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Digitalisierung : Die Angst vor den Robotern

Ersetzen Maschinen die Arbeiter? „Detroit Industry“, ein 1932/1933 entstandenes Wandgemälde von Diego Rivera. Bild: Bridgemann; (c) Banco de Mexico, Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die Industrielle Revolution hat zunächst Not und Elend gebracht. Wiederholt sich das jetzt wegen der Digitalisierung?

          5 Min.

          Denis Papin hatte geahnt, dass sein Vorhaben gefährlich werden würde. Eine Dampfmaschine hatte er gebaut und auf ein Schaufelradschiff montiert, das nun von selbst fahren konnte. Papin, ein französischer Auswanderer, der es in Marburg zum Professor für Mathematik gebracht hatte, hätte der Begründer der Dampfschifffahrt werden können. Aber es kam anders.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Jahr 1707 will Papin mit seinem Schiff von der Fulda über die Weser nach London übersiedeln. Die deutschen Schiffer allerdings mögen keine automatisch angetriebenen Boote, sie fürchten die Konkurrenz der Maschinen. Und die Mündener Schiffer haben besondere Rechte zur Überwachung des Schiffsverkehrs auf der Weser. Darum schaltet sich Gottfried Wilhelm Leibniz ein, der schon damals bekannte Universalgelehrte, ein Freund Papins. Er bittet den zuständigen Rat, Papin unbehelligt passieren zu lassen. Doch die Bitte wird abgeschlagen. Kaum in Münden angekommen, wird Papin aufgehalten, es kommt zur Auseinandersetzung, die Schiffer schlagen das Dampfboot in Trümmer. Papin stirbt später verarmt in London.

          Erst 70 Jahre später wird wieder jemand ein Dampfschiff konstruieren und als dessen Erfinder in die Geschichte eingehen. Und statt Deutschland wird England zur Pionierregion der Industriellen Revolution.

          Nur wenn Arbeitsplätze verlorengehen, gibt es Fortschritt

          Aus solchen Begebenheiten zieht der Historiker Carl Benedikt Frey den Schluss: Die Industrielle Revolution konnte erst dann ungeheueren Wohlstand nach England und dann in die ganze Welt bringen, als die Herrschenden den Widerstand der Bevölkerung brachen, die wegen der neuen Maschinen Arbeitslosigkeit und Verarmung fürchteten. Doch diese Entscheidung hatte bittere Nebenwirkungen.

          Frey ist kein Unbekannter. Zusammen mit seinem Kollegen Michael Osborne, beide an der Universität Oxford, machte er vor fünf Jahren Furore, als sie ausrechneten, dass rund die Hälfte aller Arbeitsstellen in den Vereinigten Staaten durch Technik ersetzt werden könnten. Nicht jeder fand diese Studie überzeugend. Trotzdem hat sie die Debatte über die Digitalisierung grundlegend verändert. Ungezählte Male wurde nachgerechnet, für viele Länder und mit anderen Annahmen, unterschiedlichste Schätzungen kamen heraus. Und doch stand am Ende eine Lehre, auf die sich die meisten einigen können: Auf Dauer werden die Menschen wahrscheinlich schon genug zu tun haben. Aber zwischendurch wird es vielleicht schwierig. Und das „Zwischendurch“ kann lange dauern. Werden es die Autohersteller schaffen, ihre Produktion auf Elektromobilität umzustellen, ohne zwischendurch Tausende von Menschen zu entlassen? Was geschieht mit den Lastwagenfahrern, wenn Autos erst mal selbst fahren können?

