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Industrie 4.0 : Das Ausland kauft Deutschlands digitale Industrie

Industrie 4.0: Interessant für ausländische Investoren Bild: Picture-Alliance

Deutsche Unternehmen mit Industrie-4.0-Kompetenz sind ein begehrtes Kaufobjekt. Die Deutschen sind im Ausland dagegen nicht so offensiv unterwegs.

          Käufer aus dem Ausland haben das Potential, das in Industrie-4.0-Anwendungen liegt, schon sehr viel stärker erkannt als Unternehmen aus dem Inland. Das Ungleichgewicht könnte sich zu einem Standortnachteil Europas entwickeln. So haben im ersten Halbjahr 82 deutsche Unternehmen auf dem entsprechenden Markt im Ausland zugekauft. In derselben Zeitspanne wurden allerdings 113 deutsche Unternehmen von ausländischen Investoren übernommen. Für die vergangenen drei Jahre summieren sich die Übernahmen deutscher Unternehmen im Ausland auf 454. Diesen Transaktionen stehen 596 von ausländischen Konzernen übernommene deutsche Unternehmen gegenüber.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Grundsätzlich gilt: Vor allem unter Industrie- und IT-Unternehmen steigt der Appetit auf Zukäufe. Dabei treten aber immer häufiger auch internationale Investoren auf den Plan. Im ersten Halbjahr des zu Ende gehenden Jahres fanden auf der ganzen Welt 2595 Unternehmenstransaktionen in den für die Industrie 4.0 relevanten Branchen Maschinenbau, High Tech, Produktion und IT statt – das waren 6 Prozent mehr als in derselben Zeitspanne des Vorjahres. Im Rahmen knapp jeder dritten Transaktion wurden Unternehmen durch ausländische Investoren erworben. Im Fokus stehen dabei deutsche Unternehmen und Gesellschaften aus den Vereinigten Staaten: So wurden 196 amerikanische und 113 deutsche Unternehmen aus den obigen Branchen von ausländischen Investoren gekauft. Großbritannien und Kanada belegten im ersten Halbjahr mit 72 beziehungsweise 48 Transaktionen die Plätze drei und vier im Ranking der wichtigsten Zielländer.

          Während allerdings unter dem Strich deutlich mehr amerikanische Unternehmen im Ausland zukauften als umgekehrt aus dem Ausland aufgekauft wurden, ergibt sich für den Industrie-4.0-Standort Deutschland ein negativer Saldo: Er liegt, bezogen auf die vergangenen drei Jahre, für den Standort Deutschland bei 142 Transaktionen. Für kein anderes Land der Welt ergibt sich ein derart großes Ungleichgewicht zwischen Aufkäufen durch ausländische Unternehmen und Zukäufen im Ausland. Großbritannien folgt mit 126 Transaktionen vor Italien mit einem negativen Saldo von 118. Umgekehrt ergibt sich für die Standorte Vereinigte Staaten, Japan und China ein deutlich positiver Saldo von 438, 199 beziehungsweise 147 Transaktionen.

          Das sind Ergebnisse einer Untersuchung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, die den Transaktionsmarkt in den Industrie-4.0-Branchen Maschinenbau, High Tech, Produktion und IT in der Zeitspanne Mitte 2014 bis Mitte 2017 untersucht. „Die Digitalisierung hat die Industrie längst voll erfasst und entwickelt sich zu einem der wichtigsten Treiber auf dem M&A-Markt“, wird EY-Partner Dierk Buß in einer Mitteilung zitiert. „Während etablierte Industriekonzerne versuchen, zusätzliche IT-Kompetenzen zuzukaufen, übernehmen auf der anderen Seite Technologiekonzerne verstärkt Industrieunternehmen, um sich Knowhow in den Bereichen Produktion sowie Forschung und Entwicklung zu sichern.

          Ebenfalls in diesem Kontext sehr aktiv sind Finanzinvestoren, die dabei sind, Unternehmen aus verschiedenen Segmenten zusammenzuführen und zu schlagkräftigen Anbietern neuer digitaler Industrielösungen zu formen. Immerhin jede fünfte Transaktion auf der Welt geht derzeit auf das Konto der Private Equity-Häuser. „Die Etablierung von Industrie-4.0-Lösungen wird den klassischen Produktionsprozess revolutionieren, das ist allen beteiligten Playern klar“, sagt Michael Kunz, Leiter des Private-Equity-Geschäftes von EY in Deutschland, der Schweiz und Österreich.

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          In allen vier untersuchten Branchen zählen deutsche Unternehmen zu den drei begehrtesten Investitionszielen auf der ganzen Welt. So wurden im Maschinenbau in den vergangenen drei Jahren 266 deutsche Unternehmen von ausländischen Investoren gekauft. EY-Partner Kunz wertet die hohe Zahl an Übernahmen deutscher Unternehmen durch ausländische Käufer als Bestätigung für die Attraktivität deutschen Industrie-Know-hows: „Made in Germany hat in der Industrie nach wie vor einen hervorragenden Ruf. Deutsche Unternehmen verfügen vielfach über genau die Schlüsseltechnologien, welche die Basis für Industrie-4.0-Anwendungen sind. Sie sind damit ein hochgradig attraktives Investitionsziel.“

          Dass allerdings die Zahl der Zukäufe deutscher Maschinenbauer im Ausland mit 182 so deutlich – um knapp ein Drittel – niedriger liegt als die Zahl der von ausländischen Käufern erworbenen deutschen Maschinenbauern, gebe zu denken, so Kunz: „Industrie 4.0 ist gerade für den Standort Deutschland eines der wichtigsten Zukunftsthemen. Da wäre eine noch aktivere Rolle bei der Neuformung und Umgestaltung der Branche wünschenswert – auch um Diskussionen über einen etwaigen Ausverkauf deutschen Know-hows gar nicht erst aufkommen zu lassen.“

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