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Zukunft deutscher Unternehmen : Der Einstieg in Künstliche Intelligenz war noch nie so leicht

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Einheitliche Regeln

Der Austausch von Daten über Plattformen führt zu zahlreichen rechtlichen Fragestellungen, die vom Datenschutz bis hin zum Kartellrecht reichen. Die wichtigste Frage lautet: Welche Daten dürfen wie und für welche Zwecke erhoben, verarbeitet und geteilt werden? Um zurück auf das Beispiel mit den Bremsscheiben zu kommen: Sind die Betriebsdaten aus dem Fahrzeug personenbezogene Daten des Nutzers? Dürfen die Standortdaten übermittelt werden oder müssten alle ort- und personenbezogenen Informationen anonymisiert werden? Wie finden wir das richtige Gleichgewicht zwischen dem Datenschutz und einer höheren Sicherheit für die Verkehrsteilnehmer?

Hier braucht es ein einheitliches und verbindliches Regelwerk für die Nutzung von Betriebsdaten, am besten auf europäischer Ebene. Deshalb plädiere ich für eine europäische Datenstrategie, die die Nutzung, die Bepreisung und den Handel solcher Daten regelt. Diese würde die Prinzipien der Datenschutzgrundverordnung ergänzen und weiter auslegen. Solange das nicht geschieht, wird jedes Unternehmen seine Daten für sich behalten, um einem rechtlichen Risiko aus dem Weg zu gehen.

Die Hürden für den Einstieg in die KI waren noch nie niedriger. Einfache KI-Anwendungen, wie etwa die Automatisierung von Buchhaltungsprozessen, lassen sich innerhalb weniger Wochen und mit geringen Kosten umsetzen. Die Unternehmen können dabei auf fertige KI-Bausteine zurückgreifen, die viele Softwareanbieter in der Cloud zur Verfügung stellen. Das gilt übrigens auch für schwierigere Aufgaben wie die automatisierte Bilderkennung mit Hilfe von lernenden Systemen.

Gerade dem Mittelstand ließe sich so die Angst vor der vermeintlichen Mammutaufgabe nehmen. Zudem sind die in der KI-Strategie vorgeschlagenen Beratungsangebote rund um regulatorische und praktische Fragen – etwa in Form von KI-Lotsen –  für kleine und mittlere Unternehmen von großer Bedeutung, um letzte ‚Stolpersteine’ aus dem Weg zu räumen. Mindestens genauso wichtig ist jedoch, dass Unternehmen aller Größenordnungen sich stärker untereinander vernetzen, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Projekte in Angriff zu nehmen.

Weiterhin werden die Mittelständler erheblich vom Aufbau der Datenpools profitieren, da so Wettbewerbsgleichheit zu den Großunternehmen geschaffen wird. Umgekehrt binden sie ihre intelligenten Produkte an die Datenplattformen an und tragen so dazu bei, dass Deutschland in kurzer Zeit den weltweit größten Schatz an Maschinen- und Betriebsdaten aufbaut. Schließlich ist der Mittelstand das Rückgrat der deutschen Wirtschaft und somit auch der bedeutendste ‚Zulieferer von Daten‘.

Auf dem Weg zum führenden KI-Standort werden wird aber nur erfolgreich sein, wenn wir zunächst das ‚Problem in den Köpfen‘ lösen: Viele Firmen sind kulturell noch nicht auf das KI-Zeitalter vorbereitet. Das betrifft zum einen die Mitarbeiter, die es auf die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine vorzubereiten gilt. Dafür sind neben Schulungen auch ganz neue Arbeitskonzepte nötig. Zum anderen sind viele Führungskräfte und Entwickler allein auf die Weiterentwicklung der Produkte fokussiert und verpassen so die Wachstumsmöglichkeiten, die sich aus neuen Leistungsversprechen für die Nutzer auf Grundlage von Betriebsdaten und KI ergeben.

Nun ist schnelles Handeln gefragt: Hier ist nicht nur die Politik sondern vor allem auch die Wirtschaft gefordert, die den Aufbau von Datenpools als Grundlage für zukünftige Wertschöpfung und die Weltmarktführerschaft bei Industriedaten vorantreiben muss.

Frank Riemensperger ist Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Accenture.

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