https://www.faz.net/-gqe-9exir

Computerfachmann Toby Walsh : Er war 13 Jahre alt

KI-Fachmann Toby Walsh in Berlin Bild: Alexander Armbruster

Als Jugendlicher verkaufte Toby Walsh sein erstes Computerprogramm. Heute ist er einer der führenden Experten für Künstliche Intelligenz. „Mir geht es darum, dass wir das nicht vermasseln“, sagt im FAZ.NET-Gespräch – und erklärt, was er fürchtet.

          Toby Walsh war 13 Jahre alt, als er sein erstes Computerprogramm verkaufte. Kurze Zeit später erfand er ein Computerspiel, ebenfalls als Jugendlicher gründete er ein eigenes Unternehmen, die „Ivory Tower Consultants“, das Software für Geschäftskunden seines Vaters kreierte. „In der Realität gab es allerdings nur einen einzigen Berater in dieser Firma, mich“, erzählt er und weist schmunzelnd auf ein Problem hin, dass er als junger Geschäftsmann zu jener Zeit hatte: Vergleichsweise wenige Menschen besaßen in den siebziger Jahren Computer. Für ihn, erinnert sich Walsh, sprang gleichwohl genügend Geld heraus für Urlaube in seinen Schul- und später Semesterferien.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Toby Walsh ist einer der führenden Wissenschaftler auf der Welt, die sich mit Künstlicher Intelligenz (KI) seit Jahrzehnten schon beschäftigen. Er studierte Physik und Mathematik in Cambridge, promovierte sich in KI hernach im schottischen Edinburgh, gehört derzeit der Führung der amerikanischen Forschervereinigung AAAI an, lehrt Informatik an der University of New South Wales in Australien und ist außerdem Gastprofessor an der TU Berlin. Sein Buch „It‘s Alive – Wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändern wird“ ist gerade auf Deutsch erschienen. „Langfristig“, sagt er, „wird sich der Fortschritt durch Künstliche Intelligenz positiv auswirken, große Angst haben müssen wir nicht, Panik verbreiten braucht niemand.“

          Sehr teure Roboter ersetzen nicht günstige Arbeitskraft

          Walsh steht gerade im Berliner Congress Centrum am Alexanderplatz, das Techniktreffen „Industrie of Things World“ läuft. An den Ständen hinter ihm präsentieren Mitarbeiter von Amazon, Microsoft, Intel, Tata und des Fraunhofer Instituts, wie sie Industrieunternehmen helfen wollen, mittels cleverer Computerprogramme neue Produkte zu erfinden und effizienter herzustellen. Unternehmensberater von Accenture und Pricewaterhouse Coopers empfehlen sich. Auf der Hauptbühne erläutert Athanasios Kontopoulus, Manager von Air Liquide, gerade, wie der Gasehersteller seine zahlreichen Daten zu Geld machen möchte.

          Ja, das Potential sei wirklich enorm, erklärt Toby Walsh im Gespräch mit FAZ.NET. Sehr wenig hält er von Szenarien, die Hälfte aller Stellen oder sogar noch mehr könnten durch Künstliche Intelligenzen überflüssig werden, den Menschen womöglich die Arbeit ausgehen. Eine bereits vor einigen Jahren erschienene einflussreiche Studie des Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael Osborne mit einer durchaus dramatischen Vorhersage habe eher „zu viel Aufmerksamkeit“ bekommen, findet Walsh.

          Angst davor, von einer Maschine ersetzt zu werden, müsse beispielsweise ein Fahrradmechaniker nicht haben – „ich habe überall Robotik-Kollegen gefragt, ob das denkbar wäre, keiner sagte ja“. Überhaupt sei es ein Trugschluss anzunehmen, dass ein sehr teurer Roboter eine eher günstige Arbeitskraft ersetzen werde.

