanzvorstand Mucic erwiderte, SAP habe die Margenerosion in diesem Jahr wie zugesagtgestoppt und strebe nun wieder eine Erhöhung an. Das Ergebnis sei angesichts des Wandels im Geschäftsmodell hin zum weniger margenträchtigen Cloudgeschäft ein Erfolg.

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