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Sinnvoll oder Suchtgefahr? : Nicht ohne mein Smartphone!

Ein Junge hält sich zwei Smartphones wie Scheuklappen neben die Augen. Bild: Frank Röth

Die Jugend hängt am Handy. Wie können Eltern da den Überblick behalten? Die F.A.Z. präsentiert Antworten auf die wichtigsten Fragen.

          Mein Kind ist ständig am Smartphone. Ist es süchtig?

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Die Diagnose Online-Sucht trifft auf etwa 3 Prozent der Jugendlichen ab 14 Jahren zu. Eine problematische Nutzung weisen nach Schätzungen mehr als 10 Prozent von ihnen auf, sie könnten in eine Sucht abrutschen. Die allermeisten Jugendlichen sind also weder süchtig noch gefährdet. Dennoch sind die Zahlen alarmierend – für eine psychische Störung sind sie nämlich hoch.

          Eine Sucht zu erkennen, das ist freilich schwierig, denn eine intensive Nutzung reicht als Hinweis nicht aus. Eltern sollten genau hinschauen und überlegen, ob die Gedanken des Kindes nur noch um das kreisen, was es auf dem Smartphone macht, ob es sich noch abgrenzen kann oder ganz einfach: ob es sich noch mit Freunden trifft. Wichtig dabei ist auch, dass die Mädchen und Jungen nicht nach dem Handy süchtig sind, sondern nach den Inhalten.

          Für Jugendliche besonders relevant ist die Sucht nach Computerspielen. „Computerspiele bieten Jugendlichen die Möglichkeit, sich dem realen Leben zu entziehen und in eine Welt abzugleiten, in der sie eine ganz andere Rolle einnehmen – in der sie stark sind und einen anderen Status haben“, erklärt Birgit Kimmel, pädagogische Leiterin von Klicksafe, einer EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz.

          Für Jugendliche, die nur schwer mit anderen in Kontakt kommen, ist der Rückzug in die Computerspielewelt eine Möglichkeit, damit umzugehen. Beim Spielen werden zudem Glückshormone ausgeschüttet, die relativ schnell süchtig machen können.

          Was soll ich tun, wenn ich den Eindruck habe, dass mein Kind süchtig sein könnte?

          Für jüngere Kinder sowieso, aber auch für Teenager gilt: als Allererstes das Gespräch suchen. Fragen und sich zeigen lassen, was sie im Internet machen, was sie daran so fasziniert und auch, mit wem sie spielen. Und dann gemeinsam überlegen, wie man Auszeiten festlegen kann. „Man darf ruhig sagen, dass man sich Sorgen macht, und erklären, was das Abgleiten in eine Mediensucht bedeuten würde“, sagt Fachfrau Kimmel.

          Wer an sein Kind nicht herankommt, kann sich an Beratungsstellen wenden. Adressen findet man zum Beispiel beim Fachverband Medienabhängigkeit unter fv-medienabhaengigkeit.de. Jugendliche, besonders Mädchen, sind viel in den sozialen Medien unterwegs.

          Dort geht es ja um Austausch und Kommunikation. Kann das schaden? Ja, sagen Fachleute. Nach einer Studie der Krankenkasse DAK sind 2,6 Prozent der Jugendlichen in Deutschland von den sozialen Medien abhängig. Sie sind stärker als andere gefährdet, depressiv zu werden. Klar ist auch, dass die sozialen Medien unglücklich machen können.

          Das gilt weniger für Youtube. Aber umso mehr für Instagram, wo Jugendliche Fotos und Videos teilen. Ein unsicheres Körpergefühl und Selbstzweifel gehören geradezu zur Pubertät – und werden durch das Anschauen der auf Instagram stark aufgehübschten Fotos verstärkt.

          Sind die sozialen Medien schlecht?

          Sie haben auch sehr positive Seiten. Sie unterstützen die Identitätsbildung, eine wichtige Entwicklungsaufgabe in der Pubertät, in der es um die emotionale Ablösung vom Elternhaus und das Finden einer eigenen Weltanschauung geht.

          In den sozialen Netzwerken können Jugendliche Selbstdarstellungen ausprobieren und darauf relativ rasch Rückmeldungen bekommen. Auf Diensten wie Instagram und Youtube suchen sich die jungen Leute, was schon Generationen vor ihnen getan haben: Vorbilder, Idole. Sie heißen heute Influencer und sind viel näher an der Lebenswelt der Jugendlichen als Film- und Popstars.

          Außerdem kann sehr entlastend sein, sich mit Freunden im Internet über Probleme und Sorgen auszutauschen. Und es kann sehr bereichernd sein, sich mit Menschen zu vernetzen, die ähnliche Interessen haben – auch wenn sie weit weg sind. Quasi eine neue Form der Brieffreundschaft.

          Soll ich die Handynutzung meines Kindes begrenzen?

          Beginnen Eltern damit erst in der Pubertät, dürfte es schwierig werden. Medienerziehung muss schon lange vorher anfangen. Smartphones sind schon in der dritten, vierten Klasse stark verbreitet; und die Nutzer werden immer jünger. „Wie im Straßenverkehr müssen Eltern ihre Kinder an die Internetnutzung heranführen. Sie müssen ihre Kinder lange begleiten und ihnen immer wieder zeigen, wie sie sich schützen können“, sagt Kimmel von Klicksafe.

