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Digitalisierung : So einfach wird eine Stadt nicht smart

Die kanadische Stadt Toronto hat die Verantwortung für die smarte Stadt an ein einziges Technologieunternehmen übergeben. Bild: Reuters

Deutschland kommt in der Digitalisierung seiner Gemeinwesen nur schleppend voran, in Amerika geht alles schneller. Gleich mehrere amerikanische Städte aber beweisen, dass dabei gravierende Fehler gemacht werden.

          Dass Deutschland in der Digitalisierung nicht an der Weltspitze steht, gehört inzwischen zu den Binsenweisheiten. Die Wirtschaft sucht zu selten neue Geschäftsmodelle für die digitale Welt, und sie wird obendrein zu selten fündig. Die öffentliche Verwaltung muss allzu häufig an skandinavische oder baltische Länder erinnert werden, die – jedenfalls in Europa – eine Vorbildfunktion in digitalen Fragen haben. Aber ist digital wirklich alles schwarz (in Deutschland) oder weiß (in fernen Ländern)?

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Sogenannte „Smart Cities“, also Städte, die ihren Bürgern bessere Dienstleistungen durch digital vernetzte Angebote bieten wollen, sind ein gutes Beispiel dafür, dass die Dinge so einfach nicht sind. Ein genauerer Blick zeigt: Schnell bedeutet nicht unbedingt gut. Viel Geld hilft nicht immer viel – und die Antwort auf die Frage, wer das Geld für was gibt, ist ebenfalls wichtig.

          Wer den Stand der Dinge in Deutschland mit dem in den Vereinigten Staaten vergleicht, erkennt auf den ersten Blick, wo die Unterschiede liegen. Hierzulande gibt es wenig Geld und viele Bedenken, in der Ferne gibt es viel Geld und wenig Skrupel. Es bleiben die Fragen: Ist Zeit hier nicht auch Geld? Oder rächt es sich vielleicht irgendwann bitter, wenn man Teile einer kommunalen Verwaltung in die Hände privater Unternehmen legt, nur um schneller zu sein?

          In Deutschland hat der Digitalverband Bitkom gerade einen Smart City-Atlas veröffentlicht, der vor allem zeigt, wie kleinteilig der Fortschritt auf diesem Gebiet hierzulande ist. Das Land Baden-Württemberg wiederum feiert in seiner jüngsten Mitteilung zu dem Thema einen Chatbot aus Heidenheim mit dem Namen „Kora“, der Bürgern bei der Navigation durch den Behördendschungel helfen soll. Allerdings: Über bestimmte Basisfunktionen ist man noch nicht hinausgekommen. Und die jetzige Variante hat sich seit ihrer Vorstellung auf der allerletzten Cebit im Jahr 2018 auch nicht mehr weiterentwickelt.

          In Ludwigsburg wiederum begrüßt der Roboter „L2B2“ als „Welcome Manager“ die Besucher im Bürgerbüro und beantwortet Fragen rund um den Bürgerservice. Ob das mehr als ein Spielzeug ist?

          In Ludwigsburg begrüßt der Roboter „L2B2“ als „Welcome Manager“ die Besucher im Bürgerbüro.

          Anderes scheint sinnvoller: In Tübingen kann jeder dort wohnende Bürger über sein Smartphone seine Meinung schnell und unbürokratisch digital kundtun. Die App ermöglicht es dem Gemeinderat auf diesem Weg, vor einer Entscheidung die Einwohner nach ihrer Meinung zu fragen. Dabei wird sichergestellt, dass nur Personen mit Erstwohnsitz in Tübingen an einer Befragung teilnehmen können und jede Person nur einmal abstimmen kann.

          Die drei Projekte sind Früchte des Förderprogramms „Gemeinden, Städte und Landkreise 4.0 – Future Communities“, das derzeit in die dritte Runde geht. Das Förderprogramm, welches vom Land zusammen mit den Kommunalen Spitzenverbänden initiiert wurde, soll den digitalen Wandel in den baden-württembergischen Kommunen vorantreiben. Speziell solche Kommunen, die noch am Anfang dieses Weges stehen, werden ermutigt, erste digitale Projekte anzugehen und innovative Ideen zu verwirklichen. Dafür stellt das Digitalisierungsministerium in Baden-Württemberg 1 Million Euro zur Verfügung. In den vergangenen beiden Jahren wurden 143 Förderungen mit insgesamt rund 1,8 Millionen Euro bewilligt. Daran soll in diesem Jahr angeknüpft werden. Das Ziel ist unbescheiden: Baden-Württemberg soll digitale Leitregion in Europa werden. Aber: Keine 2 Millionen Euro in zwei Jahren? Man hat die Sorge, dass Amerikaner darüber nur lachen können.

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