https://www.faz.net/-gqe-9elxe

Mehr Daten : Lebensversicherer verlangt, dass Kunden Fitness-Tracker nutzen

In Deutschland sind die Versicherer noch nicht so weit (Symbolbild aus Frankfurt). Bild: Helmut Fricke

Zeitenwende: Ein traditionsreicher Konzern in Amerika bietet keine klassische Lebensversicherung mehr an. Verbraucher müssen künftig mehr von sich preisgeben.

          Gutscheine für Amazon im Gegenzug für eine gesündere Ernährung oder eine fast kostenlose Apple Watch als Belohnung für sportliche Aktivitäten: So stellt sich der traditionsreiche amerikanische Versicherer John Hancock sein künftiges Geschäft vor.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Das Unternehmen hat jetzt angekündigt, keine klassischen Lebensversicherungen mehr anzubieten. Von nun an soll es nur noch Policen geben, die mit Vitality verknüpft sind, einem Programm, das seine Versicherten zu einer gesünderen Lebensweise animiert und das auch von anderen Versicherern eingesetzt wird.

          Rabatte fürs Sport machen

          John Hancock nennt Vitality eine „Plattform zur Verhaltensänderung“ und bietet das Programm seinen Kunden schon seit 2015 als Option an. Nun wird es zu einem Pflichtbestandteil der Versicherungen. Jede Lebensversicherung von John Hancock soll künftig mit einer Basisversion von Vitality verbunden sein, darüber hinaus soll es für einen monatlichen Aufpreis von zwei Dollar im Monat eine „Plus“-Variante geben, die zusätzliche Ersparnisse verspricht.

          In der Basisversion können Versicherte Preisnachlässe bei Amazon und anderen Händlern bekommen, wenn sie Sport treiben und gesunde Lebensmittel kaufen und dies auf einer Internetseite oder einer Smartphone-Anwendung dokumentieren. Das „Plus“-Programm gewährt bei gesunder Lebensweise einen Rabatt von bis zu 15 Prozent auf die jährliche Versicherungsprämie.

          Hannover Rück ist Partner

          Außerdem wird Kunden ein kostenloses Fitnessarmband von Fitbit oder eine Apple Watch für 25 Dollar in Aussicht gestellt. Dazu müssen sie aber auch Sport treiben und dies von den Geräten aufzeichnen lassen. Je nachdem, wie oft sie das tun, sind für die Apple Watch weitere monatliche Zahlungen fällig.

          Nach Angaben von John Hancock haben auch bisher schon 40 Prozent der Kunden Lebensversicherungen mit der Vitality-Option. Diese Versicherten gingen doppelt so viele Schritte zu Fuß wie durchschnittliche Amerikaner. Insgesamt hätten Teilnehmer an Vitality-Programmen eine um 13 bis 21 Jahre höhere Lebenserwartung als andere Versicherte, und die von ihnen verursachen Kosten für Krankenhausaufenthalte seien um 30 Prozent niedriger.

          Ein Armband von Fitbit misst, wie viel Sport sein Träger macht.

          Vitality wurde vom südafrikanischen Versicherer Discovery entwickelt und 1997 das erste Mal eingesetzt. Wenig später ist der deutsche Rückversicherer Hannover Rück als Partner eingestiegen. Mit dessen Hilfe und Netzwerk konnte Discovery das Konzept nach Asien, Australien, Europa und Nordamerika bringen. Bevor die Generali es im Juli 2016 in Deutschland einführte, gab es heiße Diskussionen in der Branche.

          Wie sicher sind die Daten?

          Wichtige Kritikpunkte waren die Datensicherheit, der drohende Ausschluss weniger gesunder Kunden und die Aufhebung des Versicherungsprinzips (einzelne Schäden werden über eine große Masse von Kunden ausgeglichen). Der italienische Versicherer verband das Belohnungskonzept von Vitality mit seiner Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung, wo Ausschlüsse von Kunden weniger heikel zu sein scheinen als etwa in der privaten Krankenversicherung. Die Verbraucher testen ihren Gesundheitszustand, setzen sich selbst Ziele, um diesen zu verbessern, und erhalten vom Versicherer Ratschläge, wie sie ihren Plan erfüllen können.

          Die Diskussion über Vitality ist seither nicht abgeebbt. Viele Versicherungsmanager sehen darin eine zu starke Fokussierung auf individuelle Risiken und dadurch den Charakter von Versicherungen in Gefahr. So säge die Branche am eigenen Ast, war schon zu hören.

          Tatsächlich kann es einem Anbieter mit mehr Daten gelingen, den Versicherungsschutz zielgenauer zu tarifieren. Deutsche Autoversicherer haben ihre Policen durch eine Vielzahl von Merkmalen stark auf jeden einzelnen Fahrer zugeschnitten, so dass ihre Prämien extrem präzise sind. Das ist der Grund, warum die Einführung von Telematiktarifen in Deutschland weitaus weniger erfolgreich war als in anderen Ländern, wo Rabatte durch gutes Fahren größer waren.

          Insurtech-Start-ups entwickeln mit Hilfe von Rückversicherern inzwischen Modelle, wie Handydaten für Policen genutzt werden können. Andererseits beruht das Versichern seit jeher darauf, dass Risiken im Kollektiv ausgeglichen werden. Das wollen die Kritiker bewahren. Inwieweit Versicherer die Daten wirklich zur Tarifierung und zum Risikomanagement einsetzen, ist nicht transparent.

          In jedem Fall hilft der Datentransfer bei Vitality, mit den Kunden wieder regelmäßigere Interaktionen zu etablieren. Das wiederum erlaubt, in Zeiten der digitalen Kommunikation neue Anlässe für Austausch mit dem Kunden zu schaffen, der früher in einer Agentur oder auf dem heimischen Sofa stattgefunden hätte.

          Weitere Themen

          Geld nur gegen Reformen

          Eurobudget : Geld nur gegen Reformen

          Das künftige Budget für die Eurozone soll Reformen vorantreiben. So steht es in einem deutsch-französischen Papier, das der F.A.Z. vorliegt. Auch mögliche Finanzierungsquellen werden darin genannt.

          Topmeldungen

          Orbán terrible : Ein Mann entzweit die Union

          Für die Union ist das Verhältnis zu Ungarns Ministerpräsidenten Orbán ein Balanceakt. Die CSU-Oberen suchten lange seine Nähe – Angela Merkel tat das nicht.
          Unter Druck: AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel am Donnerstag im Bundestag

          Spendenaffäre : Eine Blamage für die AfD

          Die Spendenaffäre ist für die AfD eine inhaltliche Bankrotterklärung. Sie belegt die tief in der Partei verankerte Verantwortungslosigkeit, die innerhalb der AfD gerne als Freiheit verkauft wird. Ein Kommentar.

          Brexit-Krise : Muss May in drei Monaten zurücktreten?

          Großbritannien will am 29. März aus der EU austreten – wenn es nach May geht zur Not auch ohne Abkommen mit Brüssel. Danach könnte für die Premierministerin Schluss sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.