          Schwer zu kontrollieren sind gerade mobile Endgeräte wie Smartphones, Tablets und internetfähige Spielekonsolen. Mit ihnen können die Kinder jederzeit ins Internet und womöglich verstörenden Inhalten begegnen. Umso wichtiger sind eine intensive Begleitung und ein ständiges Hinschauen. „Eltern sollten genau überlegen, welche App in welchem Alter auf Smartphone oder Tablet geladen wird“, sagt Kimmel.

          Sie empfiehlt kindergeeignete Apps oder Tipps zum Beispiel auf der Seite klick-tipps.net. Wenn es um Youtube Kids geht, dann sollten Eltern ihrer Ansicht nach sehr genau hinschauen und erst einmal selbst auswählen, was die Kinder sehen dürfen. „Denn es sind nicht alle Inhalte für junge Kinder geeignet.“

          Was bringt ein Handyverbot?

          Von generellen Handyverboten raten Medienpädagogen ab. Eine gute Selbstregulierung könne man nur im (begleiteten) Umgang mit den Geräten lernen. Wichtig sei aber, das gelte auch noch für jüngere Teenager, eine zeitliche Begrenzung. „Mobile Endgeräte gehören über Nacht nicht ins Schlafzimmer“, sagt Expertin Kimmel. Man könne zum Beispiel sagen, alle Handys, auch die der Eltern, werden über Nacht in der Küche aufgeladen.

          Das wird jüngeren Teenagern nicht gefallen. Ihre Proteste sollten Eltern allerdings aushalten. Sonst riskieren sie unausgeschlafene Kinder, die die halbe Nacht gechattet haben. Kimmel ermutigt Eltern, ihre Erziehungsprinzipien auf die Mediennutzung zu übertragen. Kinder seien zwar in der Handhabung der digitalen Geräte oft fitter als die Eltern. Aber nicht in der Einschätzung der Risiken.

          Was kann Jugendlichen im Internet passieren?

          Sie können auf problematische Inhalte stoßen: pornographische, extremistische, gewaltverherrlichende. Sie können im Kontakt verletzt, beleidigt, sexuell belästigt werden. Und es gibt kommerzielle Risiken wie Abzocke und schlecht erkennbare Werbung. Eltern sollten sich darüber informieren und ihr Kind beraten und unterstützen.

          Beispiel Kontaktrisiken: Da sollte man gemeinsam schauen, welche Sicherheits- und Privatsphäre-Einstellungen ein Dienst für Minderjährige hat, wie man zum Beispiel ein Profil nichtöffentlich stellen kann. Hinweise gibt es beispielsweise auf klicksafe.de. Zwischen 12 und 14 Jahren sollten Eltern gemeinsam mit Kindern ein Risikomanagement entwickeln.

          Zu klären ist dann auch, an wen man sich wenden kann, wenn etwas Unangenehmes im Netz passiert. Solche Personen des Vertrauens sind nicht unbedingt die Eltern. Hilfe finden Jugendliche auch im Netz; es gibt zum Beispiel die „Nummer gegen Kummer“ (nummergegenkummer.de), die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke.de) und juuuport.de.

          Bei jugend.support findet man einen guten Überblick und viele weitere Informationen. Zum Beispiel zum Blockieren und Melden von problematischen Inhalten und über Beschwerdestellen im Internet. Woher wissen Eltern das alles? Es führt kein Weg daran vorbei: Eltern, die ihre Kinder beraten wollen, müssen sich gut informieren.

          Elternratgeber gibt es auf klicksafe.de, schau-hin.info und elternguide.online. Auf handysektor.de findet man viele Informationen zur Handynutzung von Jugendlichen. Kimmel rät Eltern außerdem, Netzwerke, zum Beispiel über die Schule, aufzubauen. Und gemeinsam zu diskutieren, welche Regeln sich bewähren.

          Kann ich auch ältere Teenager noch unterstützen, oder bin ich dann raus?

          Loslassen muss man Teenager von etwa 16 Jahren an, sagt Kimmel. Schon ab etwa 14 Jahren sei der direkte elterliche Einfluss nur noch gering. Unterstützen kann und sollte man aber auch in diesem Alter. Dazu ist es wichtig, mit seinem Kind in einem guten Kontakt und Austausch zu stehen, respektvoll und nicht von oben herab. Eltern können dann Töchter und Söhne nach ihren Lebensvorstellungen fragen und ihre eigenen Haltungen verdeutlichen.

          Man kann gemeinsam über ethische Fragen diskutieren, zum Beispiel, ob man reagieren muss, wenn man Hate-Speech im Internet entdeckt. Und man kann die Mediennutzung auch kritisch hinterfragen. Wer allerdings nur negativ über die Smartphonenutzung spricht, wird mit seinen Kindern nicht ins Gespräch kommen. Und sie werden sich dann, wenn ihnen im Netz etwas passiert, nicht an ihre Eltern wenden.

          Bin ich ein Vorbild?

          Unbedingt, auch für ältere Teenager. Kann man selbst das Smartphone beiseitelegen, oder unterbricht man das Gespräch, sobald eine Nachricht hereinkommt? Ist man selbst im Smartphone-Stress, oder legt man eine gewisse Gelassenheit an den Tag? Eltern müssen nicht perfekt sein, sie sollten aber offen sein für das – auch selbstkritische – Gespräch mit ihren jugendlichen Kindern.

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