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Künstliche Intelligenz : Bosch jagt die Weltspitze

Deutsche Unternehmen haben in Sachen Künstliche Intelligenz Aufholbedarf. Bild: obs

Auf den großen KI-Konferenzen präsentieren sich die Forschungsabteilungen der Digitalkonzerne. Bosch hat kräftig aufgeholt, einige der großen sogar schon überholt. Doch ein KI-Professor meint, zur absoluten Spitze fehle noch ein bisschen etwas.

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          Wissenschaftler messen sich an Publikationen. Wer in den besten wissenschaftlichen Zeitschriften viel publiziert oder seine Ergebnisse auf den wichtigsten Konferenzen präsentieren darf, der gilt als Star in der Szene. Das ist in der Künstlichen Intelligenz nicht anders als in anderen wissenschaftlichen Disziplinen.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nur einen Unterschied gibt es – und der hat damit zu tun, dass KI nicht nur Wissenschaftler interessiert, sondern auch die größten Unternehmen der Welt. Deshalb messen sich nicht nur die Wissenschaftler an ihren Publikationen, sondern auch die Forschungsabteilungen der großen Digitalunternehmen: Wer auf den beiden wichtigsten Konferenzen der KI viele Papiere präsentieren darf, zeigt als Unternehmen, dass es zu den besten im Bereich KI gehört – und präsentiert sich damit als attraktiver Arbeitgeber.

          Immer im Sommer – dieses Jahr vom 10. bis zum 15. Juni in Los Angeles – findet die „International Conference on Machine Learning“ (ICML) statt. Jeweils im Dezember folgt dann die „Neural Information Processing Systems“-Konferenz (NIPS oder NeurIPS). Die Auswahl ist hart: Die Studien müssen im Peer-Review-Verfahren bestehen. Das heißt, dass etablierte Kollegen die Papiere prüfen. Nur die besten setzen sich durch. Irgendwann werden aus den Papieren Produkte, die Konferenzen geben früh Hinweise darauf, von welchen Unternehmen Innovationen zu erwarten sind.

          Google dominiert

          Unter den Unternehmen ist Google auf diesen Konferenzen seit Jahren mit Abstand führend. Auf der anstehenden ICML sind mit Google, Google Brain und Deepmind allein drei Abteilungen oder Unternehmen des Alphabet-Konzerns unter den Top 4. Nur der ebenfalls amerikanische Technologiekonzern Microsoft durchbricht diese Google-Phalanx.

          Dahinter aber tut sich etwas – und das macht Mut aus deutscher Sicht. Darauf weist Christoph Peylo, Leiter des Bosch Center for Artificial Intelligence (BCAI), hin: Sie hätten sich, so haben es die Stuttgarter berechnet, in diesem Jahr auf Rang 7 der Unternehmen vorgeschoben. Zähle man die Ableger des Google-Konzerns zusammen, sei Bosch sogar schon auf Rang 5. „Und das, obwohl es das BCAI ja erst seit gut zwei Jahren gibt.“ Man merkt ihm an, dass er ein bisschen stolz darauf ist. Ausgerechnet hat diese Ergebnisse Andreas Dörr. Er arbeitet im BCAI, hat davor bei Bosch promoviert. Dörr schlussfolgert: „Wir sehen, dass wir Top-Forschung hervorbringen können. Bosch ist in der KI-Community angekommen und wird wahrgenommen.“

          Bis 2025, hat Bosch-Chef Volkmar Denner angekündigt, werde jedes Bosch-Produkt Künstliche Intelligenz beinhalten oder mit Hilfe von KI hergestellt werden. Das Unternehmen lässt sich die KI-Pläne einiges kosten. Auf den KI-Konferenzen gehört der Stuttgarter Konzern inzwischen zu den größten Geldgebern, wird in der Sponsoren-Liste vor Microsoft oder dem Software-Unternehmen Salesforce und direkt hinter dem Fahrdienstleister Uber geführt. In das BCAI sollen bis 2021 300 Millionen Euro fließen. Das verteilt sich auf die fünf Standorte in Stuttgart, in Amsterdam, im Silicon Valley, in Pittsburgh und in Bangalore in Indien.

