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Reise durch Amerika : Altmaier will deutschen KI-Rückstand überwinden

Roboter auf der Hannover Messe Bild: dpa

Es ist nicht viel Geld, das der Bund in die Künstliche Intelligenz steckt. Beim Besuch der amerikanischen Digitalwirtschaft will Wirtschaftsminister Altmaier lernen, wie es besser geht.

          Es soll eine lehrreiche Reise in Sachen Künstlicher Intelligenz (KI) werden. Wenn Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) an diesem Montag seine knapp eine Woche lange Amerika-Reise in San Francisco beginnt, stehen ein Start-up mit dem Namen Zoox und der Suchmaschinenbetreiber Google auf dem Programm. Altmaier will sich ein Bild davon machen, wie die Vereinigten Staaten das Thema Künstliche Intelligenz angehen. Zoox gilt als eines der fortgeschrittensten jungen Unternehmen in dem Bereich. Bei Google besucht er das Forschungszentrum X-Lab, in dem Projekte wie Googles Entwicklung autonomer Fahrzeuge, die Paketauslieferung mit Drohnen und der Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Internetsuche ihrer Ausgang nahmen. Neben Forschern will Altmaier auch Vertreter deutscher Unternehmen im Silicon Valley treffen, etwa von SAP.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          In der deutschen Heimat gibt es derweil Kritik, dass die Regierung mit der Förderung einer KI-Offensive kaum vorankommt. So gibt das Bundeswirtschaftsministerium, das zusätzlich 150 Millionen Euro zugeteilt bekommen hat, dieses Jahr gerade mal 10 Millionen Euro davon aus. Dies geht aus der Antwort des Ministeriums auf eine Anfrage der FDP hervor, die der F.A.Z. vorliegt. Der größte Brocken – sofern der Betrag von 5 Millionen Euro so zu bezeichnen ist – soll dabei an „KI-Trainer“ fließen, die Mittelständler technisch schulen sollen. Diese Trainer sollen „nichtkommerzielle, mittelständisch orientierte Einrichtungen“ sein, etwa Verbände oder Kammern. Wie viel Kompetenz diese auf dem Gebiet haben, geht aus der Antwort des Ministeriums nicht hervor.

          Mit weiteren 4 Millionen Euro will das Wirtschaftsministerium einen Innovationswettbewerb zum Thema KI aufstocken, in den kommenden Jahren sollen in diesen sogar bis zu 33 Millionen Euro zusätzlich fließen. Für die Entwicklung des autonomen Fahrens sind dagegen von 2020 an nur jeweils rund 7 Millionen Euro mehr vorgesehen, für die Vernetzung der Industrie – Stichwort Industrie 4.0 – sogar nur 700.000 Euro.

          China und Amerika weit voraus

          Mario Brandenburg, FDP-Abgeordneter im Bundestag und Mitglied der Enquetekommission Künstliche Intelligenz, spricht angesichts der Projekte und der damit verknüpften Beträge von einer „Miniaturgießkanne“, mit der das Geld verteilt werde. Er kritisiert auch, dass in das autonome Fahren viel mehr Geld als in die Vernetzung der Industrie fließen soll. „Das riecht eher nach Schützenhilfe für die Automobilindustrie als nach durchdachter und abgestimmter Innovationsförderung durch das Erschließen neuer Märkte.“

          Dabei hatte das deutsche KI-Programm der große Wurf werden sollen. Im November vergangenen Jahres kündigte die Bundesregierung an, 3 Milliarden Euro in die Erforschung und Anwendung der Künstlichen Intelligenz investieren zu wollen. Dieses für die Zukunft der Wirtschaft so wichtige Feld dürfe man nicht den Amerikanern und Chinesen überlassen, hieß es. Allerdings stellte sich im Frühjahr heraus, dass im Haushalt nur 500 Millionen Euro für die KI-Offensive eingeplant waren. Nach entsetzten Reaktionen aus Wirtschaft und Wissenschaft wurden diese dann zwar schnell um weitere 500 Millionen Euro verdoppelt. Aber was die Regierung mit diesem Geld eigentlich anfangen will, ist weiter unklar.

          In den Vereinigten Staaten haben Beteiligungsgesellschaften im vergangenen Jahr knapp 10 Milliarden Dollar in Start-ups aus dem Bereich Künstliche Intelligenz investiert. Jeder zehnte Dollar von Investoren fließt damit inzwischen in dieses Gebiet. In Deutschland kamen dagegen über die vergangenen Jahre insgesamt nur 1,2 Milliarden Euro für KI-Start-ups zusammen. Eines der bekanntesten ist der Kölner Übersetzungsdienst DeepL, bei dem kürzlich die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Benchmark eingestiegen ist.

          Tianjin will 14 Milliarden Euro investieren

          Nicht nur die Kapitalbasis der Start-ups stockt, Gleiches gilt auch für den Aufbau der „mindestens 100 zusätzlichen neuen Professuren“, die das Kabinett im vergangenen November angekündigt hat. Das Bundesforschungsministerium will von seinen 170 Millionen Euro, die es zusätzlich bekommen hat, in diesem Jahr gerade mal 15 Millionen Euro investieren. Für die Professuren, einer der Eckpfeiler der KI-Strategie der Regierung, ist dafür sogar nur eine Million Euro vorgesehen, für „Vorarbeiten“, wie es in der Antwort des Ministeriums auf die Anfrage heißt. Erst in den kommenden Jahren soll der Betrag langsam steigen, auf bis zu 31 Millionen Euro 2022. Ähnlich wie das Wirtschaftsministerium will auch das Forschungsministerium Geld in KI-Kompetenzzentren und die Erforschung des autonomen Fahrens investieren. Es fehle die „gebündelte und übergreifende Verantwortung in einem Haus“, kritisiert FDP-Technikexperte Brandenburg.

          Wie schwer die Aufholjagd wird, zeigt ein Blick nach China. Bis 2030 soll das Reich der Mitte nach dem Willen von Staatspräsident Xi Jinping der weltweit führende Anbieter und Entwickler auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz sein. Als die chinesische Wirtschaftsmetropole Schanghai im September eine KI-Konferenz ausrichtete, legte allein diese Stadt drei Fonds mit einem Gesamtwert von umgerechnet mehr als 2 Milliarden Euro auf. In jeder bedeutenderen chinesischen Stadt entstehen derzeit Entwicklungsparks. Die Hafenstadt Tianjin im Nordosten des Landes will sogar 14 Milliarden Euro in ihre KI-Wirtschaft stecken.

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