https://www.faz.net/-gqe-9lghb

Für die Karriere : Techies, ihr müsst reden!

Tobias Schlottke, der Initiator der Gruppe „Alphalist CTO“ Bild: OMR

Technologiefachleute werden für Unternehmen immer wichtiger. Bei der Karriere stehen sie sich aber oft selbst im Weg, glauben manche. Doch dafür gibt es Lösungen.

          3 Min.

          Es gab nicht diesen einen Moment, der ausschlaggebend war für Tobias Schlottke. Aber immer wieder Augenblicke, in denen er merkte, dass Entwickler und ITler eigentlich häufiger miteinander reden sollten. Schlottke kannte einige, die so vertieft in ihren Quellcode sind, dass sie die Mittagspause lieber durchcoden. Oder diejenigen, die zwar das eigene Projekt in- und auswendig kennen, aber wenig mit anderen darüber reden.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Schlottke ist selbst ein Techie, er war Technologiechef (CTO) der Plattform Moviepilot, die Filme anbietet, er hat die Marketing-Plattform Adyard mitgegründet und an Gruner & Jahr verkauft. Außerdem hat er die „Online Marketing Rockstars“ (OMR) gegründet, die eine der inzwischen größten deutschen Technologie- und Werbemessen veranstalten. „Häufig geht man als Techie etwas unbedarft ran und probiert erst einmal aus“, sagt Schlottke. „Dabei könnte man gerade in der frühen Gründungsphase viele Phasen überspringen, wenn man ein Coaching von anderen CTOs bekommt“, sagt Schlottke.

          Für den Erfahrungsaustausch hat er ein Netzwerk auf der Kommunikationsplattform Slack gegründet, die praktisch zur Grundausstattung eines IT-Interessierten gehört, weil sich Programmierer dort gerne in Chats austauschen. Private Universitäten oder Unternehmensberatungen haben wie selbstverständlich Alumni-Netzwerke, doch meistens sind es eher die BWLer, die netzwerken, und nicht so sehr die ITler. Das wollte Schlottke ändern.

          Tech-Sektor wächst fünfmal schneller als der Rest

          „Wir wollen den besten Tech-Köpfen aufzeigen, dass es für sie auch unternehmerische Perspektiven gibt. Für sie ist die Zeit besser als je zuvor, eigene Ideen unternehmerisch umzusetzen und global agierende Tech-Start-ups aufzubauen.“ In der „Alphalist.CTO“ genannten Gruppe sind inzwischen gut 250 Mitglieder, darunter Johannes Schaback von Home 24, der das Netzwerk mitinitiiert hat oder die CTOs von Mytaxi oder Zalando.

          Zahlen von Eurostat zeigen, dass die europäische Software-Industrie etwa fünfmal schneller wächst als alle anderen nicht spezifisch auf Tech ausgerichteten Branchen, egal ob es nun Automobilindustrie, der Finanzsektor oder Immobilien sind. Mit den gut 400 Milliarden Euro, die europäische Software-Unternehmen für Europas Wirtschaft bringen, machen sie allerdings nur 2,5 Prozent der Bruttowertschöpfung aus.

          Und hinzu kommt, dass auch alle anderen Branchen inzwischen irgendwo Technologieunternehmen sein müssen, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Deshalb ist der Wettbewerb um Talente so hart. Weshalb es noch mehr Sinn ergibt, sich dort zu vernetzen, um zu verstehen, welche Arbeitsstelle oder welches Unternehmen am besten zu einem passt, wenn man etwa Informatiker ist.

          Bewerber getrieben von inhaltlichen Themen

          „Es gibt einen absolut harten Wettbewerb“, sagt Sebastian Betz. Er ist CTO, also Technologiechef von About You, dem Mode-Start-up der Otto Group, und als Teilnehmer auch in der Netzwerk-Gruppe von Schlottke dabei. „Aus meiner Erfahrung sind die Bewerber aber nicht so stark getrieben von Gehalt oder Titeln, sondern von inhaltlichen Themen“, sagt Betz. Also mit welchen Technologien oder Infrastrukturen gearbeitet wird. Ob dort die Software eingesetzt wird, die den Bewerbern liegt, ob sie gleichzeitig Verantwortung in kleinen Teams übernehmen dürfen und noch Freiräume haben, auch Fehler zu machen.

          Karriere wird in großen Unternehmen häufig dadurch definiert, dass man Manager wird und kein Tech mehr macht. Aber ein guter Entwickler, der die Systemarchitektur aufbaut und betreut, ist genauso viel wert wie jemand, der Menschen managed“, sagt Betz. Bei About You verdienten gute Technologen deshalb dasselbe wie gute Manager, es sei nicht davon abhängig, wie viele Mitarbeiter unter einem arbeiteten.

