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Gamescom 2018 : So viel war noch nie los

Tychus Findlay ist eine Figur aus dem Computerspiel StarCraft. Bild: Reuters

Action, Strategie, „Anno“, „Die Siedler“: Eine halbe Million Besucher kommen im Jubiläumsjahr zur Gamescom. Und die Digitalministerin gibt ein Versprechen ab.

          „Vielfalt gewinnt“ – so lautet das diesjährige Motto von Deutschlands führender Videospielmesse Gamescom in Köln. Schlendert man durch die dunkel gehaltenen Hallen mit den bunten Messeständen, dann fällt auf, dass sich die Veranstalter kaum ein passenderes Motto hätten ausdenken können. An der einen Ecke gibt es den neuen „Landwirtschafts-Simulator“, in dem der Spieler mit originalgetreu nachgebildeten Traktoren über Äcker eilt und versucht, möglichst schnell Rüben zu ernten. Eine Ecke weiter kracht es immer wieder laut, wenn Spieler auf einer großen Leinwand mit lautem Getöse in Seegefechten eine Salve auf feindliche Schiffe abfeuern  und ihnen eine Schar von Zuschauern nach jedem Schuss zujubelt. Und noch eine Ecke weiter regieren Spielerinnen in einem Aufbau-Strategiespiel ihren eigenen Karibik-Inselstaat.

          Bastian Benrath

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So vielfältig wie die Spiele sind, die auf der diesjährigen Gamescom vorgestellt werden, so vielfältig sind auch die Besucher an den Ständen. Denn die unterschiedlichen Genres ziehen logischerweise unterschiedliche Menschen und Altersklassen an. Den größten Anteil der Messebesucher stellen sehr wohl weiterhin Menschen unter 30, doch insgesamt ist das Durchschnittsalter der deutschen „Gamer“ in diesem Jahr auf mehr als 36 Jahre gestiegen.

          „Anno“ und „Die Siedler“

          Dazu passt, dass in diesem Jahr gleich mehrere Jubiläen auf der Gamescom zu feiern sind. Zum einen wird die Messe zehn Jahre alt – und bricht mit mehr als 1000 Ausstellern und einer erwarteten halben Million Besucher abermals ihre Rekorde aus dem Vorjahr.  Zum anderen feiern zwei bekannte Spielereihen aus Deutschland Geburtstag: Die „Anno“-Reihe, ein Aufbau-Strategiespiel, in dem die Spieler Inseln besiedeln und Wertschöpfungsketten aus Rohstoffen und Industrie errichten müssen, um ihre Bevölkerung zu versorgen, begann im Jahr 1998 mit „Anno 1602“ und wird 20 Jahre alt. Noch fünf Jahre älter ist „Die Siedler“ des 1988 gegründeten Entwicklers Blue Byte. „Die Siedler I“ erschien im Jahr 1993 für den Amiga. „20 Jahre Anno, 30 Jahre Blue Byte – und ich bin heuer 40 geworden“, witzelte Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU) in ihrer Rede zur Gamescom-Eröffnung.

          Aus beiden Reihen erscheinen in diesem und dem kommenden Jahr weitere Teile. Allerdings gehören die Entwicklerstudios dahinter, obwohl sie in Deutschland gegründet wurden, inzwischen zum französischen Branchenprimus Ubisoft. Die Spiele werden weiterhin in Deutschland entwickelt, doch der Mutterkonzern kommt aus dem Nachbarland.

          Deutsche Entwickler verlieren an Boden

          Jenseits der beiden bekannten Reihen steht das symptomatisch für ein Phänomen, das die deutsche Spielebranche bei allem Jubel über sich ausbreitende Gaming-Freude beschäftigt: Deutsche Entwickler verlieren immer weiter an Boden, obwohl der Videospiel-Markt insgesamt wächst. Während der deutsche Markt im vergangenen Jahr erstmals die Umsatzgrenze von 3 Milliarden Euro durchbrach, setzten deutsche Entwickler davon nur 119 Millionen um – ihr Marktanteil sank auf 5,4 Prozent. Dieser Rückgang dauert schon seit mehreren Jahren an.

          Deshalb rufen die deutschen Entwickler schon seit einiger Zeit nach staatlicher Unterstützung. Videospiele seien ein Kulturgut wie Filme und müssten genauso gefördert werden. Der Jubel in der Branche war groß, als die neue schwarz-rote Koalition eine entsprechende Förderung in ihren Koalitionsvertrag schrieb. Doch bisher ist kaum Geld geflossen. „Angesichts des weiter gesunkenen Marktanteils von Spielen aus Deutschland muss die in Aussicht gestellte Unterstützung jetzt schnellstmöglich umgesetzt werden“, mahnte Felix Falk, Geschäftsführer des Videospiele-Bundesverbands Game, auf der Eröffnung.

          Sowohl Dorothee Bär wie auch der gastgebende nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) versprachen, bald für mehr Geld zu sorgen. Neue Fördermodelle würden „ganz sicher schnell auf den Weg“ gebracht werden, sagte Bär (CSU). „Der politische Wille, die heimische Games-Branche zu unterstützen war noch nie so groß“, resümierte Falk zufrieden. In vielen Ländern, etwa in Polen, ist die staatliche Unterstützung der Spielebranche bereits üblich.

          Neben Ubisoft kündigten auch die Spieleverlage Kochmedia und THQ-Nordic neue Spiele an, die ab Herbst und im kommenden Jahr auf den Markt kommen sollen. Die Gamescom bezeichnet sich selbst als „weltweit größtes Event für Computer- und Videospiele“. Es ist richtig, das „Event“ darin zu betonen.  Denn neben Fachveranstaltungen gibt es auch ein mehrtägiges City-Festival. Die Messe sei ein „großartiges Aushängeschild für die Stadt“, sagte die Kölner Bürgermeisterin Henriette Reker. Die Ausstellungsfläche hat sich ihr zufolge seit dem Start im Jahr 2009 um 70 Prozent vergrößert.

          Mit ihrem Vielfalts-Motto will die deutsche Spielebranche nicht nur den Facettenreichtum und die Vielseitigkeit der Branche betonen, sondern auch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung von Games unterstreichen, sagte Bundesverbands-Geschäftsführer Falk. Stolz verweisen er und andere Branchenverantwortliche darauf, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Eröffnung der Gamescom im vergangenen Jahr Videospiele zum „Kulturgut“ erklärte. Falk sagte weiter, die Gemeinde der „Gamer“ bestehe aus Menschen aller Altersgruppen, Nationalitäten und Hautfarben. „Wenn das auch in der Gesellschaft so wäre, es gebe nichts Schöneres“, sagte er.

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