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Künstliche Intelligenz : Auch GMX und Web.de möchten in die E-Mails gucken

Nur noch kurz die Mails checken Bild: Picture-Alliance

Um die Mailflut zu bändigen, setzten nun auch die größten E-Mail-Anbieter auf „intelligente Postfächer“, die durch KI lernen sollen. Doch wer Komfort will, muss einiges preisgeben.

          Durch die Verbreitung von Chatprogrammen wie Whatsapp und der verstärkten Kommunikation über Soziale Netzwerke könnte man davon ausgehen, dass die größte Zeit der E-Mail eigentlich vorbei ist. Allerdings ist das ein Trugschluss: Von der elektronischen Post wird jedes Jahr mehr verschickt – was auch mit dem Siegeszug des Onlinehandels und der häufigeren Nutzung von Internetportalen zu tun hat. Denn durch die gestiegenen Bestellungen im Netz, sei es nun beim Modehändler Zalando, dem Hotelbuchportal Booking oder der Wohnungsbörse Airbnb, landen immer mehr E-Mails im Postfach.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          GMX und Web.de, die mit 33 Millionen Kunden größten Anbieter in Deutschland, prognostizieren, dass in diesem Jahr mehr als 900 Milliarden E-Mails versendet werden, was ein Fünftel mehr wäre als im Vorjahr. Die Marken, die beide zum Telekommunikationskonzern United Internet aus Montabaur gehören, versuchen sich deshalb nun auch an einem „intelligenten Postfach“, damit ihre Nutzer den Überblick nicht verlieren. Google hat solch eine Funktion schon seit einigen Jahren in seinem Mailprogramm integriert.

          Weil die automatische Sortierung von Nachrichten heute nicht mehr einfach so maschinell erfolgen kann, ohne ein modern klingendes Beiwort zu erhalten, setzen auch GMX und Web.de auf Künstliche Intelligenz, um seine Postfächer schlauer zu machen. Algorithmen sollen von diesem Dienstag an in einem Betatest für eine Million Nutzer das Postfach durchsuchen.

          Automatische Paketverfolgung

          Als ersten Testfall haben sich die Entwickler aus Montabaur mit den Paketdienstleistern DHL und DPD zusammengetan, um vor allem die E-Mail-Flut im Versandhandel zu vereinfachen. Das Postfach sortiert dann die Nachrichten und ermöglicht es, gleich im E-Mail-Programm die Sendung zu verfolgen.

          UNITED INTERNET

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          Dass die Kunden durch eine Einwilligung (einem sogenannten Opt-In) diesem Dienst zustimmen müssen, hat einen wichtigen Grund: Denn um diesen Service anbieten zu können, müssen die Nutzer es gestatten, dass ihre E-Mails durchsucht werden können. Weil maschinelles Lernen erst mit zunehmendem Datenmaterial gut funktioniert, sind GMX und Web.de am Anfang sogar darauf angewiesen, dass ihnen einige Nutzer noch weitgehendere Rechte zugestehen: Denn um zu überprüfen, ob der Algorithmus etwa die Versandbestätigungen richtig erkennt, müssen nach Angaben des Unternehmens auch ihre Datenanalysten die Nachrichten lesen können. Diesem Fall müssen Nutzer aber noch einmal gesondert ausdrücklich zustimmen – das intelligente Postfach funktioniert auch ohne die manuelle Prüfung.

          Freilich hofft der E-Mail-Anbieter, dass es trotzdem genügend Kunden geben wird, die den Komfort der Privatheit ihrer E-Mails vorziehen. Dass United Internet so offensiv mit dem Opt-In wirbt, könnte auch damit zu tun haben, dass es kürzlich in einem ähnlichen Fall einen regelrechten Aufschrei gegeben hat.

          Einen ähnlichen Fall gab es bei Google Mail

          Anfang Juli hatte das “Wall Street Journal“ berichtet, dass diverse Anbieter von sogenannten Add-ons die E-Mails von Gmail-Nutzern, dem E-Mail-Dienst von Google, mitgelesen haben. Add-ons sind Programme, die Zusatzfunktionen für den E-Mail-Dienst anbieten. Manche der Programme scannen beispielsweise automatisch E-Mails von Shopping-Portalen. Dann suchen sie im Internet nach günstigeren Angeboten für das gleiche Produkt und kontaktieren den Verkäufer, um die Differenz zwischen den Preisen zurückzuverlangen. Earny heißt eines dieser Programme; es hat sich darauf spezialisiert, seinen Nutzern Gutschriften zu verschaffen, von denen die App wiederum 25 Prozent erhält.

          Wer solch ein Zusatzprogramm installiert, muss ihm dafür einige Rechte zugestehen, damit dieses Add-on die E-Mails auch analysieren kann, sonst funktioniert der Service nicht. Genauso funktioniert die Spam-Erkennung in E-Mails, auch dort suchen Algorithmen automatisiert nach Ungereimtheiten oder typischen Betrugsversuchen in E-Mails, um gefährliche Nachrichten herauszufiltern.

          Diese Praxis ist allgemein bekannt – und auch Nutzer von Add-ons sollten in der Lage sein, die Auswirkung zu verstehen, wenn sie Programmen Zugriff auf die E-Mails gestatten. Im Fall von Google muss man gleich mehrfach bestätigen, dass man dem Programm Zugriff auf die Nachrichten gewährt. Auch wenn die allgemeinen Geschäftsbedingungen und Nutzungsvereinbarungen von Internetkonzernen häufig verbesserungswürdig sind, muss man ihnen zugutehalten, dass dieser Punkt leicht verständlich ist.

          Dürfen nur Maschinen oder auch Menschen mitlesen?

          Allerdings haben dem Bericht zufolge offenbar nicht nur Maschinen, sondern auch Menschen in Einzelfällen E-Mails gelesen. Angeblich mit dem Ziel, Algorithmen zu verbessern und Computern beizubringen, E-Mails richtig zuzuordnen. So hatten zwei Ingenieure des New Yorker Unternehmens Return Path 8000 E-Mails gelesen, die sie dann als geschäftlich oder privat kennzeichneten. Earny kooperiert mit Return Path, das sich auf Datensammlung für Marketing-Unternehmen spezialisiert hat.

          Return Path entwickelt selbst Add-ons, kooperiert aber auch mit anderen Unternehmen. Return Path analysiert etwa für seine Kunden, welche Marketing-E-Mails wie häufig gelesen werden und welche E-Mails Konkurrenten versenden. Dafür sortiert ein Algorithmus private E-Mails aus, doch 2016 stellte das Unternehmen fest, dass die Maschine nicht zuverlässig arbeitete, weshalb die Aufgabe an Menschen übertragen wurde.

          Return Path behauptete, dass dieser Vorgang im Einklang mit den Datenschutz-Bestimmungen des Unternehmens steht – denen die Kunden bei der Installation der Add-ons zugestimmt haben. Allerdings steht nirgendwo in den Datenschutz-Bestimmungen, dass die E-Mails nicht nur von Computern, sondern auch von Menschen gelesen werden.

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