          About You gehört seit vergangenem Jahr zum Kreis der Einhörner, also der Start-ups mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar. Der dänische Bekleidungskonzern Bestseller A/S ist in einer Finanzierungsrunde von 300 Millionen Euro in das Unternehmen eingestiegen. Die Gründer, darunter auch Betz, haben an der Finanzierungsrunde ebenfalls teilgenommen. Für das Geschäftsjahr 2018/2019 erwartet About You, den Umsatz von 283 Millionen Euro auf 450 bis 480 Millionen Euro zu steigern. Größter Anteilseigner ist weiterhin Otto.

          Tech-Themen loszulassen kann schwer sein

          Für den Handelskonzern spielt About You eine wichtige Rolle, nicht nur, weil es eine junge Zielgruppe anspricht, sondern weil die Gründer auch eine andere Kultur in den Konzern gebracht haben. „Es gibt im Tech-Bereich vermutlich einige Leute, die zum Beispiel Automobilkonzerne abschreckend finden, weil dort so ein großes Vermächtnis vorhanden ist“, sagt Schlottke. Bei About You arbeiten etwa 200 Entwickler, die Development-Abteilung macht gut ein Drittel der Mitarbeiter aus.

          In einem Start-up, das schnell wächst, veränderten sich auch die Anforderungen elementar und damit auch die Zeit, die er auf der Arbeit verbringt. „Ab einer gewissen Größe muss man andere Rollen einnehmen und Arbeit abgeben – was auch bedeutet, Tech-Themen loszulassen“, sagt Betz. Sich nicht mehr im kompletten Quellcode auszukennen, kann für Techies ganz schön schwer sein.

          Wie redet man nun mit Führungskräften, was will man eigentlich als Technologe selbst machen, welche Entscheidungen treffen? Auf diese Fragen ist Betz mehrfach gestoßen. Und mit den anderen CTOs und Techies tauscht er sich auch darüber aus. „In der Gruppe sind viele Leute, die mich wirklich weiterbringen können“, sagt Betz.

          Weil es aber nicht reicht, sich immer nur digital auf Slack zu treffen, organisiert Schlottke für die „Alphalist“ nun häufiger Dinner, auf denen sie sich richtig treffen können. Geplant ist außerdem eine Reise nach Israel, um Start-up-Kultur zu atmen und sich auf einem Boot einfach mal für drei Tage vor den Laptop zu klemmen und nur Code zu schreiben. Denn die Leidenschaft dafür hat sie alle schließlich einmal zu den Berufen gebracht, in denen sie nun sind – auch wenn die Zeit dafür nun geringer geworden ist.

          Weitere Themen

          Eine neue Hoffnung

          Zukunftstechnik in Deutschland : Eine neue Hoffnung

          Deutschland droht den Anschluss zu verlieren in zentralen Technologien wie der Künstlichen Intelligenz. Chancenlos ist der Standort aber noch lange nicht. Das muss nun geschehen.

          Frisches Wasser aus Gülle

          Digitale Landwirtschaft : Frisches Wasser aus Gülle

          In Frankfurt präsentieren junge Unternehmer Ideen für eine digitale Landwirtschaft. Die Bundesagrarministerin ist angetan – und verspricht einem Start-up aus Darmstadt direkt ihre Unterstützung.

          Topmeldungen

          Trump hat sich Erdogan gegenüber benommen wie ein hysterischer Liebhaber.

          Trumps Syrien-Politik : Härte und Liebe

          Trump hat eine Feuerpause für Syrien aushandeln lassen und feiert sich nun als Friedensstifter. Doch seine Siegerpose wirkt lächerlich. Erdogan hat von Amerika alles bekommen, was er wollte.
          Bei der aktuellen Sonntagsfrage verliert die AfD an Zustimmung.

          Sonntagsfrage : AfD fällt auf 13 Prozent

          Die AfD fällt damit auf den tiefsten Stand seit drei Monaten. Die SPD hingegen kann leicht Boden gutmachen - und zieht mit 15 Prozent an der AfD vorbei.

          „Super Saturday“ : Britische Regierung beantragt Brexit-Verschiebung

          Das britische Parlament hat eine Entscheidung über den Brexit-Deal verschoben. Premierminister Boris Johnson kündigt an, er werde „weiterhin alles tun, damit wir am 31. Oktober die EU verlassen.“ Trotzdem muss er Brüssel um einen Aufschub bitten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.