https://www.faz.net/-gqe-9n5q6

Infineon-Aktie gibt nach : So hart trifft der Huawei-Konflikt auch deutsche Unternehmen

  • Aktualisiert am

Ein Huawei-Stand auf dem Parteitag der CDU in Hamburg am 7. Dezember 2018 Bild: Reuters

Nach dem amerikanischen Huawei-Bann gerät auch der deutsche Chiphersteller Infineon unter Druck – und braucht lange für eine öffentliche Reaktion. Der Branchenverband Bitkom warnt vor einem „Flächenbrand“ in der Tech-Welt.

          Der Konflikt zwischen Amerika und Huawei wirkt sich nicht nur auf Google, sondern immer stärker auch auf europäische und deutsche Unternehmen aus. So warnte Achim Berg, der Präsident des Digitalverbandes Bitkom, vor gravierenden Folgen für die Branche. Der Konflikt kenne auf allen Seiten nur Verlierer, sagte Berg am Montag und fügte hinzu: „Politik und Wirtschaft sollten alles dafür tun, dass aus diesem Feuer kein Flächenbrand wird, der die gesamte Tech-Welt erfasst.“ Gerade die digitale Wirtschaft lebe vom internationalen Austausch.

          Ohne Huawei beim Namen zu nennen, betonte Berg: „Werden kritische Bauteile oder Software-Module nicht mehr geliefert, kann dies einen kompletten Produktions- oder Wartungsprozess zum Erliegen bringen, Unternehmen existentiell gefährden und im Extremfall ganze Volkswirtschaften ins Straucheln bringen.“ Ideologischer Nationalismus und wirtschaftlicher Protektionismus seien ein brandgefährlicher Irrweg. In dem sich verschärfenden Handelskonflikt sieht Berg jedoch auch Chancen für Europa. Gerade wo China den Einsatz vieler westlicher Technologien und Plattformen kategorisch untersage oder Amerika Strafzölle auf Importprodukte verhänge, könne Europa Stärke zeigen – mit einem echten digitalen Binnenmarkt, der auf Kooperation statt auf Abschottung setze und einer EU, die eine hörbare Stimme in der geostrategischen Digitalpolitik sei.

          Chiphersteller unter Druck

          Besonders betroffen waren europäische Chipwerte, die empfindliche Einbußen an der Börse hinnehmen mussten. Während die Aktie des französisch-italienischen Herstellers ST Microelectronics zum Wochenauftakt rund 7 Prozent verlor, gaben die im Dax gehandelte Titel von Infineon um 5 Prozent nach. Die niederländische NXP, die an der New Yorker Nasdaq gehandelt wird, verlor zum Handelsauftakt 4 Prozent.

          Der deutsche Hersteller Infineon hatte indes Mühe, auf die Nachrichten aus Japan zu antworten, wonach er die Lieferungen an Huawei ausgesetzt hätte. Erst dreieinhalb Stunden nach Börsenstart reagierte Infineon auf den sichtlich nervösen Aktienhandel mit einer wenig aussagekräftigen, von Juristen weichgespülten Erklärung; ein Indiz, welche Sprengkraft der wachsende Druck aus den Vereinigte Staaten für deutsche Unternehmen haben kann.

          In der Erklärung wird die Meldung der japanischen Zeitung Nikkei über einen Lieferstopp nicht bestätigt. Auf Nachfrage sagte ein Konzernsprecher, dass nicht alle Lieferungen an Huawei eingestellt worden seien. Betroffen sind seinen Angaben zufolge nur die Produkte, die von den Vereinigten Staaten aus dorthin geliefert werden würden. Das sei nur ein kleineres Volumen. Der weitaus größte Teil der Lieferungen an Huawei, so Infineon, falle nicht unter die von Amerika verhängten Sanktionen.

