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Googles Chefökonom sagt : Roboter bedrohen weniger Arbeitsplätze als befürchtet

Der Chef-Ökonom von Google, Hal Varian, sieht der sich entwickelnden Arbeitsteilung zwischen Menschen und Robotern eher entspannt als besorgt zu. Bild: Boness, Stefan

Hal Varian versucht, Ängste vor der Digitalisierung zu zerstreuen. Seine These: Die Demografie kann die Problematik rund um Roboter auf dem Arbeitsmarkt entschärfen.

          Die Sorge um mögliche massenhafte Arbeitsplatzverluste durch Automatisierung, Computer und Roboter treibt viele um, sie ist aber wohl übertrieben. Das ist das Fazit des Google-Chefökonomen Hal Varian, das er an diesem Montag auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik, des Verbands der deutschsprachigen Ökonomen, in Freiburg präsentiert hat. Varian hat die pessimistischsten Prognosen zum Arbeitsplatzabbau und die demografische Entwicklung verglichen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass künftig Arbeitskräfte fehlen werden – und sie nicht in großer Zahl in Zwangsrente gehen müssen.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Vor einigen Jahren hatte eine viel zitierte Studie der Oxford-Forscher Carl B. Frey und Michael Osborne prognostiziert, dass bis zu 47 Prozent aller Arbeitsplätze in Amerika durch Computer und Roboter wegfallen könnten. Nicht nur Routinetätigkeiten, sondern auch große Teile aller Büroarbeit in der Verwaltung, in Banken und Versicherungen sowie anderen Branchen würden wegrationalisiert. Andere Wissenschaftler betrachteten die Arbeitsplatzprofile differenzierter und kamen auf geringere Anteile. Nach einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung wäre in Deutschland etwa jeder zehnte Arbeitsplatz gefährdet. Das wären immer noch Millionen.

          Maschinen könnten Routinearbeit übernehmen

          Der Google-Forscher, der vor seinem Wechsel zu dem Internetkonzern viele Jahre an der Eliteuniversität von Kalifornien in Berkeley gelehrt hat, betonte nun, dass in allen Industriestaaten seit einigen Jahren immer weniger junge Leute auf den Arbeitsmarkt kommen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Älteren, die bald in Rente gehen. Varian führte dazu aus: In den pessimistischsten Schätzungen gingen durch die Digitalisierung, durch Computer und Roboter jedes Jahr 1,8 Prozent der Arbeitsplätze verloren; gleichzeitig gehe der Anteil der Arbeitskräfte an der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten um 2,7 Prozent jährlich zurück.

          In Deutschland sei die demographische Entwicklung noch dramatischer: Die Alterung geht schneller, es werden weniger Kinder geboren. Varian stellte fest, dass es gerade die Länder mit der stärksten Alterung seien, die besonders viel in Roboter investierten: Japan, Südkorea und Deutschland.

          In den vergangenen Jahrzehnten waren die Babyboomer auf dem Arbeitsmarkt voll aktiv, zudem haben immer mehr Frauen angefangen zu arbeiten. Diese Effekte wirkten künftig nicht mehr im gleichen Maß. „Viele Gedanken, die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten über den Arbeitsmarkt gemacht haben, werden bald weniger wahr sein“, sagte Varian, der den Internetkonzern Google ökonomisch berät. Generell gehe der Ersatz von menschlichen Arbeitsplätzen durch Computer oder Roboter langsamer voran, als viele befürchteten. „Ein Beruf ist erst dann automatisiert, wenn jede einzelne Aufgabe des Berufs automatisiert ist. Aber das geschieht sehr selten“, sagte Varian. Auf absehbare Zeit könne die Technik einzelne Aufgaben erleichtern.

          Die Menschen wollten tendenziell weniger Arbeit – genau das würde die Technik liefern. Maschinen könnten viele Routinetätigkeiten übernehmen, doch sobald spezielle Probleme auftauchen, brauche man menschliche Hilfe. Die verbliebenen Arbeitsplätze seien interessanter und reicher als frühere, unterstrich Varian sein optimistisches Szenario. Die Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik hat dieses Mal den Schwerpunkt „Digitale Wirtschaft“. Dazu gibt es eine Reihe von Vorträgen.

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