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Neue Datenschutzregeln : Hat die DSGVO Schulen ins Chaos gestürzt?

Schul-IT-Experte Jürgens weist aber auf einen wichtigen Unterschied hin: Durch die DSGVO hat sich die Beweislast umgekehrt. Bislang musste einer Schule erst einmal nachgewiesen werden, dass sie unsauber mit Daten arbeitet. Durch die neuen Regeln müssen sie nun lückenlos aufzeigen können, wie sie geltendes Recht in der Praxis einhalten.

Schüler der Klasse 8e arbeiten im Münchner Michaeli-Gymnasium während einer Unterrichtsstunde an ihren Laptops.

Bedeutet konkret: Alles muss niet- und nagelfest dokumentiert und gesichert sein. Wer hat Zugriff auf personenbezogene Daten? Wo sind sie gespeichert? Sind sie ausreichend geschützt? Koordiniert werden muss all das ab sofort von einem designierten Datenschutzbeauftragten, etwa einem computeraffinen Lehrer. Schließlich verlangt die DSGVO ein Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten, in das sämtliche Vorgänge und Prozesse, bei denen in der Schule personenbezogene Daten verarbeitet werden, einzutragen sind. 

Ministerium: „Selbstverständlich gut aufgestellt“

Für die Bildungseinrichtungen bedeutet das einen enormen Arbeitsaufwand. „Die DSGVO ist zusätzlicher Ballast für die Schulen“, sagt Jürgens. Man habe dort genug anderes zu tun – derzeit etwa, die Abschlussklassen durchs Abitur zu bringen. Die Folge: Viele Schulen haben am Stichtag vom 25. Mai 2018 vermutlich nur einen Teil der Vorgaben der neuen DSGVO erfüllt, glaubt Jürgens. Zu groß die Aufgabe, zu klein die Ressourcen.

Hinzu käme, dass unter Lehrern und Verwaltungspersonal eine große Unwissenheit im Bereich des Datenschutzes herrsche. Schließlich habe ihnen ja auch jahrzehntelang niemand auf die Finger geschaut, sagt der IT-Experte weiter.

Gleichsam ist aber auch wenig über Datenmissbrauch an Schulen bekannt – ganz anders als bei Facebook, Google und Co, die immer wieder mit Datenlecks Schlagzeilen machten. Anders als diese milliardenschweren Tech-Unternehmen haben Bildungseinrichtungen jedoch weder das technische Know-How noch den juristischen Beistand und das Budget, die DSGVO in all ihrer bürokratischen Vielfalt zu verstehen und ihr gerecht zu werden.

Hilfe versprechen die zuständigen Landesbehörden. Viele von ihnen geben den Schulen sogenannte Medienberater an die Hand und bieten Mustervorlagen für anzulegende Verzeichnisse.

Laut einer Sprecherin des hessischen Kultusministeriums sind Schulen zumindest im Bundesland Hessen datenschutzrechtlich „selbstverständlich gut aufgestellt“. Probleme seien nicht bekannt. Man verfolge die Situation in den Schulen mit großer Aufmerksamkeit und werde sicherstellen, dass die Schulen die notwendige Unterstützung erfahren.

Landeseigene Datenaustausch-Plattform wird gekipppt – aus Datenschutzgründen

Zumindest an einigen Orten dürfte die Praxis jedoch anders aussehen. Die Leiterin einer Grundschule in der Nähe von Köln, die nicht genannt werden möchte, berichtet FAZ.NET, dass sie sich von den Behörden im Stich gelassen fühlt. Außer Formularen und einer Schulung, „in die man mit 100 Fragen hinein- und mit 200 Fragen wieder herausgegangen ist“, gebe es keine Handreichung.

Der zugewiesene Datenschutzbeauftragte müsse sich in sechs Wochenstunden um hunderte Schulen kümmern und sei „heillos überarbeitet“ – „das kann doch gar nicht funktionieren“, klagt die Schulleiterin.

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