https://www.faz.net/-gqe-9g4p6

Sexuelle Belästigung : Mitarbeiter-Revolte im Hause Google

Auch vor dem Firmensitz in London haben Google-Mitarbeiter heute ihre Arbeit unterbrochen. Bild: AFP

Rund um den Globus haben Google-Mitarbeiter gegen das Verhalten ihres Arbeitgebers protestiert. Es geht um seinen Umgang mit sexueller Belästigung – der Chef hat schon reagiert.

          Der amerikanische Internetkonzern Google sieht sich einer Revolte aus seiner Belegschaft gegenüber: Mitarbeiter auf der ganzen Welt verließen an diesem Donnerstag ihren Arbeitsplatz, um gegen den Umgang des Unternehmens mit sexueller Belästigung zu demonstrieren.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Auslöser dafür war ein Bericht der „New York Times“ aus der vergangenen Woche, wonach der frühere Top-Manager Andy Rubin vor vier Jahren ein Abfindungspaket von 90 Millionen Dollar erhielt, obwohl sein damaliges Ausscheiden aus dem Unternehmen mit dem Vorwurf zu tun hatte, er habe eine Kollegin in einem Hotel zu Oralsex gezwungen. Rubin hat die Anschuldigungen zurückgewiesen, Google allerdings stellte die Darstellung der Zeitung nicht in Frage.

          Der Vorstandsvorsitzende Sundar Pichai schrieb an die Belegschaft, es sei „schwer“ gewesen, den Bericht zu lesen. Und er beteuerte, Google greife mittlerweile bei Fehlverhalten seiner Beschäftigten härter durch.

          Trendthema auf Twitter

          Das Unternehmen hat in den vergangenen zwei Jahren 48 Mitarbeiter wegen sexueller Belästigung entlassen, und keiner von ihnen habe ein Abfindungspaket enthalten. In dieser Woche trat außerdem ein ranghoher Mitarbeiter der Google-Mutterholding Alphabet ohne Abfindung zurück, der ebenfalls in dem Bericht erwähnt wird. Ihm wurde vorgeworfen, er habe eine Frau belästigt, die sich um einen Posten in seinem Team bewarb.

          All das reichte aber offenbar nicht, um die Google-Belegschaft zu besänftigen. Die Proteste in den Niederlassungen des Konzerns waren jeweils um 11.10 Uhr Ortszeit angesetzt. Sie begannen an asiatischen Standorten wie Tokio und Singapur, bevor sie in europäischen Städten wie Berlin, Zürich oder London weitergingen und dann auch die amerikanische Heimat von Google erreichen sollten.

          Auf Twitter veröffentlichte Fotos von den Protesten zeigen zum Teil mehrere hundert Teilnehmer, und der Begriff „#googlewalkout“ wurde zum Trendthema auf dem Kurznachrichtendienst. Die Organisatoren der Proteste hatten Flugblätter an die Teilnehmer verteilt, die an den Schreibtischen hinterlegt werden sollten. Darauf hieß es: „Ich bin nicht an meinem Schreibtisch, weil ich in Solidarität mit anderen Googlern und Vertragspartnern hinausgehe, um gegen sexuelle Belästigung, Fehlverhalten, einen Mangel an Transparenz und eine Arbeitskultur, die nicht für jeden funktioniert, zu protestieren.“

          Die Organisatoren hatten im Vorfeld gesagt, sie seien „angewidert“ von dem Zeitungsbericht gewesen. Sie nannten ihn „das jüngste Beispiel einer Kultur von Komplizenschaft, Geringschätzung und Unterstützung für Täter im Lichte von sexueller Belästigung, Fehlverhalten und Machtmissbrauch“.

          Sie stellten auch eine Reihe von Forderungen an ihren Arbeitgeber. Beispielsweise verlangten sie, dass ein Vertreter der Belegschaft einen Sitz im Verwaltungsrat bekommt und dass Google einen Bericht über sexuelle Belästigung im Unternehmen veröffentlicht. Zudem sprachen sie sich für ein Ende von Schlichtungsverfahren bei Fällen sexueller Belästigung aus, die oft mit Klageverzicht und Schweigepflicht verbunden sind.

          Google-Chef Pichai sagte in einer Stellungnahme vor den Protesten, das Unternehmen unterstütze die Teilnehmer. Mitarbeiter hätten „konstruktive Ideen“ vorgebracht, wie Google seine Richtlinien und Prozesse verbessern könne. Pichai hatte sich am Dienstag schon in einer weiteren E-Mail an die Belegschaft gewandt und zugegeben, dass die bisherigen Stellungnahmen des Unternehmens zu dem Thema nicht ausreichend gewesen seien. Er sagte, es tue ihm „zutiefst“ leid, was in der Vergangenheit passiert sei. „Ich verstehe die Wut und die Enttäuschung, die viele von Euch empfinden. Auch ich fühle sie, und ich fühle mich voll verpflichtet, Fortschritte bei diesem Problem zu machen, das viel zu lange in unserer Gesellschaft bestanden hat ... und ja, auch hier bei Google.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.