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Technik-Wettlauf : Ein Weckruf für die Zukunft Europas

Roboter des Antriebstechnikunternehmen HIWIN aus Taiwan schwenken Lichtschwerter auf der Hannover Messe 2018. Bild: dpa

Die Bilanz der Vordenker der Europäischen Kommission zum Stand der Künstlichen Intelligenz in der EU fällt ernüchternd aus. China und Amerika haben demnach überholt. Eine Chance gibt es aber noch.

          Manchmal ist lesen besser als reden. Denn über Künstliche Intelligenz reden schon viele: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf der Hannover Messe zum Beispiel. Und am 25. April auch die Europäische Kommission, wenn sie eine Strategie zum Umgang mit der Künstlichen Intelligenz (KI) vorlegen will. Aber schon vor ein paar Wochen hat die Denkfabrik (der „Think Tank“) der Europäischen Kommission ein Papier veröffentlicht, das in der breiten Öffentlichkeit völlig unbeachtet geblieben ist – obwohl es ein lauter Weckruf an alle europäischen Politiker ist, von der Kanzlerin bis hin zur Kommission. Ob es gelesen wurde, darf bezweifelt werden. Aber vielleicht ist es für die Erkenntnisse des „European Political Strategy Centre“ (EPSC) zur Künstlichen Intelligenz dennoch nicht zu spät.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Schon die Bestandsaufnahme der Forscher fällt erschreckend aus. Nur 4 Prozent aller Daten, die auf der Welt verarbeitet werden, werden in der EU gespeichert. Nur 25 Prozent der großen Unternehmen in der EU und sogar nur 10 Prozent der für die Wirtschaft noch viel wichtigeren kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) in der EU nutzten im vergangenen Jahr Big-Data-Analysen, heißt es in dem Papier. Und trotz der offensichtlichen Nachfrage nach technologischen Fähigkeiten hat ein erheblicher Teil der EU-Bevölkerung, nämlich 37 Prozent der europäischen Arbeitskräfte, noch nicht einmal grundlegende digitale Fähigkeiten. Die Europäische Kommission prognostiziert eine Lücke von 750.000 offenen Stellen bis zum Jahr 2020 zwischen Nachfrage und Angebot von IKT-Fachleuten. In den meisten EU-Mitgliedstaaten machen Datenwissenschaftler weit weniger als 1 Prozent der Gesamtbeschäftigung aus.

          In Europa mangelt es zwar nicht an Forschungszentren für Künstliche Intelligenz. Universitäten bleiben jedoch oft in einem Vakuum, ohne Verbindungen zu anderen Forschungseinrichtungen, ohne nennenswerte Unterstützung durch öffentliche Mittel und in unsystematischen Beziehungen zu Unternehmen. Die KI-Labors der europäischen Universitäten verfügen nicht über die Ressourcen, um sich zu vergrößern und zu vernetzten Kraftwerken zu werden, die in der Lage sind, an ambitionierten groß angelegten Forschungsprojekten oder kommerziellen Anwendungen zu arbeiten.

          Der „AI-Multiplikatoreffekt“

          Und während große Unternehmen zwar in der Lage sind, KI-Technologien zu nutzen, um ihre eigenen Systeme zu verbessern (Sprache, Gesichtserkennung, persönliche Assistenten, Bot-zu-Bot-Kommunikation), sehen sich kleinere Unternehmen mit erheblichen Einschränkungen konfrontiert. Darunter der Mangel an qualifiziertem Personal und höheren Investitionskosten, Schwierigkeiten bei der Bewertung der wirtschaftlichen Erträge oder einfach Zweifel an der möglichen Integration von KI in das Unternehmen.

          Darüber hinaus hätte Europa zwar das Potential, das Rückgrat seiner Wirtschaft – seine hochproduktive Fertigungs- und Industriebasis, die derzeit rund 23 Prozent des BIP ausmacht – zu nutzen, um im Internet der Dinge (IoT) und in der Künstlichen Intelligenz voranzukommen. Dann aber folgt sogleich eine erhebliche Einschränkung durch die Vordenker der EU: „Ein Großteil dieses Sektors ist jedoch heute noch weitgehend in einer analogen Welt tätig“, schreiben sie.

