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Kongresswahlen in Amerika : So groß ist die Gefahr von Wahlmanipulation

„Ich habe gewählt“ – Wie die Wahlentscheidung am Ende zustande gekommen ist, behält dieser Wähler jedoch für sich. Bild: AFP

Kurz vor den ersten Ergebnissen der Kongresswahlen in Amerika warnt ein renommierter Medien-Professor vor Facebook: Das Soziale Netzwerk habe seine Probleme nicht behoben. Die Nachrichten-Manipulation setze sich ungehindert fort – mit ungeahnten Folgen.

          In Amerika laufen seit diesem Dienstag die Kongresswahlen. Nach den Social-Media-Skandalen der letzten Jahre schaut das Land verstärkt darauf, was in den Sozialen Netzwerken passiert. Facebook hat mit der Blockade weiterer Konten versucht, für Ruhe zu Sorgen.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch Jonathan Albright hat sich gefragt, was in diesem Wahlkampf in den Sozialen Netzwerken passiert. Er leitet die Initiative Digitale Forensik, die Teil des Tow Centers für Digitalen Journalismus an der Columbia University ist. Der digitale Forensiker untersucht die Trends in den Sozialen Netzwerken. In einem dreiteiligen Report untersucht Albright, inwieweit Facebook vor der Einflussnahme aus den vergangenen Jahren geschützt ist. Sein Fazit: Gar nicht.

          Ungeklärte Zugriffsrechte

          Noch im September seien einige der rechten oder konservativen Nachrichtenseiten auch von Menschen außerhalb Amerikas betrieben worden. Problematisch sei das, weil die Seiten in der gleichen Zeit politische Werbung auf Facebook gepostet hätten, schreibt Albright. Das wiederum könnte in Konflikt mit dem amerikanischen Gesetz stehen: Denn das erlaube nur Amerikanern politische Werbung.

          Öffnen

          Albright schreibt, das Problem sei, dass „nur ein Benutzerkonto auf einer Facebook-Seite verifiziert werden müsste, um politische Werbung spielen zu dürfen“. Tatsächlich hätten dann aber viele Menschen Zugriff auf das Konto und wer die politische Werbung letztlich spiele, sei kaum zu überprüfen.

          Schattenorganisation

          Das zweite Problem, das Albright identifiziert, sind die Facebook-Gruppen. Er nennt das Phänomen „Schattenorganisation“: Er habe versucht herauszufinden, wer das Gerücht in die Welt gesetzt habe, dass der liberale Milliardär George Soros die sogenannte „Migrantenkarawane“ finanziert, ein Treck von Einwanderern, der sich aus Süd- und Mittelamerika vor einigen Wochen in Richtung Vereinigte Staaten in Bewegung gesetzt hatte. „Auf Twitter war es ein ziemlich einfacher Prozess, den ursprünglichen Post zu identifizieren.“

          Auf Facebook sei das Gerücht aber aus geschlossenen und nicht einsehbaren Gruppen gekommen. Um Spuren zu verwischen, würden die Gruppenmitglieder Posts mit Bildern und Sprüchen erst herunterladen und dann selbst posten. Dadurch werde verhindert, dass Facebook automatisch erkenne, woher diese Posts stammten. Deshalb habe das Soziale Netzwerk Schwierigkeiten, die falsche Nachricht aus dem Sozialen Netzwerk zu entfernen, schreibt Albright.

          In den Gruppen würden stattdessen Verschwörungstheorien verbreitet, die der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich seien. Häufig würden die Gruppen von den Betreibern rechter Facebookseiten gepflegt.

          Die größte Gefahr für die Wahlberichterstattung

          So gibt es die geschlossene Gruppe „Infowars.com“ weiterhin, obwohl der Sender Infowars im August eigentlich von Facebook geblockt wurde. Angesichts von mehr als 115.000 Mitgliedern lässt sich auch dort Politik betreiben, nur eben im Verborgenen.

          Albright schreibt deshalb: „Facebook Groups – genau hier, genau jetzt – sind für meine Begriffe die größte kurzfristige Gefahr für die Wahlberichterstattung und die Integrität unserer Informationen.“

          Das dritte Problem bestehe darin, dass einige Seiten den Facebook-Algorithmus sehr gut für sich ausnutzen würden. Die eigentlich unbekannte Seite „Right Wing News“ – eine der 600 Nachrichtenseiten, die Facebook Anfang Oktober offline geschaltet habe – hätte von Oktober 2013 bis September 2018 mehr Facebook-Interaktionen erzielt als „die New York Times, die Washington Post und Breitbart zusammen“. Ob die Zahlen falsch seien oder die Seite den Facebook-Algorithmus einfach sehr gut für sich genutzt habe, sei nicht ersichtlich, schreibt Albright.

          „Schönes Verbot“

          Viertens würde Facebook seine eigenen Verbote unzureichend umsetzen. Im August seien die Infowars-Seiten des rechten Moderators Alex Jones zwar von Facebook geblockt worden. Inzwischen würden die gleichen Inhalte aber auf anderen Seiten gepostet werden, schreibt Albright.

          Die Seite „News Wars“ verbreite sogar Liveübertragungen der Infowars-Show in hoher Auflösung auf Facebook. Die Show sei seit dem Verbot „fast jeden Tag in den letzten drei Monaten auf mindestens zwei Infowars-ähnlichen Facebook-Seiten“ übertragen worden. Die Videos dieser „zensierten“ Show seien „mindestens fünf Millionen Mal“ angeschaut worden. Die Zahlen lägen kaum unter denen, die Infowars vor dem Verbot erreicht habe. Außerdem würden diese Videos wie alle anderen Inhalte in gewöhnlichen Facebook-Suchen erscheinen. Damit trage Facebook zur Verbreitung der eigentlich blockierten Inhalte bei.

          „Schönes Verbot“, kommentiert der Journalismus-Forscher seine Erkenntnisse. Und fragt zum Abschluss seines Berichts: „Wo waren da die Leute, die in dem so stark beworbenen ‚Election War Room‘ arbeiten?“ Facebook hatte die Errichtung dieser Koordinationszentrale speziell für die Kongresswahlen zuvor offensiv beworben.

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