          Tech-Konzerne sollen mehr Steuern zahlen

          Umgekehrt identifiziert Walsh jedoch auch wichtige menschliche Tätigkeiten, die sich in zehn oder spätestens zwanzig Jahren seiner Ansicht nicht mehr kommerzialisieren lassen. Autofahren ist eine davon. Schon heute fahren Autos in ausgewählten Stadtbezirken alleine, als weiteres Beispiel nennt er Minen in Australien, in denen  schwere Lastwagen komplett autonom unterwegs seien. „Das geht in gut kontrollierbaren Umgebungen los und breitet sich von da aus in den immer öffentlicheren Raum aus“, sagt er.

          Walsh betont, dass gerade solche Unternehmen neue Mitarbeiter einstellen oder schon angestellte Kollegen weiterbilden können, die rechtzeitig die technologischen Chancen auch der KI nutzen. Passend dazu stellt Volkhard Bregulla, Manager des Computerunternehmens Hewlett Packard Enterprise, gerade einen Raum weiter die Ergebnisse einer Umfrage vor unter mehr als 800 Entscheidern in der Industrie, die meisten davon in Europa: Beinahe zwei Drittel von ihnen geben darin an, dass durch Künstliche Intelligenz unter dem Strich in ihren Unternehmen keine Stellen wegfallen werden.

          So zuversichtlich Walsh ist für die langfristige Lebensverbesserung durch intelligentere Software, so sehr sorgt er sich andererseits auch, dass „wir“ im gerade laufenden Umbruch viel falsch machen. Wachsende Ungleichheit beunruhigt ihn zum Beispiel, er zeigt eine Grafik, auf der zu sehen ist, dass die durchschnittlichen Stundenverdienste der Amerikaner seit Mitte der siebziger Jahre stagnieren, während die Produktivität merklich zugelegt hat. Von Roboter- oder Maschinensteuern hält er nichts – „das ist Unsinn, wir wollen ja, dass Unternehmen modernisieren und das nicht bremsen“.

          Die erfolgreichen Tech-Konzerne etwa sollten seiner Ansicht nach allerdings generell mehr Steuern zahlen. Denken die dort arbeitenden KI-Größen genauso, Forscher wie Geoffrey Hinton und Peter Norvig (beide Google) oder Yann LeCun (Facebook), mit denen er, Walsh, gut befreundet ist?  Er schmunzelt. Besseren Datenschutz hält er für nötig – die in Europa seit Mai geltenden Regeln (DSGVO) lobt er und sagt voraus, dass sie andere Teile der Welt beeinflussen werden.

          Walsh plädiert für einheitliche Standards auf allen Internetseiten dahingehend, dass Nutzer mit einem Klick einstellen und ändern können sollen, wie die Anbieter mit ihren Daten verfahren. Und eine bessere Ausbildung in Computerkenntnissen hält er für unerlässlich, schon in der Schule.

          „Es geht mir wirklich darum, dass wir jetzt so wenig wie möglich vermasseln“, bekräftigt Walsh. Und zieht einen Vergleich zur Industriellen Revolution, die viele Generationen wohlhabender gemacht hat. Aber mit Blick auf die breite Masse eben nicht sofort. So lange, wünscht er sich, soll es diesmal nicht dauern.

          Weitere Themen

          Wo unsere Smartphones herkommen Video-Seite öffnen

          Von Afrika über China zu uns : Wo unsere Smartphones herkommen

          Wir benutzen sie jeden Tag, doch wir fragen uns selten, wo sie herkommen: Der Weg eines Smartphones beginnt in Afrika und Südamerika und führt zu riesigen Fabriken in China. Unsere Grafik nimmt Sie mit auf die Reise.

          Topmeldungen

          Einmal mehr hatte Paco Alcacer (Mitte) großen Anteil am Dortmunder Erfolg.

          Dortmunds 2:1 gegen Bremen : Wie berauscht

          Der Tabellenführer der Bundesliga ist derzeit nicht zu stoppen: Gegen Werder Bremen kommt die Borussia zu einem verdienten Heimerfolg und ist nun inoffizieller Herbstmeister. Kurz vor dem Schlusspfiff wird es nochmal turbulent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.