          Was dann kommt, sind eine Menge Konjunktive: Würde ein Verbundsystem von Maschinen und von KI-gestützten Technologien aufgebaut, würden europäische Unternehmen einen „AI-Multiplikatoreffekt“ erzielen. Sie würden nicht nur effizienter, sondern auch in der Lage sein, riesige Mengen maschinengenerierter Daten als Nebenprodukt des Betriebs zu erfassen und zu analysieren. 

          Datenschutz in China: nicht vorhanden

          Der Indikativ, der sich anschließt, ist ernüchternd: „Europas Herausforderung ist die ungleiche Geschwindigkeit, mit der KI auf der ganzen Welt entwickelt wird. Orte wie das Silicon Valley zum Beispiel haben einen einzigartigen wirtschaftlichen Rahmen, der disruptive Innovationen mit starken kommerziellen Anwendungen unterstützen soll. Es ist auch ein Ort, an dem die essentielle Zutat für KI, nämlich die Daten, leichter verfügbar ist. Dies ist auch in China der Fall, wo das regulatorische Umfeld in Bezug auf den Datenschutz oder die Kontrolle personenbezogener Daten wenig bietet und große öffentliche und private Investitionen weiterhin in die KI-Entwicklung fließen“, heißt es in dem Papier, das die Forscher im Original auf Englisch vorgelegt haben.

          Zudem: 93 Prozent der chinesischen Kunden sind bereit, Standortdaten mit ihrem Autohersteller zu teilen, verglichen mit nur 65 Prozent der Deutschen und 72 Prozent der Amerikaner. Das ist ein großer Pluspunkt für China.  „Während China weiterhin eine Chance für europäische Unternehmen darstellt, die im Ausland investieren und expandieren wollen, wird es auch zunehmend zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten, wenn chinesische Firmen fortschrittlichere KI-Technologien implementieren und mit größeren zusammenarbeiten können“, schreibt der Think-Tank. Chinas Bemühungen auf der Unternehmensseite spiegelten sich in der Wissenschaft wider, wo chinesische Forscher derzeit mehr Zeitschriftenartikel zum Thema Deep Learning veröffentlichen als ihre amerikanischen oder europäischen Kollegen. 

          Es schließt sich die nächste Ohrfeige für die Politik an: Während die europäische Wissenschafts- und Forschungsbasis vergleichsweise stark sei, leidet sie nach Ansicht des EU-Think-Tanks unter der seit langem bestehenden Unfähigkeit, vielversprechende Erfindungen zu echten Innovationen zu machen, was zu einem Mangel an auf der ganzen Welt  erfolgreichen, ansehnlichen digitalen Unternehmen führe. Auch beim Blick auf die Zahl der Patentanträge hinkt Europa den Vereinigten Staaten und China hinterher. Während sich die Zahl der in Indien eingereichten IKT-Patente zwischen 2002 und 2015 mehr als verdoppelte und in China um 50 Prozent stieg, gingen die durchschnittlichen Einreichungen in der EU (28 Mitgliedsstaaten) in derselben Zeitspanne sogar zurück.

          Im Jahr 2016 steckten externe Investoren zwischen 900 Millionen und 1,3 Milliarden Euro in europäische Unternehmen. Aber sie investierten zwischen 1,2 und 2 Milliarden Euro in asiatische und 4 bis 6,4 Milliarden Euro in nordamerikanische Unternehmen. Und obwohl einige große europäische Unternehmen in KI investieren (ABB, Bosch, BMW, Siemens), waren die internen Unternehmensinvestitionen 2016 in Europa ebenfalls deutlich niedriger.

          Ein Billionen-Effekt für das Wachstum

          Warum ist das ein Problem? Schätzungen zufolge werden schon  in diesem Jahr 20 Prozent aller globalen Geschäftsinhalte maschinell erstellt, und bis zum Jahr 2020 werden KI-Bots 85 Prozent aller Kundendienst-Interaktionen übernehmen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen von KI werden erheblich sein und viele Chancen für die Länder und Unternehmen eröffnen, die sich der KI verschrieben haben.

