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Oster-Kommentar : Smartphone-Sklaven

Hand aufs Herz – wie oft ertappen Sie sich dabei, das Handy schon wieder in der Hand zu halten? Hier kommen ein paar einfache Regeln für die ganze Familie.

          Ostern könnte so schön sein, wenn nur die Handys nicht wären. Es ist verrückt: 200 Mal am Tag schauen wir auf unser Smartphone. Vielleicht sind es auch 218 oder 186 Mal, da differieren die Studien leicht, je nach Land und Alter der befragten Personen. Die Tendenz ist definitiv steigend. Jeder zückt also, zieht man die Nachtruhe mal ab, alle vier, fünf Minuten das Smartphone. An Feiertagen noch häufiger als werktags.

          Die meisten haben schon gedaddelt, bevor sie sich zum Osterfrühstück hinsetzen. Sie konsultieren die Wetter-App, ob es regnet, statt einen Blick aus dem Fenster zu werfen, und rufen die Kinder per Whatsapp zu Tisch. Ist das noch normal oder schon krank? Zunächst einmal ist der technische Fortschritt ein Segen. Noch nie war es so einfach, Reisen zu buchen, Kontakt mit Freunden zu halten oder Fachliteratur runterzuladen, auf die man früher per Fernleihe tagelang warten musste. Nur gerät darüber das Leben an sich gelegentlich aus dem Blick.

          Hand aufs Herz – wie oft ertappen Sie sich dabei, das verflixte Gerät schon wieder in der Hand zu halten? „Phantom-Nutzung“ nennen die Experten das Phänomen, wenn Menschen am Handy spielen, ohne es zu merken; in Tests passiert das zwei von drei Befragten regelmäßig. Es gibt Apps, die auflisten, was wir wie lange am Handy machen. Die meisten Menschen sind entsetzt darüber, wie viel Zeit ihnen das Gerät am Tag klaut. Drei bis vier Stunden im Schnitt. So werden wir zu Sklaven der Smartphones.

          Nicht nur Kinder

          Es sind beileibe nicht nur die Kinder, die wie ferngesteuert durch das Leben gleiten. Ein Leichtes ist es, auf Teenies zu schimpfen, die in alle Welt ausschwärmen, stets mit Stöpseln im Ohr, den Blick starr auf das Handy gerichtet, das sich nur gelegentlich hebt, um ein Selfie zu schießen. Die Generation „Head down“ ist ein Problem, gewiss. Aber es sind die Erwachsenen, welche die Jugend verderben, weil sie die Kinder lieber rund um die Uhr ans Handy lassen, statt mit ihnen Fußball oder Scrabble zu spielen und ständig über Smartphone-freie Zeiten zu streiten. Regel Nummer eins in jeder Familie aber sollte sein: Bauklötze first, Tablet second. Regel Nummer zwei: Handys weg beim Essen.

          Letztere wird übrigens zumeist von den Erwachsenen gebrochen, die den Kindern ein lustiges Youtube-Filmchen zeigen oder nur kurz klären wollen, wer der nächste Trainer des FC Bayern wird. Klar, es geht immer nur um eine Kleinigkeit. Und doch: War nicht ausgemacht, keine Handys am Tisch? Von den Kindern erwarten wir, dass sie Regeln einhalten, die die Großen ständig brechen.

          Erwachsene sind grottenschlechte Vorbilder. Obwohl wir wissen: Smartphones können süchtig machen, sie entfachen – besonders im Gehirn Heranwachsender – ein ähnliches Glücksfeuerwerk wie Kokain. Und je öfter wir auf die Dinger schauen, desto unglücklicher und unproduktiver werden wir. Dabei ist Abhilfe ganz einfach: Flugmodus einschalten oder die Zeitfresser bewusst ganz verbannen.

          „Digital Detox“ nennt sich das. Der nächste Urlaub könnte dafür ein Anfang sein. Denn findige Hoteliers schlagen bereits Kapital aus dem wachsenden Bedürfnis nach digitalen Auszeiten. Heilfasten und Wellness war früher, heute umwirbt die Touristik Urlauber mit dem Versprechen W-Lan-freier Tage. Wie wäre es mit „Digital Detox und Alpenglühen“ in Südtirol? Da heißt es dann: „Handy abschalten und Kraft aus den Kräutern der Natur tanken.“ Oder darf es eine „W-Lan-freie Regenwald-Villa“ in Sri Lanka sein? Inklusive Trekking-Tour, Yoga und Meditationswandern.

          Dauerhafte Folgen sollte man sich von der Auszeit allerdings nicht versprechen. Zu Hause schlagen uns die Zeitfresser wieder in ihren Bann. Die Leidtragenden sind die Kinder. Wie sagte kürzlich eine Kinderpsychologin? „Meine Praxis ist voll mit Kindern, die zu oft am Handy sind. Aber noch nie war ein Kind hier, weil es zu lange Fußball gespielt oder Klavier geübt hat.“

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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