          Nachdem die amerikanische Regierung Huawei und zahlreiche Tochtergesellschaften am 16. Mai auf eine schwarze Liste von Unternehmen gesetzt hat, sei auch Infineon gezwungen, Lieferungen aus den Vereinigten Staaten zu stoppen, hieß es bei dem deutschen Chipkonzern. Um welche Produkte es sich handelt, sagte der Unternehmenssprecher nicht.

          Doch dürfte es sich um Leistungshalbleiter handeln, die besonders wichtig für die Energieversorgung sind – sei es für Netzteile eines Smartphones oder Tablets, sei es für die Stromversorgung von Netzwerken oder die Leistungschips für Photovoltaik-Umwandler. Für die breite Produktpalette von Huawei wird wohl der größte Teil in China produziert.

          Infineon auf schmalem Grat

          Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums sprach mit Blick auf Infineon von einer „internen unternehmerischen Entscheidung“, die von der Bundesregierung nicht kommentiert werde. Das Ministerium wolle zunächst mögliche Auswirkungen etwaiger amerikanische Sanktionsandrohungen gegen deutsche Unternehmen prüfen. In der Frage, ob Huawei-Technologie in deutschen IT-Netzen auch künftig eingesetzt werden solle, gebe es „keine Änderung der Einschätzung“.  Anders als Amerika hat Deutschland den Einsatz bisher nicht ausgeschlossen.

          Schätzungsweise 90 bis 100 Millionen Euro Umsatz soll Infineon mit dem Kunden Huwaei insgesamt erzielen, rund 1,3 Prozent des Konzernumsatzes von 7,6 Milliarden Euro. Die Deutschen befinden sich auf einem extrem schmalen Grat: Einerseits dürfen sie den Ruf als zuverlässiger Lieferant nicht beschädigen, in dem sie einfach Huawei von Zulieferungen abschneiden; andererseits müssen sie die Gesetze des jeweiligen Landes befolgen, in dem  produziert wird.

          Zudem darf Infineon es sich nicht mit den Amerikanern verscherzen. Das Geschäft wird dort seit Jahren mühselig ausgebaut. Der Umsatzanteil mit Kunden in den Vereinigten Staaten bewegt sich seit langem um die 10 Prozent. Mit dem größten Einzelmarkt China bestreitet Infineon ein Viertel seines Geschäfts.

          Google hatte am Montag nach den neuesten Maßnahmen der amerikanischen Regierung angekündigt, die Geschäfte mit Huawei teilweise auszusetzen. Damit beugte sich das Unternehmen dem Dekret von Präsident Donald Trump, der vergangene Woche mit einem nationalen Telekommunikationsnotstand einen Huawei-Bann ausgerufen hatte. Google teilte mit, die genauen Auswirkungen auf die Geschäftsbeziehungen mit Huawei untersuchen zu wollen.

          Aus informierten Kreisen hieß, Google müsse den Teil der Kooperation mit Huawei stoppen, der nicht auf allgemein zugänglichen Programmen basiere. Huawei könne dann nur noch die sogenannten Open-Source-Programme von Google verwenden. Verschiedene Google-Apps wie beispielsweise das Mailprogramm Gmail könnten dann auf neuen Huawei-Geräten nicht mehr verwendet werden.

          Huawei bemühte sich unterdessen, seine Kunden zu beruhigen. Das Unternehmen kündigte an, auch in Zukunft Updates für Anroid-Smartphones bereitzustellen. „Wir haben einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung und zum Wachstum von Android auf der ganzen Welt geleistet“, sagte ein Sprecher. Der Konzern entwickelt seit einiger Zeit eigene Software, um die Abhängigkeit von Google zu reduzieren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Deutsche Emanuel Buchmann (rechts) vom Team Bora-Hansgrohe fährt vor dem Kolumbianer Egan Bernal vom Team Ineos über die Ziellinie.

          Tour de France : Buchmann und die Fragezeichen vor dem Showdown

          Die neue deutsche Hoffnung Emanuel Buchmann fährt bei der Tour de France in der Champions League. Ob es vielleicht sogar zu mehr reicht, darüber entscheidet das Finale furioso in den Alpen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.