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Innovationen auf der IFA : Wenn die Fitnessuhr den Schweinebraten verbietet

Auf der IFA stellt Bosch unter anderem seine neuen Kühlschränke vor. Bild: AFP

Auf der Elektronikmesse IFA in Berlin wird gezeigt, wie „smartes Ernährungsmanagement“ aussieht. Nur essen muss man in Zukunft wohl noch selbstständig.

          Geht es nach der Industrie, leben wir künftig so gesund und zugleich bequem wie niemals zuvor. Wie das aussehen kann, demonstriert die Hausgerätemarke Siemens auf der Messe für Konsumelektronik IFA in Berlin. Smarte Computeruhren und Küchengeräte lassen sich dort so abstimmen, dass sie Aktivität, Fitnessziel und Kalorienverbrauch ihres Besitzers sozusagen selbständig optimieren.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ist der Nutzer zum Beispiel zu faul gewesen, werden kulinarische Konsequenzen gezogen und Kalorien gespart. „Hinkt die tatsächliche Bewegungsleistung dem Trainingsplan hinterher, schlägt die Home Connect App über ein Rezepteportal beispielsweise statt des geplanten Schweinebratens eine leichtere Variante vor“, erläutert das Unternehmen. Hat der Besitzer am Morgen schlecht oder gar nicht geschlafen, meldet die Computer- und Fitnessuhr das der Kaffeemaschine. Die bietet dann sogleich an, „den Morgen-Cappuccino etwas stärker zu machen“.

          Ist das nun genial oder gruselig? Immer mehr Konsumenten scheinen der ersten Ansicht zuzuneigen. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Entwicklung intelligenter Lautsprecher und Sprachassistenten. Als Amazons Alexa vor rund vier Jahren auf den Markt kam, waren sich viele Kritiker einig: So ein Spion kommt nicht ins Haus. Inzwischen scheint die Front der Skeptiker zu bröckeln. „Wir erleben gerade den rasanten Aufstieg intelligenter Sprachassistenten“, sagt zumindest Christopher Meinecke vom Digitalverband Bitkom. „In den nächsten Jahren werden wir immer mehr Geräte wie selbstverständlich mit unserer Stimme steuern. Hier entsteht gerade ein neuer Milliardenmarkt.“ 

          Für Jung und Alt

          Wer die Zahlen der gerade veröffentlichten Trendstudie „Consumer Technology 2018“ des Beratungsunternehmens Deloitte und des Bitkom anschaut, mag diese Prognose kaum mehr in Zweifel ziehen. Schon heute nutzt jeder achte Bundesbürger einen intelligenten Lautsprecher mit digitalen Sprachassistenten wie Amazon Echo, Google Home oder HomePod von Apple. Auch das Wissen um die Sprachsteuerung habe sich rasant verbreitet, konstatieren die Autoren der Studie. 84 Prozent der Deutschen haben schon von digitalen Sprachassistenten gehört, 2016 waren es gerade einmal 5 Prozent. 27 Prozent können sich vorstellen, künftig per Sprache Geräte zu steuern. 4 Prozent wollen sich in den kommenden zwölf Monaten selbst einen Sprachassistenten anschaffen.

          Derzeit scheint der Nutzen der Technologie noch übersichtlich zu sein. Sprachassistenten spielen vor allem Musik ab und informieren über das Wetter. Doch das soll sich ändern. „Künftig bilden sie die Grundlage eines selbstbestimmten Lebens im Alter“, glaubt Bitkom-Manager Meinecke. Ältere könnten die Geräte nutzen, um mit der Stimme Haushaltsgeräte zu steuern oder sich die Nachrichten der Enkel vorlesen lassen.

          Tatsächlich werden Assistenten jetzt schon verstärkt in Geräte und Computer integriert. Acer präsentierte einen PC, der sowohl Microsofts Cortana wie auch Amazons Alexa unterstützt. Das alles soll sich auch geschäftlich auszahlen. Der Kölner Handelsverband Technik (BVT) erwartet für 2019 dank Sprachsteuerung und „vernetzter Produktwelten“ eine spürbare Belebung des Konsumelektronikmarktes.

          Sogar Chipkonzerne profitieren von dem Trend. Intel bringt Prozessoren auf den Markt, mit denen Geräte mehrere Sprachassistenten gleichzeitig unterstützen können. Die Chips mit den Codenamen „Whiskey Lake“ und „Amber Lake“ sind für dünne Notebooks und sogenannte 2-in-1-Geräte gedacht, die als Laptop und Tabletcomputer dienen können. Die Entwicklung geht schnell voran – so schnell, dass nicht jeder so rasch liefern kann, wie zunächst geplant war.

          Vom Rezept bis zum fertigen Gericht

          Die Deutsche Telekom bringt ihren ersten eigenen Sprachassistenten später als geplant in den Handel, wie am Mittwoch bekanntgeworden ist. Man nehme sich etwas mehr Zeit für Tests und für das Training der Sprachplattform, erklärte eine Konzernsprecherin. Ursprünglich war der Marktstart in Deutschland für den Sommer angekündigt. Der Telekom-Sprachassistent soll auf den Zuruf „Hallo Magenta“ hören und mehrere Dienste vernetzen.

          Die IFA öffnet an diesem Freitag offiziell ihre Tore. Im vergangenen Jahr hatte rund eine Viertel Million Menschen die Messe besucht, die als größte Ausstellung für Konsumelektronik gilt und die 1924 zum ersten Mal stattfand. Bis zum 5. September soll in Berlin wieder eine Fülle an technischen Innovationen präsentiert werden. Dazu gehören intelligente Hausgeräte ebenso wie Fernseher mit 8k-Auflösung und flexible Displays, die sich aufrollen lassen, oder Drohnen und Roboter.

          Dominante Trends in diesem Jahr sind das Smart Home, das vernetzte Zuhause, und vor allem die Sprachsteuerung. Sprachassistenten sollen sich nach dem Wunsch der Branche in vielerlei Gerätearten etablieren – vom Fernsehern über Kopfhörer bis zu Elektro-Groß- und -Kleingeräten. Das autonome Fahren soll erstmals eine größere Rolle auf der Berliner Ausstellung spielen. Die Fachtagung Shift Automotive behandelt Themen rund um die Zukunft der vernetzten Mobilität.

          Vielleicht auch deshalb, weil Mobilität perfekt zum Thema allumfassende Vernetzung gehört. Dazu hat die Hausgeräteindustrie sogar ein gemeinsames Szenario parat: Am Feierabend findet sich auf der Smartphone-App ein verlockendes Rezept. Ein Blick in den Kühlschrank über die vernetzte Kamera zeigt jedoch: Es fehlen die Zutaten. Diese übernimmt die App in die Einkaufsliste und gibt sie an das Auto-Navigationssystem weiter, das wiederum eine optimale Einkaufsroute ausarbeitet. Noch während der Einkaufstour regelt der Kühlschrank für eine lückenlose Kühlkette die Temperatur herunter und sorgt bei der Ankunft für die optimale Lagerung der Einkäufe. Falls es das Rezept erfordert, heizt der Backofen schon mal automatisch die richtige Temperatur vor. Nur essen muss man noch selbständig.

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