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Vorstandsvorsitzende des Softwareanbieters GFT: Marika Lulay Bild: dpa

GFT-Chefin im Gespräch : Überleben in der Welt der Technikgiganten

Der börsennotierte deutsche Softwareanbieter GFT ist in der IT-Branche ein kleiner Fisch. Wie man dort trotzdem gut mitschwimmen kann, erläutert die Vorstandsvorsitzende Marika Lulay.

          Traditionsunternehmen haben häufig Schwierigkeiten, ihr Geschäftsmodell an sich wandelnde, zunehmend digitale Herausforderungen anzupassen. Das heißt aber nicht, dass ein grundsätzlich gut aufgestelltes Softwarehaus, das sich mit der digitalen Welt bestens auskennt, nicht auch regelmäßig sein Geschäftsmodell überarbeiten und anpassen muss. Der eher mittelständisch geprägte, aber börsennotierte deutsche Softwareanbieter GFT Technologies aus Stuttgart ist ein Beispiel dafür. Und die Vorstandsvorsitzende Marika Lulay, die vor knapp zwei Jahren auf den Chefsessel von GFT gewechselt ist, nachdem sie vorher jahrelang im Vorstand für das Tagesgeschäft zuständig war, kann ein Lied davon singen.

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          Als sie ihr Amt übernahm, schien die Welt noch in Ordnung zu sein: Umsatz und Gewinn waren kontinuierlich gewachsen. Mit der Deutschen Bank hatte man einen großen Kunden, der zeitweise bis zu 50 Prozent des Umsatzes ausmachte. Der Kurs der GFT-Aktie allerdings hatte sich nach einer jahrelangen und steilen Bergfahrt zu diesem Zeitpunkt schon halbiert. Vielen Aktionären schwante auch für die Zukunft wenig Gutes. Als die großen Finanzhäuser, ob in Frankfurt oder auch in Großbritannien, dann wieder neue Anpassungsschwierigkeiten hatten und die Vorstände hart auf die Kostenbremse traten, verlor das Stuttgarter IT-Haus lukrative Aufträge. „Was also machten wir?“, fragt Lulay im Gespräch mit FAZ.NET rhetorisch – und schiebt die Antwort gleich hinterher. „Wir schauten uns um auf der Welt und machten einen strategischen Schritt: Wir blickten erstmals richtig nach Asien und fragten uns, warum wir dort eigentlich keine Aufträge gewinnen sollten.“

          Zwei Jahre später ziehen nach den Worten der Vorstandsvorsitzenden nicht weniger als 50 Mitarbeiter neue Aufträge in Asien an Land. So macht die Deutsche Bank nur noch rund ein Fünftel des gesamten Konzernumsatzes der GFT aus, und die Aktie hat auch wieder einen leichten Kurssprung nach oben gemacht. „Wir verstehen Financial Service von der IT-Seite her“, sagt Lulay. „Das ist unser Kerngeschäft, und das können wir gut. Gleichwohl strecken wir unsere Fühler auch nach Neuem aus. So bereiten wir uns auf Internet-of-Things (IoT)-Themen vor.“

          Beim Internet der Dinge sprechen Maschinen mit Maschinen, Fabriken mit Fabriken, alles ist mit allem digital verbunden. „In der Summe ist dieser Markt noch sehr jung und relativ klein. Doch hier ist das Wachstum. Viele Kunden bauen sich aus Mangel an Gelegenheit ihre IoT-Plattformen selbst. Das aber wird nicht so bleiben. Unsere Erfahrungen aus den Finanzdienstleistungen lassen sich auch auf die Industrie übertragen. Wir lernen das gerade, und die ersten Projekte sind auch schon gut durch.“

          Haben nicht die Großen das Sagen?

          Mindestens so spannend wie IoT ist für ein Unternehmen wie GFT aber auch das Thema Cloud. Doch haben da nicht die Großen das Sagen? An Anbietern gigantischer Rechenkapazitäten rund um die Welt, wie Google oder vor allem Amazon mit der Tochtergesellschaft Amazon Web Services (AWS), führt in der IT-Industrie heute kein Weg mehr vorbei. GFT aber hat in diesem Universum dennoch ein eigenes Plätzchen gesucht und gefunden. „Google hat die Cloud-Plattform und die Technologie für datenbasierte Anwendungen“, sagt Lulay. Darauf baue ihr Unternehmen auf, zum Beispiel mit eigenen Datenanalyseanwendungen. Und so macht GFT zum Beispiel Versicherern Angebote: „Wir sind schließlich schon seit fünf bis sechs Jahren im Versicherungsgeschäft.“

          Mit einer Akquisition hat sich GFT im vergangenen Jahr auf diesem Markt zusätzliche Expertise eingekauft. Eigentlich wollte die Vorstandsvorsitzende in den Vereinigten Staaten zugreifen. Doch die für M&A-Transaktionen Verantwortlichen fanden dort nichts Geeignetes. „Ich war nicht happy“, bekennt Lulay – bis ausgerechnet im kanadischen Quebec den Deutschen V-Neo auffiel, ein auf integrierte IT-Lösungen für die Versicherungsbranche ausgerichteter Serviceprovider. Nach gerade eintägigen Gesprächen war Lulay begeistert: Ein fokussiertes Unternehmen mit einer Marke und keinem Massenprodukt, das war genau das, was sie wollte: „Das passte zu uns. Wir wurden über Nacht für Versicherer richtig interessant.“ Tatsächlich gehören zu den V-Neo-Kunden einige große Branchenvertreter in Kanada, Belgien und Frankreich. Mit dem Kauf sieht GFT die eigene internationale Wachstumsstrategie auf sehr gutem Weg – so gut, dass V-Neo soeben umbenannt wurde und jetzt GFT Canada heißt.

          Auch Grundsätzliches hat Lulay im Rahmen der Anpassungen an die neue GFT-Kundenwelt gelernt: Massenprodukte haben ihren Preis, und der ist oft sehr niedrig. „Das ist in der Industrie genauso wie bei Services“, sagt Lulay. In den IT-Dienstleistungen sei das allerdings eine noch relativ junge Entwicklung. Doch habe sich diese Tendenz in den zurückliegenden Monaten verstärkt. „So sehen wir in der Branche heute einen kompletten Ausverkauf in der Mitte.“ Während am oberen Ende der Branche die Konzerne massenhaft zukaufen, fielen am unteren Ende viele der kleinen Anbieter reihenweise durch. Friss oder stirb: GFT hat vor, in dem Rennen zu überleben – auch im Wettbewerb mit der zweimal so großen Software AG oder mit der SAP AG, die vierzigmal so groß ist.

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