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139 Millionen zahlende Kunden : Netflix, das Hollywood-Studio

Bloß nicht hingucken: So rennt Sandra Bullock durch „Bird Box“. Bild: AP

Der Videodienst setzt immer mehr auf eigene Fernsehshows und Filme wie den Horrorthriller mit Sandra Bullock. Die Quartalszahlen unterstreichen, wie sehr das ins Geld geht.

          Das Angebot von Netflix bestand bis vor wenigen Jahren vor allem aus Inhalten, die vorher schon anderswo zu sehen waren: Filmen, die längst aus den Kinos verschwunden waren, oder älteren Staffeln von Fernsehserien. Bei der Vorlage seiner Quartalszahlen am Donnerstag nach Börsenschluss machte der Online-Videodienst aber so deutlich wie noch nie, dass seine Strategie sich völlig gewandelt hat.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          In einem Brief an die Aktionäre schrieb er, sein Schwerpunkt liege immer weniger auf der Zweitverwertung von Inhalten, sondern auf den Stoffen, die das Unternehmen selbst produzieren lässt, um sie seinen Abonnenten exklusiv zur Verfügung zu stellen.

          Zuerst waren das vor allem Fernsehserien wie „House of Cards“ oder „Stranger Things“, zunehmend bietet Netflix aber auch eigene Filme an. Und das Unternehmen sagte, es habe mit diesen Filmen allmählich ähnlichen Erfolg wie mit den Fernsehserien. Gegen seine sonstigen Gewohnheiten veröffentlichte es sogar Zuschauerzahlen, um dies zu unterstreichen. Der kurz vor Weihnachten herausgekommene Film „Bird Box“ mit Sandra Bullock sei in den ersten vier Wochen in mehr als 80 Millionen Haushalten angesehen worden.

          Mehr Kunden als erwartet

          Netflix hat sich also weit von seinen Anfang als Vertriebskanal entfernt und ähnelt nun immer mehr einem Hollywood-Studio. Und die Strategie zahlt sich offenbar aus. Denn das Unternehmen hat im abgelaufenen Quartal deutlich mehr Kunden gewonnen als es dies noch vor drei Monaten vorhergesagt hatte. Die Zahl der Abonnenten ist statt der prognostizierten 7,6 Millionen um 8,8 Millionen auf 139 Millionen gestiegen.

          Besser als erwartet haben sich vor allem die Regionen außerhalb des amerikanischen Heimatmarkts entwickelt, wo Netflix 7,3 Millionen zusätzliche Kunden gewann. Die Zahlen berücksichtigen nur zahlende Kunden, also keine kostenlosen Testabonnements. Für das erste Quartal sagte Netflix sogar einen Zuwachs der Kundenzahlen um 8,9 Millionen voraus, was über den Erwartungen von Analysten lag.

          Aktie gibt nach

          Die Börse zeigte sich dennoch nicht sonderlich beeindruckt. Der Aktienkurs verlor im nachbörslichen Handel zeitweise mehr als vier Prozent. Die Messlatte hatte freilich auch hoch gelegen, denn die Netflix-Aktie hat in jüngster Zeit schon erheblich an Wert gewonnen. Seit Weihnachten ist der Kurs um mehr als 50 Prozent gestiegen.

          Jenseits der viel beachteten Abonnentenzahlen gab es außerdem einige Kennziffern im Quartalsbericht, die die zurückhaltende Reaktion der Börse erklären könnten. Der Umsatz von 4,2 Milliarden Dollar – ein Zuwachs von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr – lag minimal unter den Vorhersagen von Analysten. Das Ergebnis je Aktie von 30 Cent war zwar um sechs Cent höher als erwartet, allerdings fiel der gesamte Nettogewinn aufgrund gestiegener Kosten und höherer Steuern von 185 Millionen auf 133 Millionen Dollar. Zudem verfehlten die Prognosen für Umsatz und Gewinn im ersten Quartal die Erwartungen.

          NETFLIX INC. DL-,001

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          Die Strategie, auf eigene Inhalte zu setzen, bringt zwar offenbar viele Kunden, sie ist aber auch enorm teuer. Auch wenn das Unternehmen unter dem Strich profitabel ist, weist es einen negativen Mittelzufluss („Free Cash Flow“) aus, gibt also mehr Geld aus als etwa über Abonnentengebühren eingenommen wird. Gerade für die eigenen Titel entstehen Kosten oft lange vor der Veröffentlichung – und damit auch bevor sie in der Gewinn- und Verlustrechnung auftauchen.

          Im vierten Quartal lag der Free Cash Flow bei negativen 1,3 Milliarden Dollar, im Gesamtjahr waren es 3 Milliarden Dollar. Für 2019 wird eine ähnliche Summe erwartet. Manchen Analysten machen diese Zahlen Sorgen, sie haben aber die Begeisterung der Börse für das Unternehmen bislang nicht merklich abgekühlt.

          Abo-Preise steigen

          Um bei der Finanzierung seiner Inhalte zu helfen, hat Netflix erst vor wenigen Tagen eine Preiserhöhung für seine amerikanischen Kunden angekündigt. Der Preis für das populärste Abonnement steigt von 11 auf 13 Dollar im Monat, einen so deutlichen Anstieg gab es in der Geschichte des Unternehmens noch nie. Deutschland ist davon unberührt. Die Preiserhöhung in Amerika ist insofern gewagt, weil Netflix sich immer stärkerer Konkurrenz gegenübersieht. Der Online-Händler Amazon.com macht mit seinem Videodienst „Prime Video“ zunehmend von sich reden, der Unterhaltungskonzern Disney wird in diesem Jahr ein rivalisierendes Angebot starten.

          Netflix zeigte sich mit Blick auf die Konkurrenz in seinem Quartalsbericht aber demonstrativ unbesorgt und beteuerte, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Im Übrigen konkurriere das Unternehmen nicht nur mit vergleichbaren Videoplattformen, sondern zum Beispiel auch mit Videospielen wie „Fortnite“ oder auch der zum Internetkonzern Google gehörenden Videoseite Youtube. Als Youtube im Oktober für einige Minuten ausfiel, seien die Zuschauerzahlen auf Netflix sofort gestiegen.

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