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Datensammelei : Mein gläsernes Facebook-Ich

Facebook steckt in der größten Krise seiner Geschichte. Bild: AFP

Facebook weiß alles. Wer sein persönliches Archiv herunterlädt, wird erschrecken. Ein Selbstversuch.

          Mein Facebook-Archiv ist 183 Megabyte groß. Schön sortiert, passt das in 32 digitale Ordner mit insgesamt 1962 Dateien. Das ist jedenfalls das Material, das mir Facebook jetzt zur Verfügung gestellt hat, nachdem ich nervös geworden bin. Nach dem Datenmissbrauch durch das Analyseunternehmen Cambridge Analytica und der Diskussion um die Datensicherheit bei Facebook wollte ich wissen, welche Daten das soziale Netzwerk überhaupt von mir hat. Nach neun, größtenteils sorglosen Jahren habe ich den Überblick verloren.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Ich kann mich gut erinnern, wie unbedarft alles angefangen hat. Ich war im Auslandssemester an einer französischen Universität. Die Deutschen nutzten alle StudiVZ, das Netzwerk, das damals, im Jahr 2009, fast jeder nutzte. Die Franzosen waren da fortschrittlicher. Sie schwärmten, wie einfach die Organisation unserer Freizeit wäre, würden wir uns alle bei Facebook anmelden. Gesagt, getan. Neun Jahre später hat sich ein Wust an Daten angesammelt, der mehrere Aktenordner füllen könnte, würde man sich alles ausdrucken. Daten, von denen ich weder wusste noch wollte, dass Facebook sie hat.

          Auf einige Informationen hätte ich besser aufpassen müssen, das weiß ich jetzt. 2009 machten sich viele Facebook-Nutzer um die Sicherheit ihrer Daten keine Sorgen - auch ich nicht. Doch in meinem Archiv, das ich nun von Facebook angefordert habe, sehe ich: Jeder Klick von mir wurde registriert und gespeichert - von Beginn an.

          Marathon und Neutrogena

          Das Archiv zu bekommen war einfach. In den Einstellungen findet sich unter „Allgemein“ ganz unten der unscheinbare Hinweis: „Lade deine Kopie deiner Facebook-Daten herunter!“ Nach Eingabe meines Passworts muss ich nur eine halbe Stunde warten, um den Link zum Download der Daten in meinem Posteingang zu finden. Ob Facebook zwischen „meiner“ Kopie und einem internen Archiv unterscheidet, bleibt ungeklärt. Womöglich liegen noch viel mehr Daten auf den Servern, als ich einsehen darf.

          In zig Ordnern finde ich alle Veranstaltungen, für die ich mich je interessiert habe, alle Fotos, die ich hochgeladen habe - selbst die, die ich in der Zwischenzeit manuell wieder gelöscht hatte - und 772 Gespräche, die ich über Facebook als Chat geführt haben soll. Viel interessanter finde ich aber die Liste mit Werbekunden von Facebook, die meine Daten haben. Das Netzwerk wirbt bei seinen Werbekunden damit, die gewünschte Zielgruppe besonders gut eingrenzen zu können. Wer seine Werbung Hundebesitzern im Alter von 20 bis 30 Jahren mit einem Faible für Puppenklamotten zeigen möchte, der kann das Facebook mitteilen. Anhand der Interessen, deren Liste bei mir schier unendlich lang ist, filtert Facebook diese Zielgruppe heraus. Unter „Interessen“ finde ich in meinem Archiv die Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ oder eine Site für Teilnehmer des Gutenberg-Marathons in Mainz. Ich erinnere mich, dass ich mich dafür interessiert und die Seiten abonniert habe. Aber auch der Cremehersteller Neutrogena und die Avocado tauchen dort auf. Ich mag keine Avocados, habe dazu aber einmal für einen Artikel recherchiert. Auch wer auf eine Anzeige oder einen gesponserten Post klickt, fügt das Thema des Beitrags automatisch seinen Interessen hinzu. Ich vermute, dass „Neutrogena“ so in dieser Liste gelandet ist.

          In der Rubrik „Werbeanzeigen“ in meinen Facebook-Einstellungen kann ich zwar einzelne Interessen löschen, so dass mir zum Beispiel keine Werbung von Neutrogena mehr angezeigt wird. Wer genau hinsieht, erkennt aber schnell, dass Facebook unter „Entfernte Interessen“ weiterhin alles speichert. Auch in meinem Archiv tauchen die gelöschten Interessen immer noch auf. Facebook denkt also noch immer, dass ich mich für die Creme „interessiere“. Wie genau der Konzern mit diesen gelöschten Interessen umgeht, kann ich nicht nachvollziehen. Immerhin hat Facebook angekündigt, die Privatsphäre-Einstellungen nun vereinfachen zu wollen. Statt diese wie bisher auf zwanzig Unterseiten zu verteilen, sollen sie nun auf einer übersichtlichen Seite gebündelt werden. Das erscheint mir aber angesichts der Masse an Daten, die das Netzwerk von mir hat, nur wie eine kosmetische Verbesserung.

