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Druck aus Amerika : Immer mehr Unternehmen beenden Zusammenarbeit mit Huawei

  • Aktualisiert am

Arbeiter reinigen das Schaufenster eines neuen Huawei-Geschäfts in Madrid. Bild: AP

Amerika will die Zusammenarbeit mit Huawei deutlich einschränken. Unternehmen überall auf der Welt ziehen die Konsequenzen: Sie verbannen Huawei-Produkte aus ihrem Sortiment. Dieser will jetzt schnell ein eigenes Betriebssystem starten.

          Die Schlinge um Huawei zieht sich zu: Nachdem die amerikanische Regierung den chinesischen Netzwerkausrüster und Smartphone-Hersteller auf eine schwarze Liste gesetzt und es amerikanischen Unternehmen damit untersagt hat, ohne Genehmigung der Regierung Geschäfte mit dem Konzern zu machen, setzen auf der ganzen Welt immer mehr Mobilfunkunternehmen die Markteinführung neuer Smartphones des chinesischen Netzwerkausrüsters und Handykonzerns aus.

          So haben etwa zwei der größten britischen Mobilfunkanbieter Smartphones von Huawei vorerst aus ihren Angeboten an 5G-fähigen Geräten verbannt. Grund dafür ist, dass es Huawei aufgrund des amerikanischen Dekretes in Zukunft erschwert werden könnte, auf bestimmte Funktionen des Google-Betriebssystems Android zuzugreifen: Als Reaktion auf die Beschränkungen der amerikanischen Regierung will Google die technische Unterstützung für Android bei Huawei aufkündigen.

          Vodafone kündigte an, wegen der Unsicherheiten rund um die weitere Unterstützung bei Vorbestellungen für das 5G-fähige Huawei Mate 20X in Großbritannien zunächst eine Pause einzulegen. Eigentlich hätte das Smartphone ab dem Sommer verfügbar sein sollen, doch ein Konzernsprecher teilte am Mittwoch mit, dass das Gerät „noch die notwendigen Zertifizierungen“ erhalten müsse.

          „Unüberwindbarer“ Schlag

          Ähnlich reagierte der größte britische Mobilfunkanbieter EE. Am Mittwoch sollte das erste 5G-Netz Großbritanniens auch mit 5G-fähigen Geräten von Huawei in sechs britischen Städten starten. Doch das Unternehmen habe sich entschieden, das Angebot von Huawei wegen der Unsicherheiten um das chinesische Unternehmen zu „pausieren“. Es müsse sichergestellt werden, dass die Geräte auch während ihrer gesamten Lebensdauer unterstützt würden.

          Zuvor hatte schon der Telekommunikationskonzern Softbank in Japan mitgeteilt, dass die Mobilfunktochter Ymobile die für Freitag geplante Markteinführung des Huawei Smartphones P30 Lite verschiebe. Auch der Rivale KDDI legt den Verkaufsstart des Huawei P30 Lite Premium zunächst auf Eis. Bei Ymobile heißt es, man wolle sich vor der Markteinführung eines neuen Huawei Smartphones erst vergewissern, ob der Verkauf nach Einführung der Geschäftsrestriktionen gegen Huawei noch möglich sei. Ins gleiche Horn stieß am Mittwoch der japanische Internethändler Rakuten, der ebenfalls ankündigte, den Marktstart des Huawei P30 Lite zunächst zu stoppen.

          Indes wenden sich nicht nur Mobilfunkanbieter von Huawei ab. Wie „BBC“ unter Berufung auf interne Dokumente berichtet, hat der von Softbank übernommene britische Chip-Hersteller ARM seine Mitarbeiter angehalten, „alle aktiven Verträge und ausstehenden Geschäftsbeziehungen“ mit Huawei und dessen Tochtergesellschaften zu beenden, um die neue Vorgabe aus Washington zu erfüllen. Die Belegschaft solle Huawei darüber informieren, dass man aufgrund einer „bedauernswerten Situation“ keinerlei Kooperationen mehr wahrnehmen könne.