          Diese Woche stellt Frey sein neues Buch vor, in dem er Parallelen zur Industriellen Revolution um 1800 zieht. Es heißt „The Technology Trap“, und es wird wieder Aufmerksamkeit erregen. Denn Frey beschreibt Folgen des technischen Fortschritts, die seinen Lesern Angst einjagen können. Er argumentiert, die Grundlage für viele Erfindungen seien schon in den Jahrhunderten vor der Industriellen Revolution gelegt worden, zum Beispiel in der Renaissance, in der viele Entwürfe entstanden. Aber viele Erfinder, wie Leonardo da Vinci (1452–1519), entwickelten sie nicht bis zum Endprodukt. Um 1600 waren große Teile der Technik, die später die Welt veränderte, schon erdacht. Doch niemand hatte ein Interesse daran, sie einzuführen.

          Die „Glorious Revolution“ brachte die Industrielle Revolution

          In England beispielsweise verweigerte Königin Elisabeth I. 1589 das Patent für eine Strumpf-Strick-Maschine: „Bedenken Sie, was die Erfindung meinen armen Untertanen antäte. Sie würde sie sicherlich der Arbeit berauben und in den Ruin treiben, sie so zu Bettlern machen.“ Doch solche Ansichten hatten nicht dauerhaft Bestand. 1688 begann in England die „Glorious Revolution“, an deren Ende das Parlament deutlich mehr Macht erhielt – und damit auch Englands Händler. Denn das Parlament schützte die Eigentumsrechte der Händler und Industriellen. Die Gilden, die Vereinigungen der Handwerker, die sich vielerorts gegen neue Konkurrenz sträubten – so wie heute die Taxi-Innungen – wurden dagegen nach und nach entmachtet. Ohnehin stand England unter wirtschaftlichem Druck, denn die einsetzende Globalisierung brachte die Konkurrenz billiger Waren aus dem Ausland. So konnten in den folgenden Jahrzehnten Maschinen Einzug halten, die Arbeit einsparten und das Land langfristig reich machten.

          Doch der Weg dorthin war nicht leicht. Viele Handwerker verloren ihre Arbeit, und in den neu entstehenden Fabriken konnten sie nicht viel Geld verdienen. Mit wenigen Maschinen wurden dort riesige Stoffmengen verarbeitet, die Arbeit brauchte wenig Ausbildung, selbst Kinder konnten sie erledigen – und mussten das auch. Zudem strömte die Landbevölkerung, die sich auf den Bauernhöfen gerade so ernähren konnte, auf der Suche nach einem besseren Leben in die Städte und drückte die Löhne weiter. Armut und Elend waren die Folge. Von 1811 an zerstörten aufrührerische Textilarbeiter, die Ludditen, in England viele Spinnereien. Das „Maschinenstürmen“ wurde zum Kapitalverbrechen.

          Später beschrieb der Sozialwissenschaftler Karl Polanyi diese Zeit als den Beginn der Herrschaft des Marktes über die Gesellschaft. Der deutsche Philosoph und Unternehmer Friedrich Engels, der die Folgen der Industriellen Revolution in England mit eigenen Augen sah und daraufhin zusammen mit Karl Marx den Marxismus entwickelte, stellte 1844 die Frage: „Was soll aus diesen Millionen von Habenichtsen werden, die heute verbrauchen, was sie gestern verdient haben?“

          Neue Technik bringt „Engels' Pause“

          „Engels’ Pause“ hat der Historiker Robert Allen später die Jahrzehnte genannt, in denen das Land zwar reicher wurde, aber die Arbeiter davon wenig hatten. „Pause“ heißt die Zeit deshalb, weil es nur eine Phase war. Schon während Engels’ Werk entstand, begann sich die Lage zu verbessern. Die Industriellen hatten ihre Gewinne in noch mehr Maschinen investiert, in neue Fabriken und neue Zugstrecken. Darum gab es genügend Arbeitsplätze, die Löhne stiegen wieder.

          Jetzt aber wächst die Angst davor, dass die Welt wieder in eine „Engels’ Pause“ eintritt. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) benutzt den Begriff, wenn er sich über die Arbeitswelt der nächsten Jahrzehnte Gedanken macht. Auch der Chef der Englischen Notenbank, Mark Carney, argumentiert so, wenn er über die Zukunft der Arbeit nachdenkt.

