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Android 9.0 Pie vorgestellt : Der große Kampf gegen die Handysucht

  • -Aktualisiert am

Google benennt seine Android-Betriebssysteme traditionell nach Süßigkeiten. Bild: AP

Google führt mit seinem neuen Android-Betriebssystem Zeitlimits für bestimmte Apps ein. Und auch die Konkurrenz kämpft gegen ein Phänomen, das sie selbst erschaffen hat.

          Egal ob beim Arbeiten, beim Essen oder beim Spazieren gehen: Das Smartphone ist immer dabei. Beim Blick auf den Bildschirm – ping, da leuchtet das Handy auf. Also schnell drauf gucken. Beim Griff zur Gabel – ping. Beim Bummeln am Mainufer – ping. Immer wieder wandert die Aufmerksamkeit in Richtung Mobiltelefon. Das lenkt nicht nur ab und macht unproduktiv – inzwischen sind viele Menschen abhängig von ihren Geräten.

          Jetzt wollen ausgerechnet diejenigen gegen den ständigen Griff zum Handy vorgehen, die diese Technik erfunden haben: die Hersteller der Smartphones und ihrer Betriebssysteme. Am Montagabend hat Google die neueste Version seines mobilen Betriebssystems Android vorgestellt, sie trägt den Namen Android 9.0 Pie. Eine der wichtigsten Neuerungen: die „Digital Wellbeing“-Funktion.

          Augen abends weniger anstrengen

          In einer App können Nutzer in Zukunft ihre eigene Smartphone-Nutzung überwachen und auch einschränken. Google will ihnen damit „bessere Kontrolle im Sinne einer Tech-Life-Balance“ geben, teilt der Konzern mit. Nutzer erfahren unter anderem, wie oft sie ihr Handy entsperrt haben, wie lange sie bestimmte Apps genutzt und wie viele Benachrichtigungen sie bekommen haben. Mit einem App-Timer kann man Zeitlimits für bestimmte Apps festlegen – ist die Zeit überschritten, wird die Anwendung gestoppt und das Symbol auf dem Home-Bildschirm ergraut.

          Außerdem gibt es eine „Bitte nicht stören“-Funktion, die die Farbzusammensetzung des Bildschirms verändert und die Helligkeit herunterfährt, um die Augen weniger anzustrengen; alle Benachrichtigungen werden zudem ausgeschaltet. Auf den Google-eigenen Pixel-Smartphones erscheint die Aktualisierung ab sofort, Besitzer anderer Telefone mit Android-Betriebssystem müssen sich noch bis zum Herbst gedulden.

          Werkzeuge auch für alle anderen Nutzer

          Auch der iPhone-Konzern Apple hat das Problem erkannt – nicht zuletzt, seit ein kalifornischer Pensionsfonds und Aktionär von Apple Anfang des Jahres forderte, der Konzern müsse sich stärker mit dem Thema Smartphone-Sucht bei Jugendlichen beschäftigen. Selbst Apple-Chef Tim Cook gab kürzlich zu, er verbringe viel mehr Zeit mit seinem iPhone, als er tun sollte und als er selbst gedacht hätte. Mit seinem neuen Betriebssystem iOS 12 wird Apple eine ähnliche Funktion wie Googles „Digital Wellbeing“ einführen, die iOS-Funktion wird „Screen Time“ heißen.

          Und die Nutzer, die nicht bis zum Herbst auf das Android-Update warten können, können schon heute ähnliche Apps von Drittanbietern nutzen. Der taiwanische Entwickler Seekrtech etwa hat die App „Forest“ entwickelt. Die Idee: Schafft man es, das Gerät für eine bestimmte Zeit liegen zu lassen, wächst ein Baum in der App. Kann man sich immer wieder dazu motivieren, erwächst gar ein ganzer Wald. Klingt simpel, ist aber extrem beliebt: Im Play Store (Android) wurde die kostenlose Version schon mehr als eine Million Mal heruntergeladen, in den iTunes-Charts rangierte sie lange als beliebteste Produktivitäts-App.

          Facebook und Instagram warnen

          Im Test funktioniert das mit „Forest“ ganz gut. Man muss nur aufpassen, mit dem Bestaunen des Waldes und den persönlichen Nutzungsstatistiken nicht mehr Zeit zu verbringen, als man durch die Handypausen einspart. Ganz ähnliche Programme wie fürs Handy gibt es auch für den stationären Computer. Wer zu oft in die Versuchung gerät, sich während der Arbeitszeit mal eben bei Facebook oder Instagram einzuloggen, kann Browsererweiterungen wie Freedom (“Freiheit“), Cold Turkey (“kalter Entzug“), Leech-Block („Blutsauger-Blockade“) oder Self-Control (“Selbstkontrolle“) nutzen. Damit lassen sich bestimmte Websites oder der komplette Internetzugang des Gerätes blockieren.

          Auch Facebook und Instagram haben in der vergangenen Woche angekündigt, eine Alarmfunktion einzuführen, um ihre Nutzer vor exzessiver Nutzung zu warnen. „Wir wollen, dass die Zeit, die Menschen auf Facebook und Instagram verbringen, bewusst, positiv und inspirierend ist“, schrieb Forschungsdirektor David Ginsberg in einem Blogbeitrag. „Unsere Hoffnung ist, dass diese Werkzeuge den Menschen mehr Kontrolle über die Zeit geben, die sie auf unseren Plattformen verbringen, und dass sie außerdem Gespräche zwischen Eltern und ihren Kindern fördern über die für sie richtigen Online-Gewohnheiten.“ Die Werkzeuge sollen „bald“ auch in Deutschland verfügbar sein. Die Einstellungen sind dann bei Facebook unter dem Reiter „Deine Zeit auf Facebook“ zu finden, bei Instagram unter „Deine Aktivität“.

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