          Neue Dringlichkeit

          Die Produkte von ARM werden überall auf der Welt in den Prozessoren von Mobilfunkgeräten eingesetzt. In einer Unternehmensmitteilung schrieb der Konzern, dass seine Produkte „Technologie amerikanischen Ursprungs“ enthielten und sich das Unternehmen deshalb von dem Dekret der amerikanischen Regierung betroffen fühle. In einer Stellungnahme teilte ARM mit, „sich an alle jüngst verordneten Regulierungen der amerikanischen Regierung zu halten“. ARM hält Niederlassungen in mehreren amerikanischen Bundesstaaten, unter anderem in Kalifornien, Washington und Texas.

          Der Bann könnte Huawei schmerzlich treffen: „BBC“ zitiert einen Analysten, der von einem „unüberwindbaren“ Schlag für das Unternehmen spricht, sollte ARM Huawei langfristig ausschließen. Bislang stellt Huawei seine eigenen Chips auf Grundlage von ARM-Technologie her und bezahlt dafür eine Lizenzgebühr. 

          Unter dem massiven Druck der amerikanischen Sanktionen und der zunehmenden internationalen Isolation verkündete Huawei am Mittwoch denn auch, bei seinem eigenen Betriebssystem aufs Tempo drücken zu wollen. Bis spätestens zum nächsten Frühjahr soll es demnach einsatzbereit sein, vielleicht auch schon im Herbst. Es solle auf Smartphones, Computern, Tablets, Fernsehern, in Autos und in tragbaren Geräten laufen und mit Android-Apps kompatibel sein, kündigte der Chef der Huawei-Verbrauchersparte, Yu Chengdong, laut „Phoenix News“ vom Mittwoch an.

          Die bereits seit dem Jahr 2012 verfolgte Entwicklung eines eigenen Betriebssystems hat für den zweitgrößten Smartphone-Produzenten eine ganz neue Dringlichkeit bekommen, seit die Regierung in Washington die Geschäfte von amerikanische Unternehmen wie Google mit dem chinesischen Konzern deutlich einschränken will. Damit würde Huawei später als andere Smartphone-Anbieter an neue Versionen des Betriebssystems Android kommen und könnte keine Google-Dienste vorinstallieren.

          Zunächst untersagte der amerikanische Präsident Donald Trump am Freitag alle Geschäfte, lockerte aber die Maßnahmen für 90 Tage. Damit soll vor allem die weitere Versorgung bereits ausgelieferter Smartphones sowie der Betrieb von Mobilfunk-Netzwerken mit Huawei-Technik in ländlichen Regionen der Vereinigten Staaten sichergestellt werden. Das Unternehmen ist der zweitgrößte Smartphone-Anbieter der Welt und auch ein führender Netzwerkausrüster.

          Vorwurf der Spionage

          Für Nutzer von Huawei-Smartphones bedeutet der Schritt unter anderem, dass Google die Telefone heutiger Huawei-Kunden in den kommenden drei Monaten weiter in vollem Umfang mit Updates und Apps versorgen kann. Für die Verwendung von amerikanischer Technologie in neuen Produkten gilt die Lockerung aber nicht.

          Amerika hatte Huawei auf eine schwarze Liste von Unternehmen gesetzt, deren Geschäftsbeziehungen zu amerikanischen Partnern strengen Kontrollen unterliegen. Wer amerikanische Technik an Huawei verkaufen oder transferieren will, muss eine Lizenz erwerben. Diese kann verweigert werden, wenn Sicherheitsinteressen berührt sind.

          Huawei wird von Behörden in Amerika verdächtigt, seine unternehmerische Tätigkeit zur Spionage für China zu nutzen. Beweise dafür wurden bislang nicht öffentlich gemacht. Die Vereinigten Staaten drängen auch andere westliche Länder wie Deutschland, Huawei von den Netzen für den künftigen superschnellen Mobilfunk-Standard 5G fernzuhalten. Huawei wies die amerikanischen Vorwürfe stets zurück.

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