https://www.faz.net/-gqe-964ih

Kommentar : Inkompetent in der digitalen Welt

  • -Aktualisiert am

Die Digitalisierung bringt viele Vorteile, etwa beim Lernen in der Schule. Doch viele junge Menschen können die Gefahren im Netz nicht richtig einschätzen. Bild: Frank Röth

Man kann die Mediennutzung von Kindern verteufeln, sie bejubeln – oder sie so gut wie möglich gestalten. Hier kommen ein paar Tipps für Eltern.

          Kinder und Jugendliche tauchen immer stärker in die digitale Welt ein. Die Nutzung des Internets ist für sie so selbstverständlich wie Essen, Trinken und Schlafen. Rund 90 Prozent der 12- bis 19-Jährigen sind täglich online, wie in der JIM-Studie zur Mediennutzung zu lesen ist, die der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest kürzlich veröffentlicht hat. 221 Minuten verbringen sie nach eigener Einschätzung jeden Tag im Netz, Gymnasiasten deutlich weniger (187 Minuten) als Jugendliche, die andere Schulen besuchen (280 Minuten). 2007 waren es über alle Schulformen erst 106 Minuten gewesen.

          Doch treffen sich die jungen Leute allen Unkenrufen zum Trotz auch mehrmals in der Woche mit Freunden; knapp vor Sport ist das die wichtigste nichtmediale Freizeitaktivität. Allerdings ist in den vergangenen zehn Jahren der Anteil derjenigen, die sich regelmäßig mit Freunden treffen, von 86 auf 73 Prozent gesunken.

          Welche Folgen hat die starke Mediennutzung der jungen Generation? Macht das Internet sie dümmer und einsamer? Eine so starke Veränderung wie die Digitalisierung verunsichert gerade auch Eltern. Allzu gerne wüssten sie, ob die Geschichte am Ende gut oder schlecht ausgehen wird. Doch das ist unbekannt. Was man aber weiß: Viele Menschen sehen Vorteile in der Digitalisierung, sonst schritte sie nicht so stark voran. Sicher ist aber auch, dass nichts nur gut ist – und dass man die Wahl hat: Man kann der Digitalisierung in kritikloser Verzückung hinterherlaufen. Man kann sie als eine ganz und gar fürchterliche Entwicklung betrachten. Oder man kann eine mittlere Position einnehmen und versuchen, sie so gut wie möglich zu gestalten: Die Vorteile zu nutzen und die Gefahren zu verringern – das dürfte die besten Ergebnisse bringen.

          Technisch versiert aber inkompetent

          Nun glauben nicht in der digitalen Welt aufgewachsene Erwachsene beim Anblick der mit dem Smartphone fast verwachsenen jungen Leute, die bewegten sich sicher in der digitalen Welt. Doch Medienpädagogen betonen unermüdlich, die Jugendlichen seien zwar technisch versiert, aber in der Regel keineswegs kompetent im Umgang mit den digitalen Medien. Viel sei zu lernen, zum Beispiel wie man mit den eigenen Daten und denen anderer umgeht, was bei Datenflut und Mobbing zu tun ist oder wenn ein Nacktfoto gepostet wird, wie man Urheberrechte beachtet.

          Ein großes Thema ist der Umgang mit der zunehmenden Informationsflut im Netz. Immer mehr Schüler informieren sich lediglich in den sozialen Netzwerken über Politik. Dabei treffen sie auf journalistische Informationen von seriösen und unseriösen Anbietern, auf PR-Mitteilungen, auf Nachrichten von mehr oder weniger engen Freunden und inzwischen auch auf Software-Roboter (Social Bots), mit deren Hilfe Meinungen manipuliert werden. Herkunft, Qualität und Wahrheitsgehalt einzuschätzen wird zunehmend schwieriger – und erfordert eine hohe Nachrichten- und Informationskompetenz.

          Die werde aber in der Schule nicht vermittelt, bemängeln Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden in einer neuen Studie. So rasch dürfte sich das auch nicht ändern; in den von den Forschern untersuchten Lehramtsstudiengängen werden diese Kompetenzen immer noch kaum vermittelt. Würden Lehrer im Umgang mit digitalen Medien ausgebildet, dann könnten sie Kindern und Jugendlichen auch vermitteln, dass man mit dem Smartphone oder Tablet nicht nur Filmchen konsumieren und spielen kann. Denn man kann die Geräte auch für ein gutes Lernen verwenden, das zudem Spaß bereitet. Man kann anspruchsvolle digitale Produkte erstellen, man kann mit pädagogisch wertvollen Apps lernen, man kann forschen und die Welt entdecken.

          Schulen in der Verantwortung

          Selbstverständlich sind auch die Eltern aufgefordert, ihren Nachwuchs zu unterstützen; in vielen Fällen ist das allerdings ein frommer Wunsch. Der eine Vater oder die andere Mutter von kleineren Kindern mag noch in der Lage sein, die Mediennutzung zu begleiten. Mit zunehmendem Alter der Kinder wird das schwieriger. In der Pubertät sind die Einflussmöglichkeiten dann nur noch gering. Die große Mehrheit der Eltern sieht deshalb die Schulen in der Hauptverantwortung – die diese Erwartung (noch) nicht erfüllen. Zwar hat die Politik angekündigt, sich des Themas anzunehmen; es geht aber auch wegen der langwierigen Regierungsbildung in Berlin leider nur langsam voran.

          Die Jugendlichen setzen nach der JIM-Studie die digitalen Medien vor allem für die Kommunikation ein, zumindest die Mädchen. Für die Jungen sind Spiele und Unterhaltung genauso wichtig. Und für beide Geschlechter ist die Bedeutung der Kommunikation zurückgegangen und die der Unterhaltung gestiegen.

          Zur Panikmache eignen sich die Befunde dennoch nicht. So ist der Anteil der Jugendlichen, die mehrmals in der Woche oder sogar täglich ein Buch lesen, seit dem Jahr 2007 konstant geblieben; er beträgt rund 40 Prozent, unter den Gymnasiasten ist es jeder Zweite. Was in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen hat, sind gemeinsame Unternehmungen in der Familie. Das zumindest dürfte viele Eltern freuen.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Folgen:

          Weitere Themen

          PDF oder Lern-App?

          E-Learning in Unternehmen : PDF oder Lern-App?

          Digitalisierung will gelernt sein, aber welche Hilfsmittel geben die Unternehmen ihren Mitarbeitern an die Hand? An E-Learning trauen sich jedenfalls viele noch nicht wirklich heran.

          Topmeldungen

          Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident von Israel, winkt nach der Wahl seinen Anhängern.

          Wahl in Israel : Netanjahus Zukunft ungewiss

          Ausweg große Koalition? Zum zweiten Mal binnen fünf Monaten haben die Israelis ein neues Parlament gewählt. Ergebnis ist ein Nahezu-Patt zwischen Benjamin Netanjahu und seinem Herausforderer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.