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Nach Anschlag in Halle : Welche Rolle Twitch spielte

  • -Aktualisiert am
In der Altstadt von Halle gedenken am Dienstagabend zahlreiche Bürger der Opfer.

Die Politik und Inhalteanbieter debattieren schon länger darüber, wie etwa terroristische Inhalte schneller erkannt und entfernt werden können. Einem Entwurf der EU-Kommission zufolge sollen Anbieter innerhalb von 60 Minuten reagieren, falls Terrorinhalte hochgeladen werden. Wie das funktionieren soll, also beispielsweise mit Upload-Filtern, ist noch nicht klar. Unternehmen wie Facebook, Amazon, Google oder Microsoft arbeiten schon länger zusammen, um solche Inhalte zu entfernen, politisch unterstützt auch über das EU-Internetforum in Zusammenarbeit mit der europäischen Polizeibehörde Europol. Erst an diesem Montag hatte sich das Internetforum auf ein gemeinsames „Krisenprotokoll“ verständigt. Damit soll „die virale Verbreitung terroristischer und extremistischer Gewaltinhalte im Internet eingedämmt werden“. Daran arbeiten auch die amerikanischen Internetgiganten mit. Vorausgegangen war diesem Zusammenschluss der „Christchurch-Aufruf“ nach dem Attentat auf Muslime in der neuseeländischen Stadt.

Die Reaktion der Streaming-Plattform Twitch ist im Vergleich zu früheren Videos von Amokläufen oder Attentaten recht transparent, wenngleich das Statement nur auf Twitter verfasst wurde. Eine weitere offizielle, vielleicht auch ausführlichere Stellungnahme etwa über einen Blogeintrag gibt es derzeit auf Anfrage nicht. In der Vergangenheit stand vor allem die Seite 4chan.org und auch die daraus einst entstandene Plattform 8chan immer wieder in der Kritik, weil auf den Plattformen Videos etwa von Terroranschlägen oder Amokläufen zu sehen waren. Manchmal wurden sie gar von den Tätern dort angekündigt. Die Plattformen rühmen sich, niemals Inhalte zu zensieren und begründen das mit einem hohen Anspruch auf Meinungsfreiheit. Das Video des Live-Streams wird wohl niemals ganz aus dem Netz verschwinden, weil es sich auch über Messenger-Dienste wie Telegram verbreitet. Die Extremismusforscherin Megan Squire hat in kurzer Zeit alleine 15.000 Accounts identifiziert, die das Video gesehen haben.

Zuletzt – nach dem Amoklauf im August in El Paso, bei dem 22 Menschen erschossen wurden –  sagte selbst der Gründer von 8chan, Fredrick Brennan, dass man „die Seite dicht machen“ solle. Er arbeitet seit einigen Jahren nicht mehr mit dem Betreiber zusammen. Auch auf der deutschen Online-Plattform Pr0gramm war das Video aus Halle zu sehen. Diese Seite wurde schon im Januar 2014 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert, weil man dort pornografische und brutale Fotos findet. „Ein nachhaltiger Empathieverlust mit Opfern von Gewalttaten ist zu befürchten“, steht etwa im Prüfbericht. Anmelden kann sich dort nur, wer vorher eine Einladung bekommen hat. Eine homogene Gruppe hinter solchen Seiten auszumachen, ist nicht möglich, die Nutzer eint meist nur die Lust an der Provokation. Vor fünf Jahren versuchten sie einmal, die Wahl zum „Jugendwort des Jahres“ vom Langenscheidt-Verlag zu manipulieren.

Twitch hingegen ist eine der meistbesuchten Seiten für gestreamte Videos. Mehr als 8,5 Millionen täglich aktive Nutzer zählt das Portal, für das Amazon 970 Millionen Dollar in Bar bezahlt hat. Die Nutzer mit der meisten Reichweite haben zwischen 7 und fast 15 Millionen Follower. Streams des amerikanischen Spieleentwicklers Riot Games wurden mehr als 1 Milliarde Mal angesehen.

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