          Denn KI könnte bis zum Jahr 2030 rund 12,8 Billionen Euro zur Weltwirtschaft beitragen, was einem Anstieg von 14 Prozent gegenüber dem heutigen globalen BIP entspricht. Es wird erwartet, dass 7,4 Billionen Euro von der Nachfrage nach neuen Produkten stammen könnten, während 5,4 Billionen Euro durch höhere Marktproduktivität generiert werden könnten. Die Forscher vermuten, dass die KI die Produktivität bis 2035 um bis zu 40 Prozent steigern könnte.

          Produktivitätssteigerungen kommen von Branchen, die neue Automatisierungstechniken einsetzen und Routineaufgaben durch Maschinen ersetzen, die sie effizienter und rund um die Uhr ausführen können. Mit der Zunahme der Rechenleistung und der Verfügbarkeit großer Datenmengen werden maschinelle Lerntechnologien die Effizienz des Herstellungsherstellungsprozesses erheblich verbessern. Das ist der Grund warum Regierungen auf der ganzen Welt umfangreiche KI-Strategiepläne aufsetzen - mit umfassenden politischen Programmen, Forschungstätigkeiten und finanzieller Unterstützung für private Investitionen. Mit seiner Strategie will zum Beispiel China bis 2030 auf der Welt in der KI führend werden. Am 14. Dezember 2017 kündigte die chinesische Regierung einen detaillierten Dreijahresplan mit konkreten Zielen an, die bis 2020 erreicht werden sollen, wie die Massenproduktion von Chips für die Verarbeitung neuronaler Netze und die Steigerung der Energieeffizienz des verarbeitenden Gewerbes um 10 Prozent.

          Während Kanada versucht, die wissenschaftliche Exzellenz der KI zu erhöhen und einen Rahmen für Ethik, Politik und die rechtlichen Implikationen der KI zu entwickeln, konzentrieren sich die Vereinigten Staaten wiederum auf die Notwendigkeit von Grundlagen- und Langzeitforschung zur KI, betrachten aber die Rolle der Regierung als Regulierer nur minimal. In Europa haben nur das Vereinigte Königreich und Finnland eine KI-Strategie angenommen. Die französische Regierung allerdings hat eine Task Force beauftragt, eine KI-Strategie für Frankreich zu entwickeln. Die Strategie wird Maßnahmen zur Förderung der AI-Entwicklung (wie die Schaffung eines günstigen Regelungsrahmens) und Maßnahmen zur Gewährleistung des Schutzes der individuellen Rechte enthalten.

          Was folgt für die Forscher der Kommission daraus? Europa brauche eine ambitionierte und schnelle Strategie zur Förderung der Künstlichen Intelligenz, die sowohl die Wirtschaft als auch die öffentliche Verwaltung umfasst, fordert das ESPC. Dies müsse Hand in Hand gehen mit einer Weltklasse-Forschungs- und Wissenschaftsstrategie, sowie einer internationalen Kampagne, um sich im Rennen zwischen den Vereinigten Staaten und China zu behaupten. 

          Und die Chance liege hier: Neben der Schaffung eines förderlichen Umfelds für KI müsse Europa seine allgemein anerkannten Werte und Prinzipien nutzen, um globale regulatorische Normen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine „menschenzentrierte und ethische Entwicklung“ dieser Technologie gewährleisten. Denn auf lange Sicht werde der digitale Wohlstand unweigerlich mit dem Wohlergehen der Bürger einhergehen müssen. Hier könne Europa sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Noch könne ein „humanzentrierte“, also eine auf den Menschen bezogene Ausrichtung der KI erreicht werden. Dies erfordere jedoch hohe und transparente Qualitätsstandards - und kontinuierliche Überwachung der sozialen Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz. 