          Immerhin haben auch in den vergangenen Jahrzehnten die Arbeiter nur einen kleinen Teil vom Wohlstand abbekommen. Die Löhne wuchsen nur langsam. Gelegentlich heißt es sogar, das sei ein Grund für den Aufstieg von Donald Trump und der AfD. Was ist da los?

          Die Löhne steigen langsam

          Industrielle Revolution

          BIP pro Arbeiter und Löhne in England

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          Quellen: Bank of England; Destatis / F.A.Z.-Grafik Niebel

          Die Löhne steigen langsam

          Industrielle Revolution

          Heute

          BIP pro Arbeiter und Löhne in England

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          Quellen: Bank of England; Destatis / F.A.Z.-Grafik Niebel

          Eine Erklärung betont der Darmstädter Wachstumstheoretiker Volker Caspari: Bisher nehmen die Computer den Menschen noch gar nicht so viel Arbeit ab, machen ihnen sogar neue. Da ist es nicht leicht, Lohnerhöhungen durchzusetzen. „Man sieht den Computer überall, außer in der Produktivitätsstatistik“, scherzte der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow schon in den 1980ern. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert.

          Warum das so ist, zeigt die Autoindustrie: Tausende Informatiker arbeiten am selbstfahrenden Auto. Doch wann tatsächlich Computer die Autos und Lastwagen steuern, kann heute noch niemand sagen. In der Zwischenzeit werden Lastwagenfahrer sogar dringend gesucht. Auch in der Industriellen Revolution machte sich die neue Technik erst ab 1830 so richtig bemerkbar.

          „Wir sind heute in einer besseren Position“

          Es gibt allerdings auch Unterschiede zur Situation im 19. Jahrhundert. „Wir sind heute in einer viel besseren Position als damals“, sagt Oxford-Historiker Frey. Das soziale Netz ist viel besser als damals. Und während damals fehlendes Kapital die Entwicklung behinderte, ist das heute ganz anders, stellt der Münsteraner Historiker Ulrich Pfister fest. Heute gibt es auf der Welt eher zu viel Geld, das gute Anlagemöglichkeiten braucht. Knapp sind Leute, die gute neue Ideen haben und zu einem Unternehmen entwickeln können.

          Das ist die andere Erklärung dafür, dass die Löhne stagnieren: Der Arbeitsmarkt polarisiert sich doppelt. Erstens verschwinden mittelmäßig qualifizierte Stellen in vielen Branchen. Übrig bleiben Stellen für Hochqualifizierte einerseits und relativ schlecht bezahlte Stellen andererseits. Zweitens teilt sich die Wirtschaft auf in Unternehmen, die fortschrittlich sind, viel verkaufen, ihren Mitarbeitern viel Geld zahlen und noch höhere Gewinne machen – und in Unternehmen, die technisch hinterherhinken und keine hohen Löhne zahlen können.

          Deutschland konnte sich diesen Trends bisher recht gut widersetzen. Vielleicht weil die Firmen hierzulande in vielen Branchen schon früh angefangen haben, die Produktion zu automatisieren. „Vielleicht gibt es eine Engels’ Pause in den Vereinigten Staaten“, sagt der Darmstädter Ökonom Caspari. „In Deutschland derzeit allerdings eher nicht.“

          Drei Lehren bleiben. Erstens: Jeder Einzelne hat bessere Chancen, wenn er sich auf einen Beruf konzentriert, der den Fortschritt nutzt – oder mit einem anderen Beruf immerhin in so einem Unternehmen arbeitet. Zweitens: Berufswechsel müssen einfacher werden, sei es durch Ausbildung in der Mitte des Lebens oder dadurch, dass die Einstiegshürden gesenkt werden, wo immer das geht. Und drittens: Der technische Fortschritt ist unbequem. Aber nur wer mitmacht, fällt nicht zurück – so wie England in der Industriellen Revolution.

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