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Berichte über Amazon : Auch die Geheimdienste wollen mit Alexa spionieren

  • -Aktualisiert am

Alexa gehört in vielen Wohnungen inzwischen zum Mobiliar. Bild: Imago

Nicht nur die Amazon-Mitarbeiter hören sich die Aufnahmen von Alexa an, auch die Geheimdienste wollen die Geräte offenbar zur Überwachung nutzen. Auch beim Anschlag in München 2016 spielte Alexa wohl eine Rolle.

          Eine Frau, die unter der Dusche singt und mit ihren Tönen völlig daneben liegt. Ein Kind, das um Hilfe schreit. Ein möglicher sexueller Übergriff. Solche Dinge wurden von Amazons Assistenzsoftware „Alexa“ aufgezeichnet, und eine Gruppe von Mitarbeitern, von deren Existenz bislang nichts bekannt war, hat offenbar mitgehört. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg beschäftigt das Unternehmen rund um die Welt Tausende von Personen, deren Aufgabe es ist, Aufzeichnungen von Interaktionen mit Alexa anzuhören, abzutippen und mit Kommentaren zu versehen. Das soll helfen, die Software zu verbessern. Es weckt freilich Sorgen um Datenschutz und wirft eine Reihe anderer Fragen auf. Zumal Amazon seinen Nutzern bislang verschwiegen hat, dass Mitarbeiter Zugriff auf Gespräche mit Alexa haben.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch nicht nur Amazon interessiert sich für die Aufnahmen. Auch der Bundesnachrichtendienst und der Verfassungsschutz hätten gern direkten Zugriff auf die Mitschnitte, berichtet jetzt das ARD-Magazin „Kontraste“. Demnach gibt es Bundesinnenministerium einen Entwurf, der den beiden Diensten diese Möglichkeiten einräumen soll. Die Hersteller sollen demnach gezwungen werden, den Sicherheitsdiensten Zugang zu den Geräten zu geben. Bisher müssen die deutschen Behörden noch den Umweg über Amerika nehmen. Dort sind die Konzerne verpflichtet, mit den Sicherheitsdiensten zusammenzuarbeiten und ihnen Zugang zu bestimmten Dateien zu geben. Die deutschen Behörden müssen also bislang noch ihre amerikanischen Kollegen kontaktieren, um die Informationen zu erhalten. Der Entwurf aus dem Innenministerium soll den Umweg überflüssig machen.

          Staatswohl in Gefahr?

          Die Geräte von Amazon könnten den Behörden so bei der Überwachung helfen. Möglicherweise passiert das aber schon längst. Laut RBB, der „Kontraste“ produziert, hat Martina Renner, Bundestagsabgeordnete der Linken, die Bundesregierung gefragt, inwieweit solche Methoden schon angewandt würden. Die Bundesregierung verweigerte dem Bericht zufolge die Antwort. Die Informationen seien geheim und ihre Veröffentlichung könnte das Staatswohl gefährden.

          Zudem habe Alexa in den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zum Amoklauf in München 2016 eine Rolle gespielt. Der Betreiber des Darknet-Forums, auf dem der Täter die Tatwaffen gekauft habe, habe ein Amazon Echo Dot in seiner Wohnung gehabt, berichtet „Kontraste“. Mit einem Durchsuchungsbeschluss habe die Staatsanwaltschaft Amazon zur Herausgabe von Sprachaufnahmen zwingen wollen. Ob das Unternehmen die Dateien den Behörden allerdings übergeben hat, ist unklar. Die Beweislage war wohl auch ohne die Dateien ausreichend, um den Betreiber zu verurteilen.

          Manuelle Verbesserung

          Die Amazon-Software steckt in verschiedenen Geräten, die Amazon unter dem Namen „Echo“ verkauft, mittlerweile aber auch in einer Vielzahl von Produkten anderer Unternehmen. Unlängst stellte Amazon sogar eine Mikrowelle vor, die mit Alexa verknüpft ist. Die Software bedient sich einer Reihe verschiedener Informationsquellen von Wetterdiensten bis zum Online-Lexikon Wikipedia.

