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Visionen gibt es noch immer : Optimismus gegen den Techlash

  • -Aktualisiert am

Bald nur noch in der erweiterten Realität unterwegs? Es gibt in der Tech-Branche weiterhin Visionen. Bild: AFP

Die Technologiebranche hat ein schwieriges Jahr hinter sich – auch wenn sie sich das auf der CES nicht hat anmerken lassen. Der zur Schau gestellte Optimismus hatte aber auch seine Berechtigung.

          Las Vegas ist eine eigenartige Stadt. Laut, grell und voller Superlative, mag die Spielermetropole so gar nicht zu der kargen Wüste passen, die sie umgibt. Ähnlich entrückt wie Las Vegas selbst wirkte diese Woche die hier veranstaltete Elektronikmesse CES. Die Branche zeigte sich unerschütterlich in ihrem Glauben an sich selbst, wie eh und je prägte Technologieoptimismus die Show.

          Nichts machte das deutlicher als der aufgekratzte Messeauftritt von Google. Der Internetkonzern kam mit einem riesigen Stand, um seinen digitalen Helfer „Google Assistant“ in Szene zu setzen. Es war wie ein Rummelplatz, eine aufwendige Bahn fuhr Messebesucher durch eine Welt voller Alltagssituationen, die von der Google-Software vermeintlich leichter gemacht werden. Mitarbeiter in weißen Overalls und Bommelmützen liefen umher und versuchten lautstark, das CES-Publikum zu Spielchen zu animieren.

          Dieser Überschwang stand in krassem Gegensatz zur nüchternen Realität, denn die Technologiebranche hat ein unerfreuliches Jahr hinter sich. Dafür sorgte allein schon Facebook. Ob es die Datenaffäre um Cambridge Analytica war oder der Versuch, mit fragwürdigen Methoden den Ruf aufzupolieren: Das soziale Netzwerk kam nicht aus den Negativschlagzeilen heraus. Vorstandschef Mark Zuckerberg wurde vor den amerikanischen Kongress zitiert, sein Auftritt wurde zu einem der bleibenden Momente des Jahres.

          Zunehmende Feindseligkeit: „Techlash“-Zeit

          Auch andere Unternehmen wie Google und Twitter fanden sich regelmäßig in der Defensive wieder, oft aus eigenem Verschulden. Selbst an der Börse, wo Apple noch im August zu einem Marktwert von einer Billion Dollar verholfen wurde, machte sich mit Blick auf die Branche Skepsis breit. Wer hoffte, 2019 könnte alles besser werden, wurde schnell enttäuscht. Kaum hatte das neue Jahr begonnen, schockte Apple mit der Nachricht, dass sich iPhones zuletzt viel schlechter verkauft haben als erhofft.

          Die Technologieindustrie findet sich in einer ungewohnten Situation wieder. Die Zeiten, in denen alles an ihr abzuprallen schien, sind vorbei, wegen ihrer Macht und ihrer jüngsten Fehltritte schlägt ihr immer mehr Argwohn entgegen. Immer öfter ist von einem „Techlash“ die Rede, einem noch jungen Phänomen, das eine zunehmende Feindseligkeit gegenüber der Branche beschreibt. Nach einer Umfrage des Pew Research Center ist der Anteil der Amerikaner, die meinen, das Internet sei gut für die Gesellschaft gewesen, zuletzt erheblich gesunken.

          Als Amazon unlängst New York zu einem der Sieger im Standortwettbewerb kürte, knallten in der Stadt keineswegs nur Sektkorken, sondern es bildete sich schnell lautstarke Opposition. Selbst in den Unternehmen macht sich Misstrauen breit. Bei Google kam es zu öffentlichen Protesten der Mitarbeiter, etwa wegen Überlegungen des Konzerns, in China wieder eine zensierte Suchmaschine anzubieten.

          Machen Innovationen die Reputation wett?

          Die Branche muss sich nicht nur um ihre Reputation sorgen. Sie muss sich auch fragen lassen, ob sie noch innovativ genug ist. Ein früherer Facebook-Mitarbeiter beklagte vor einiger Zeit einen Ideenmangel mit dem berühmt gewordenen Satz: „Die besten Köpfe meiner Generation denken darüber nach, wie man Leute dazu bewegt, auf Anzeigen zu klicken.“ Die Warnung von Apple war eine unangenehme Erinnerung, wie abhängig der Konzern vom iPhone ist und dass er seit dessen Einführung vor zwölf Jahren nichts ähnlich Bahnbrechendes herausgebracht hat.

          Dass der Smartphone-Markt allgemein Sättigungserscheinungen zeigt, ist ein Alarmsignal für die Branche, denn damit droht das Ende einer Ära. Smartphones lieferten eine revolutionäre Plattform, die eine Geschäftsidee nach der anderen ermöglicht hat, von Uber bis Spotify. Es ist heute nichts erkennbar, das in vergleichbarer Weise das Tor zu einer neuen Technologiewelt aufstoßen könnte.

          Und doch ist der in Las Vegas zur Schau gestellte Optimismus nicht ganz fehl am Platz. Die Vernetzung der Welt im Internet der Dinge etwa ließ sich in der Vergangenheit oft belächeln, wenn Kuriositäten wie intelligente Blumentöpfe gezeigt wurden, aber diesmal wurde so deutlich wie noch nie, dass sie echte Fortschritte bringen kann. Zum Beispiel mit digitalen Gesundheitsprodukten, die in einer alternden Gesellschaft von immenser Relevanz sind.

          Visionen gibt es noch immer

          Und kühne Visionen gibt es noch immer. Elon Musk mit seinen Unternehmen Tesla und Space X verkörpert das wie niemand sonst, ein anderes Paradebeispiel sind die kassenlosen Supermärkte von Amazon, die Einkaufen neu definieren, und auch auf der CES konnte man Zukunftsweisendes finden. Etwa bei Impossible Foods, einem Unternehmen, das sich zutraut, die Menschheit dazu zu bringen, kein Fleisch mehr zu essen und so die Umwelt zu entlasten.

          Auch wenn also heute noch nicht abzusehen ist, woher die nächste Revolution kommen könnte, herrscht doch an innovativen Ansätzen kein Mangel. Sie werden freilich im gegenwärtigen Umfeld kritischer hinterfragt, und das muss nichts Schlechtes sein. Der Technologiebranche stünde mehr Demut und Dialogbereitschaft gut zu Gesicht. Freilich muss auch die Gesellschaft eine Balance finden. Sie muss Technologie nicht blind annehmen, sollte sie aber auch nicht von vorneherein verteufeln.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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