          Ethische Richtlinien

          Zu den effektivsten traditionellen Instrumenten gehört nach Ansicht der Forscher dabei die Wettbewerbspolitik. „Eine ordnungsgemäße Durchsetzung der Vorschriften für Fusionskontrolle, Kartellrecht und staatliche Beihilfen kann Marktverzerrungen und die Entstehung von Engpässen in der digitalen Wertschöpfungskette verhindern. Indem die Unternehmen gezwungen werden, auf der Grundlage ihrer Verdienste zu konkurrieren, trägt die Wettbewerbspolitik dazu bei, dass Belohnungen des Marktes an innovationsfreudige Akteure vergeben werden, die ihren Kunden die beste Qualität bieten“, schreiben sie. So müsse beispielsweise die Durchsetzung des Kartellrechts beschleunigt werden, während die kartellrechtlichen Instrumente zugleich verfeinert werden müssten, um zu verhindern, dass die KI von den Unternehmen dazu missbraucht wird, das Gesetz zu brechen. 

          Ebenso solle die Fusionskontrolle die Auswirkungen einer Verringerung des Wettbewerbs auf dem Markt berücksichtigen, die es fusionierten Unternehmen ermöglichen könnte, KI-Technologien zu verwenden, um ihre Nutzer zu diskriminieren oder sie dazu zu veranlassen, mehr personenbezogene Daten für den Zugang zu ihren Diensten zu übermitteln. Wichtig sei, dass die Fusionskontrolle genauer abgestimmt werde, um Akquisitionen zu erfassen, die in der Zukunft erhebliche Auswirkungen auf den Wettbewerb haben könnten, aber heute noch unterhalb der Schwellenwerte für eine eingehende Prüfung liegen.

          Der globale Maschinenbauverband IEEE wiederum habe seit 2016 eine Initiative gestartet, um Richtlinien zu empfehlen, die ein ethisch ausgerichtetes Design von Künstlicher Intelligenz fördern. Ein explizites Ziel des IEEE ist es, einen integrativen Ansatz für Kulturen zu entwickeln, zum Beispiel Erkenntnisse aus dem Buddhismus oder Konfuzianismus zu nutzen, um das Risiko der Entwicklung eines ethischen Codes zu berücksichtigen, der nur auf westlichen Werten und Prinzipien beruht. In diesem Zusammenhang haben die Forscher einen wichtigen Hinweis parat: Algorithmen beeinflussen die Einstellungsprozesse von Unternehmen, die Kommunikation zwischen Smartphone-Anwendungen und die Inhalte, die Nutzer auf Google, Twitter oder Facebook sehen. Diese Technologien spiegeln jedoch immer den Hintergrund und die Voreingenommenheit der Menschen wider, die sie programmiert haben. Daher ist die Zusammensetzung des Entwicklungssystems der Künstlichen Intelligenz stark auf eine Bevölkerungsgruppe mit spezifischen Merkmalen ausgerichtet: Entwickler sind überwiegend weiße Männer, wohlhabend, gut ausgebildet, mit einer starken Neigung zu Hightech.

          Wozu so etwas führen kann, zeigt die Vergangenheit: In den frühen 1970er Jahren führten männliche Entwickler die ersten Airbags ein und testeten sie mit männlichen Testdummies. Das Ergebnis war eine um 47 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit schwerer Verletzungen für Fahrerinnen mit Sitzgürtel als für gegürtete männliche Fahrer. Es dauerte mehr als dreißig Jahre, bis die amerikanische Behörde für Verkehrssicherheit und Autohersteller Tests mit Frauen und Kinderpuppen einführte. „Wenn es um digitale Technologien geht, haben wir nicht so viel Zeit. Digitale Märkte entwickeln sich sehr schnell“, mahnt der EU-Think-Tank

          Es sei daher wichtig, dass die Aufgabe, die Grundlagen der neuen „digitalen Gesellschaft“ zu definieren, nicht allein den Entwicklern überlassen werde. Stattdessen müsse sich darum zumindest teilweise die Politik kümmern. Die Politiker sollten die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, bevor die KI weiter voranschreite. Reden allein hilft dabei nicht.

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