          Im Nachhinein geht wenig

          Richtig unheimlich zumute wird mir, als ich das Archiv meiner Kontaktinformationen durchstöbere. Irgendwann muss ich Facebook erlaubt haben, meine E-Mail-Kontakte zu Facebook einzuladen oder abzugleichen, wer von meinen E-Mail-Kontakten ebenfalls in dem Netzwerk angemeldet ist. Die Liste mit meinen Kontakten ist unendlich lang. Und sie sind nicht nur mit ihrem Facebook-Account gespeichert, sondern auch über ihre E-Mail-Adresse auf den Facebook-Servern gelandet, nicht wenige auch noch mit ihrer Post-Adresse und Handynummer. Ich finde Rufnummern, die ich nie in meinem Handy eingespeichert hatte. Facebook muss sie entweder über den E-Mail-Zugang oder WhatsApp, dem Kurznachrichtendienst, der ebenfalls zum Zuckerberg-Imperium gehört, zugeordnet haben. Seit Jahren weiß ich, dass ich mich nicht über den blauen Facebook-Button bei Apps anmelden sollte, sondern dem Netzwerk den Datenhahn zudrehen sollte, wo es nur geht. Nur 2009 wusste ich das nicht. Und aus dieser Zeit stammen die meisten Daten.

          Dagegen tun kann ich im Nachhinein herzlich wenig. Natürlich könnte ich, wie es im Netz gerade viele unter dem Hashtag #DeleteFacebook propagieren, mein Konto löschen. Aber auch hier kann ich nicht sicher sein, dass all meine Daten dann verschwunden sind. Das Netzwerk behält sich vor, den Account zunächst nur zu deaktivieren. Wenn ich mich dann tatsächlich zwei Wochen lang nicht anmelde, gibt es eine weitere Frist. 90 Tage lang sind meine Daten noch abrufbar. Nur bei Facebook können mich andere nicht mehr finden. Erst nach 90 Tagen ist mein Profil endgültig gelöscht. Wenn ich wirklich wissen will, was Facebook an Informationen über mich gesammelt hat, kann ich über eine Beschwerde in Irland erfahren, wie viel das Netzwerk über mich gespeichert hat. Der Aufwand ist aber schon größer.

          Mehr rechtliche Handhabe bekomme ich Ende Mai. Dann tritt die Datenschutzgrundverordnung in Kraft. Unternehmen, die Kundendaten verarbeiten, müssen auf Anfrage alle persönlichen Informationen herausgeben. Anstatt ihr Profil also jetzt aus Protest zu löschen, sollten Nutzer lieber noch warten. Wenn die neue Verordnung in Kraft tritt, haben Facebook-Nutzer die rechtliche Grundlage, die Löschung ihrer persönlichen Daten zu verlangen. Erst wenn das geschehen ist, kann ich mir sicher sein, dass mit meinen Daten kein Unwesen mehr getrieben wird, weil sie von den Servern getilgt wurden. Dann kann ich getrost mein Profil löschen.

          Facebook steht zwar momentan besonders in der Kritik, ist aber längst nicht das einzige schwarze Schaf unter den Tech-Giganten. Auch Twitter sammelt Daten seiner Nutzer. Mein persönliches Archiv, das ich in den Einstellungen herunterladen kann, ist jedoch weit weniger umfangreich. Gruselig wird es bei der Inspektion meines Google-Kontos. Hier finde ich nicht nur alle meine Suchanfragen mit exaktem Zeitpunkt und unzählige Einstellungen für Werbung, die ich bislang nie bearbeitet habe. Sondern auch eine Weltkarte, die mir anzeigt, von wo ich auf Google zugegriffen habe. Ich kann mir sogar einen Zeitstrahl anzeigen lassen, um zu sehen, wann genau ich wo war. Der Konzern verfügt über ein regelrechtes Bewegungsprofil seiner Nutzer. Die Crux: Ohne ein Google-Konto können Android-Nutzer nicht in vollem Umfang von ihrem Handy profitieren. Google Play, Google Chrome, Fotos und Maps lassen sich nicht deinstallieren. Zwar kann ich meine Einstellungen so ändern, dass Google nicht mehr über meine Werbepräferenzen Bescheid weiß, auch den Standortzugriff kann ich verweigern. Doch welche Daten im Zweifel an Dritte gehen, erkenne ich auch hier nicht.

          Fest steht: Wer auf Facebook, Twitter und Co angemeldet ist, sollte mit seinen Daten sparsam umgehen. Wer das in der Vergangenheit nicht getan hat, kann daran wenig ändern. Denn die Daten sind nun einmal in der Welt. Zumindest aber bleibt die Hoffnung, dass sich aufgrund des aktuellen Trubels nun endlich etwas ändert im Umgang der Tech-Giganten mit ihren Nutzerdaten.

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