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Datensammelei : Mein gläsernes Facebook-Ich

Im Nachhinein geht wenig

Richtig unheimlich zumute wird mir, als ich das Archiv meiner Kontaktinformationen durchstöbere. Irgendwann muss ich Facebook erlaubt haben, meine E-Mail-Kontakte zu Facebook einzuladen oder abzugleichen, wer von meinen E-Mail-Kontakten ebenfalls in dem Netzwerk angemeldet ist. Die Liste mit meinen Kontakten ist unendlich lang. Und sie sind nicht nur mit ihrem Facebook-Account gespeichert, sondern auch über ihre E-Mail-Adresse auf den Facebook-Servern gelandet, nicht wenige auch noch mit ihrer Post-Adresse und Handynummer. Ich finde Rufnummern, die ich nie in meinem Handy eingespeichert hatte. Facebook muss sie entweder über den E-Mail-Zugang oder WhatsApp, dem Kurznachrichtendienst, der ebenfalls zum Zuckerberg-Imperium gehört, zugeordnet haben. Seit Jahren weiß ich, dass ich mich nicht über den blauen Facebook-Button bei Apps anmelden sollte, sondern dem Netzwerk den Datenhahn zudrehen sollte, wo es nur geht. Nur 2009 wusste ich das nicht. Und aus dieser Zeit stammen die meisten Daten.

Dagegen tun kann ich im Nachhinein herzlich wenig. Natürlich könnte ich, wie es im Netz gerade viele unter dem Hashtag #DeleteFacebook propagieren, mein Konto löschen. Aber auch hier kann ich nicht sicher sein, dass all meine Daten dann verschwunden sind. Das Netzwerk behält sich vor, den Account zunächst nur zu deaktivieren. Wenn ich mich dann tatsächlich zwei Wochen lang nicht anmelde, gibt es eine weitere Frist. 90 Tage lang sind meine Daten noch abrufbar. Nur bei Facebook können mich andere nicht mehr finden. Erst nach 90 Tagen ist mein Profil endgültig gelöscht. Wenn ich wirklich wissen will, was Facebook an Informationen über mich gesammelt hat, kann ich über eine Beschwerde in Irland erfahren, wie viel das Netzwerk über mich gespeichert hat. Der Aufwand ist aber schon größer.

Mehr rechtliche Handhabe bekomme ich Ende Mai. Dann tritt die Datenschutzgrundverordnung in Kraft. Unternehmen, die Kundendaten verarbeiten, müssen auf Anfrage alle persönlichen Informationen herausgeben. Anstatt ihr Profil also jetzt aus Protest zu löschen, sollten Nutzer lieber noch warten. Wenn die neue Verordnung in Kraft tritt, haben Facebook-Nutzer die rechtliche Grundlage, die Löschung ihrer persönlichen Daten zu verlangen. Erst wenn das geschehen ist, kann ich mir sicher sein, dass mit meinen Daten kein Unwesen mehr getrieben wird, weil sie von den Servern getilgt wurden. Dann kann ich getrost mein Profil löschen.

Facebook steht zwar momentan besonders in der Kritik, ist aber längst nicht das einzige schwarze Schaf unter den Tech-Giganten. Auch Twitter sammelt Daten seiner Nutzer. Mein persönliches Archiv, das ich in den Einstellungen herunterladen kann, ist jedoch weit weniger umfangreich. Gruselig wird es bei der Inspektion meines Google-Kontos. Hier finde ich nicht nur alle meine Suchanfragen mit exaktem Zeitpunkt und unzählige Einstellungen für Werbung, die ich bislang nie bearbeitet habe. Sondern auch eine Weltkarte, die mir anzeigt, von wo ich auf Google zugegriffen habe. Ich kann mir sogar einen Zeitstrahl anzeigen lassen, um zu sehen, wann genau ich wo war. Der Konzern verfügt über ein regelrechtes Bewegungsprofil seiner Nutzer. Die Crux: Ohne ein Google-Konto können Android-Nutzer nicht in vollem Umfang von ihrem Handy profitieren. Google Play, Google Chrome, Fotos und Maps lassen sich nicht deinstallieren. Zwar kann ich meine Einstellungen so ändern, dass Google nicht mehr über meine Werbepräferenzen Bescheid weiß, auch den Standortzugriff kann ich verweigern. Doch welche Daten im Zweifel an Dritte gehen, erkenne ich auch hier nicht.

Fest steht: Wer auf Facebook, Twitter und Co angemeldet ist, sollte mit seinen Daten sparsam umgehen. Wer das in der Vergangenheit nicht getan hat, kann daran wenig ändern. Denn die Daten sind nun einmal in der Welt. Zumindest aber bleibt die Hoffnung, dass sich aufgrund des aktuellen Trubels nun endlich etwas ändert im Umgang der Tech-Giganten mit ihren Nutzerdaten.

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