          Vergleicht man den Betrag mit den Milliarden, die große Digitalkonzerne in diese Forschung stecken, wirkt die Bosch-Investition allerdings fast schon wieder bescheiden. Für Peylo liegt die Erklärung darin, dass Bosch ein Konzern sei, in dem in vielen Bereichen geforscht werde. Insgesamt investiere das Unternehmen viele Milliarden Euro im Jahr in Forschung und Entwicklung. Deshalb seien die Summen nicht unbedingt vergleichbar.

          „Wir kriegen gute Leute“

          In der KI herrscht Goldgräberstimmung. Junge Forscher können sich die Arbeitsplätze aussuchen. Allein für den Standort bei Stuttgart sucht das BCAI laut den Stellenausschreibungen auf seiner Internetseite gerade mehr als 40 neue Leute, dabei arbeiten dort zurzeit insgesamt nur etwa 130 Leute. BCAI-Chef Peylo führt die vielen unbesetzten Stellen auf das anspruchsvolle Bewerbungs- und Auswahlverfahren zurück. Es dauere länger und sei härter als in vielen anderen Unternehmen. Er meint: „Wir kriegen gute Leute – und wir kriegen die weltweit.“ Vor kurzem hatte Bosch angekündigt, in den kommenden fünf Jahren 25 000 zusätzliche Stellen für Software-Fachleute schaffen zu wollen.

          Forscher Dörr sagt, er habe sich den Arbeitgeber aussuchen können und auch Angebote von großen amerikanischen Konzernen gehabt. Letztlich habe er sich aber für Bosch entschieden, wegen der Unternehmenskultur, aber vor allem wegen „der Freiheit, auch akademische Forschung zu betreiben“. Mit den Bedingungen, die das BCAI biete, brauche man sich international „auf keinen Fall zu verstecken“. Innerhalb der deutschen Industrie sei das BCAI einzigartig, fährt er fort: „Ich kenne kein anderes Unternehmen, das in dem Maßstab ein Forschungszentrum für KI betreibt.“ In der Forschung sei Bosch damit inzwischen eine der Top-Adressen, bis das zur Anwendung komme, dauere es aber noch ein bisschen.

          Noch nicht in der ersten Liga

          Hört man sich in der deutschen KI-Szene um, sind nicht alle so optimistisch wie Bosch selbst. In der ersten Liga der KI-Arbeitgeber spiele Bosch noch nicht mit, auch wenn das Unternehmen sehr viel investiere, meint ein KI-Professor.

          Der Blick auf die KI-Konferenzen offenbart auch, dass Deutschland und Europa in Sachen KI noch viel Aufholbedarf haben. Unter den 15 Universitäten und Unternehmen mit den meisten Papieren auf der ICML sind laut der Bosch-Liste nur zwei nicht aus Amerika: die Universität Oxford und die ETH in Zürich. Selbst die Max-Planck-Institute, die in Deutschland zu den besten KI-Adressen gehören, sind nur knapp in den Top 30. In die Liste der 50 Unternehmen mit den meisten Papieren schaffen es aus Deutschland außer Bosch nur Siemens und Volkswagen.

          Der KI-Professor meint, das bestätige seinen Eindruck. Bosch habe vielleicht die besten Chancen, sich unter den besten Arbeitgebern in der KI-Forschung zu etablieren. Insgesamt genieße KI-Forschung in amerikanischen Unternehmen aber eine andere Wertschätzung.

          Auch BCAI-Chef Peylo ist der Meinung, dass sich in Deutschland etwas tun müsse: Deutschland müsse „die unglaublichen Chancen“ nutzen, die KI biete. Dann laufe man auch nicht Gefahr, im Wettbewerb zurückzufallen: „Man darf nicht darauf warten, dass irgendjemand einen zum Jagen trägt.“

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