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Mobilfunk-Kommentar : Zu schnell fürs Handy

  • -Aktualisiert am

Die „neue Zukunft“ ist schon da, heißt es. Stimmt nur nicht so ganz. Bild: Reuters

Der schnelle Mobilfunkstandard 5G soll die Zukunft der Vernetzung werden. Doch zunächst kostet er vor allem Geld. Das Risiko ist riesig.

          Wenn alle in eine Richtung rennen, lohnt es sich meistens, einmal in die andere Richtung zu schauen. So verhält es sich derzeit im Rummel um den neuen Mobilfunkstandard 5G. Auf dem Mobile World Congress, der von heute an in Barcelona läuft, ist das besonders schön zu sehen.

          Telekom-Anbieter, Smartphone-Produzenten und Netzwerkausrüster – sie alle überbieten sich in Prophezeiungen zu 5G: die Technik wird uns allen schnelleres Internet mit geringeren Übertragungszeiten bringen und dabei mindestens die Welt retten. Darunter geht es nicht. „Technologie wird unbeschreiblich schnell werden und überall zu niedrigen Preisen verfügbar sein“, sagte am Montag etwa Vittorio Colao, Vorstandsvorsitzender von Vodafone. Einige Unternehmen gehen davon aus, in diesem Jahr die ersten kommerziellen 5G-Netze installieren zu können. Bislang laufen vor allem Testversuche.

          Denn in der Entwicklung gibt es ein paar Haken, und sie heißen Kosten, Verfügbarkeit und Nachfrage. Denn zunächst ist der Schritt von 4G zu 5G kein einfacher, den man mal eben mit ein paar neuen Mobilfunkmasten erreichen kann. Nötig wird dieser Schritt, das ist keine Frage: Sonst können Träume der Industrie zum autonomen Fahren oder zur kompletten Vernetzung der Produktion mit dem Internet der Dinge niemals wahr werden. 5G hat nämlich als besonderen Vorteil die so genannte „Latenz“: Das ist die Zeit, die es braucht, bis die Datenübertragung einmal in Gang gekommen ist; das soll bei 5G viel schneller gehen. Das ist nötig, wenn Autos von Algorithmen gesteuert werden und Sensoren miteinander kommunizieren. Bei gut 19 Milliarden vernetzten Geräten im Internet der Dinge in zwei Jahren fallen einige Daten an.

          Wer zahlt? Und wie verdient man damit Geld?

          Doch dafür die Infrastruktur aufzubauen kostet: Alleine für Europa gehen Schätzungen von 500 Milliarden Euro aus. Wer bezahlt das? Jeon Yin Seong von Korea Telecom hat mit Intel zusammen die Olympischen Spiele vernetzt. Dafür haben die Unternehmen in einem öffentlichen Feldversuch 22 5G-Netze aufgebaut und viel Geld investiert, um in einer Live-Umgebung zu testen, wie Videosignale und große Datenmengen schnell übertragen werden können. Ende nächsten Jahres sollen solche Versuche dann kommerzialisiert werden, wünscht sich Jeon. Allerdings hat er selbst noch keine Antwort auf die Frage: „Wie verdienen wir Geld mit 5G?“

          Der Ausbau ist teuer. Damit man keine Funklöcher in der Verbindung hat, müssen viel mehr Masten aufgebaut werden. Sonst endet der autonome Ausflug am nächsten Baum. Lohnt sich das wirklich in jedem wenig besiedelten Gebiet in der Provinz? Braucht es überall lückenlose Datenverbindungen? Und sind die Verbraucher bereit, dafür höhere Preise zu zahlen?

          Richtige Verbreitung wird 5G nicht durch vernetzte Smartphones finden – den meisten Nutzern wird der derzeitige LTE-Standard ausreichen, wenn er denn einmal störungsfrei funktioniert. Für Verbraucher ist viel wichtiger, ob sie viele Daten für wenig Geld bekommen und ob die Netzabdeckung gut ist. 5G soll 100 Mal schneller sein als LTE. Doch kein Mensch braucht eine Verbindung von 10 Gigabit in der Sekunde auf seinem Smartphone. Deshalb sind Ankündigungen von Huawei, als erstes Unternehmen einen 5G-Chip in seine Telefone eingebaut zu haben, vor allem Werbetricks. Den Antrieb bekommt 5G vielmehr durch die Industrie, die Autos vernetzen will und Fabriken.

          Die Telekommunikationsunternehmen, die die Infrastruktur aufbauen, stehen vor einer Herausforderung: Entweder investieren sie zu früh viel zu viel Geld, solange sich noch niemand für die schnelleren Netze interessiert. Oder sie sind zu spät dran, und die Wettbewerber sind da, wo die Nachfrage ist. Noch selten waren die Chancen für die Telekom-Industrie so groß wie heute – doch auch das Risiko war noch selten größer.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

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