          Und sie ist nach Amazons Darstellung so konzipiert, dass sie immer bessere Informationen liefert. „Alexa ist ein Dienst, der sich kontinuierlich verbessert und der dazu entwickelt ist, jeden Tag klüger zu werden“. heißt es auf Amazons Internetseite. Wie das Unternehmen selbst zugibt, verwendet es dafür auch die Aufzeichnungen der Gespräche, die Nutzer mit Alexa führen. Das helfe, Alexa besser auf den einzelnen Nutzer abzustimmen und auch für die Allgemeinheit zu verbessern.

          Diese Verbesserung von Alexa geschieht dem Bloomberg-Bericht aber keineswegs nur über maschinelles Lernen, wie Amazon suggeriert, sondern es ist auch manuelle Arbeit von Menschen involviert. Es handele sich dabei um eine Mischung aus Vollzeitangestellten und freien Mitarbeitern, die im amerikanischen Boston sowie in Costa Rica, Indien und Rumänien stationiert seien. Sie arbeiteten rund neun Stunden am Tag und hörten sich dabei jeweils bis zu 1000 Audio-Mitschnitte an, die von Alexa zufällig ausgewählt würden. Der Einsatz menschlicher Helfer sei dazu gedacht, etwaige Schwachstellen in der Software zu finden und auszumerzen. Also zum Beispiel, wenn der Algorithmus eine Formulierung in einer bestimmten Sprache als das Wort „Alexa“ missversteht, mit dem der Assistent aktiviert wird.

          „Extrem kleine Stichprobe“

          Viele der Mitschnitte enthalten dem Bericht zufolge belanglose Interaktionen. Bisweilen gebe es aber Situationen, die von den Nutzern als peinlich empfunden werden könnten, und Mitarbeiter der Teams tauschten manchmal Aufzeichnungen aus, die sie amüsant finden. Mitarbeiter hätten auch von einer aufgezeichneten Situation berichtet, die sie als sexuellen Übergriff interpretiert hätten. Zwar sage Amazon, für solche Fälle gebe es Vorgaben, was das Team tun solle. Die Personen wurden aber in dem Bericht mit den Worten zitiert, ihnen sei gesagt worden, Amazon sehe sich nicht in der Verantwortung, einzugreifen.

          Amazon bestritt in einer Stellungnahme die Existenz der Gruppe nicht, sagte aber, nur eine „extrem kleine Stichprobe“ von Aufzeichnungen würde ausgewertet. Die Mitarbeiter hätten außerdem keinen direkten Zugang zu Informationen, die die jeweiligen Nutzer identifizieren könnten. Die Daten würden mit „hoher Vertraulichkeit“ behandelt, und es gebe einen umfangreichen Authentifizierungsprozess, um den Zugang zu ihnen zu begrenzen. Der Bericht scheint Amazons Aussage aber zum Teil zu widersprechen. Bloomberg schreibt von einem Beispiel, in dem die Mitschnitte zwar nicht den vollen Namen und keine Adresse enthalten hätten, aber mit einer Kontonummer, der Geräte-Seriennummer sowie dem Vornamen des Nutzers verbunden gewesen seien. In dem Bericht heißt es aber auch, wenn Mitarbeiter sensible Informationen wie Namen oder Bankverbindungen hören, seien sie dazu angehalten, ein Dialogfeld mit der Bezeichnung „kritische Daten“ zu klicken und den Vorgang zu beenden.

          Der Bericht weckte auch neue Zweifel, ob sich Alexa wirklich nur dann einschaltet, wenn das Aktivierungswort gesprochen wird. Wie es heißt, hätten Mitarbeiter bis zu 100 Aufzeichnungen am Tag bearbeitet, in denen die Software nicht das entsprechende Kommando bekommen habe.

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