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Amerika gegen China : Gewinnt China den technologischen Kalten Krieg?

Wie sieht die Welt von morgen aus? China und Amerika üben sich im Kampf um die Deutungshoheit. Bild: AFP

Ein Technik-Wettstreit wird der große Konflikt der nächsten Jahrzehnte. Der Politologe Ian Bremmer erklärt im großen F.A.Z.-Interview, worum es geht und was das bedeutet – auch für uns.

          Herr Bremmer, Sie sagen einen technologischen „Kalten Krieg“ voraus – was meinen Sie damit?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Es gibt derzeit zwei große Tech-Modelle auf der Welt: das chinesische und das amerikanische. Chinas technologische Entwicklung ist vom Staat angetrieben, demgegenüber ist die amerikanische vom Privatsektor angetrieben. Diese duellierenden Modelle werden schlussendlich den Weltmarkt fragmentieren – und das, was wir allgemein als „Tech Commons“ bezeichnen...

          ...also auch ein Gut wie das Internet, das anscheinend allen gehört, wird stärker aufgeteilt...

          ...ja, genau. Die kommende Fragmentierung macht Konfrontationen zwischen beiden Ländern wahrscheinlicher. Denn: Beide Modelle konkurrieren um die Marktdominanz in Drittländern wie Indien und Brasilien – sogar europäische Staaten sind betroffen.

          Wird das die große Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und China in der ersten Hälfte dieses Jahrhundert?

          Ja. Allerdings wird sie sich nicht im militärischen Bereich abspielen, weil die Amerikaner dieses Feld beherrschen, und China ungefähr im Verhältnis von 3 zu 1 ausstechen, wenn es etwa um Militärausgaben geht. Die Auseinandersetzung wird andererseits auch nicht rein ökonomisch sein, weil es in diesem Bereich wiederum große Abhängigkeiten gibt und beiderseitige Vorteile. Technologie ist die große Trennlinie – und darum der Bereich, auf dem sich die Spannungen am ehesten entladen werden.

          Wer ist besser dafür gerüstet?

          Das ist im Moment schwer zu sagen. Wenn es um die tatsächlichen Regierungen geht, dann ist es klar China: Peking setzt stark auf Künstliche Intelligenz und Big Data, während Washington auf traditionelle Industrien fokussiert – was wahrscheinlich ein Fehler ist. Jedoch kommt der technische Antrieb auf der amerikanischen Seite aus dem Silicon Valley, deshalb ist es eben auch ein Streit zwischen Peking und dem Silicon Valley.

          Wovon hängt ab, wer ihn gewinnt?

          Wenn sich herausstellt, dass Künstliche Intelligenz eher dem Manhattan-Projekt ähnelt...

          ...dem amerikanischen Forschungsprojekt im Zweiten Weltkrieg, das die Entwicklung einer Atombombe zum Ziel hatte...

          ...wo der bestimmende Faktor ist, möglichst viele Menschen und Rechenleistung einzusetzen, dann gewinnt China. Wenn es hingegen eher mit dem Umgang mit dem Klimawandel vergleichbar sein sollte, wo es viele Sackgassen und Fehlstarts gibt und das finale Ergebnis eine Kombination verschiedener Technologien ist, dann dürften die Vereinigten Staaten beziehungsweise das Silicon Valley der Favorit sein.

          Wer wird von diesem „Kalten Krieg“ betroffen sein?

          Es ist absolut möglich, dass die Vereinigten Staaten versuchen, die Silicon-Valley-Unternehmen „strategischer“ zu machen, so wie sie das beispielsweise mit dem Luftfahrtunternehmen Lockheed taten während des amerikanisch-sowjetischen Kalten Krieges. Andererseits besteht auch die Gefahr, dass schlussendlich die Souveränität der Vereinigten Staaten erodiert.

          Das müssen Sie erklären.

          Wenn in den Vereinigten Staaten beheimatete multinationale Unternehmen eine geringe Loyalität gegenüber der amerikanischen Regierung aufweisen – und gegenwärtig herrscht in ihnen eine starke freiheitliche Ethik, und die Trump-Regierung ist eben nicht interessiert, sie „strategischer“ zu machen –, und ihnen zugleich nicht erlaubt ist, in den chinesischen Markt einzutreten und dort mit den staatlich unterstützten chinesischen Unternehmen zu konkurrieren, dann werden diese Unternehmen weniger amerikanisch-patriotisch und mehr „global“. Zugleich verfügen sie über ein immenses Vermögen und großen Einfluss über die Bürger der entwickelten Welt. Deswegen halte ich für möglich, dass die Souveränität der Vereinigten Staaten beeinträchtigt werden könnte.

          Wie denken Sie über das Soziale Kreditpunktesystem, das die chinesische Führung gerade auf den Weg bringt mit dem Ziel, alle Bürger auch mittels fortschrittlicher Technik genauer zu steuern?

          Das ist ein enorm mächtiges Instrument, das Autoritarismus stärkt. Gerade las ich etwa, dass Züge in China die Passagiere dazu drängen, sich an die Gesetze zu halten, damit sie nicht ihre Kreditpunkte-Bewertung negativ beeinträchtigen. Dieses System eignet sich sehr, um Menschen auf Linie zu halten und sozialen Dissens einzudampfen. Gemessen an seiner Macht wird es übrigens deutlich unterschätzt im Westen.

          Was bedeutet dieser Technik-Wettlauf für Europa?

          Es könnte sehr gut sein, dass dies die Vereinigten Staaten und Europa näher zusammenbringt, wenn klar wird, dass keiner von beiden effektiv in China mitwirken kann – und in den Ökonomien, die es bereits dominiert. Aber das wird Zeit brauchen. Gegenwärtig herrscht viel Misstrauen in Europa wegen Trump und auch noch den Folgen der Snowden-Enthüllungen. Und es gibt viele interne Probleme, welche die Aufmerksamkeit der europäischen Politiker binden.

          Mit Blick auf die jüngsten Durchbrüche in der Künstlichen Intelligenz und der Genetik: Sind Sie eigentlich ein Technologie-Optimist?

          Ich bin ein existentieller Optimist – ich bin sogar entzückt und finde außergewöhnlich, dass wir überhaupt da sind. Und in einer Zeit solch grundlegender Veränderungen und Möglichkeiten gilt das nicht weniger. Aber in der Frage, ob wir diese Technologien am Ende konstruktiv einsetzen werden, bin ich weiterhin Agnostiker.

          Sie können das also nicht einschätzen?

          Die Gefahren sind viel größer, aber wir sehen gewöhnlich das Beste der Menschheit, wenn die Einsätze am höchsten sind. Sagen wir, ich bin hoffnungsvoll.

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