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Cambridge Analytica : Die wichtigsten Antworten zum Facebook-Skandal

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Facebook steckt in einem der größten Datenskandale seiner Geschichte. Was ist genau passiert? Ist das schlimm? Und was muss jetzt passieren? Die wichtigsten Antworten.

          4 Min.

          Wer ist Cambridge Analytica und was haben sie getan?

          Cambridge Analytica ist ein Datenanalyse-Unternehmen aus Großbritannien, finanziert unter anderem von der Hedgefonds-Milliardärs-Familie Mercer, die auch Donald Trump nahesteht. Das Unternehmen hat illegalerweise Millionen von Nutzerdaten erhalten und möglicherweise auch im amerikanischen Wahlkampf verwendet. Die Daten stammen aus einer App namens „Thisisyourdigitallife“, die ein Psychologie-Professor der Universität Cambridge namens Aleksandr Kogan entwickelt hat und mit der sich Persönlichkeitsprognosen erstellen lassen. Die App lief innerhalb von Facebook, sie wurde nach Angaben von Facebook etwa 270.000 Mal heruntergeladen. Zudem wurde inzwischen bekannt, dass Cambridge Analytica auch damit warb, politische Gegner seiner Kunden mit Prostituierten zu verführen und später zu erpressen.

          Was weiß Cambridge Analytica jetzt über uns?

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nicht nur die Daten von App-Nutzern – die ja eingewilligt haben – sind an CA geflossen. Auch die Daten von deren Freunden sind weitergeleitet worden. So kommt Cambridge Analytica zu Daten von insgesamt 50 Millionen Nutzern. Denn Facebook-Nutzer haben per Standardeinstellung eingestellt, dass Menschen, die das Profil sehen können, die Informationen in Apps übertragen können. Standardmäßig sind das folgende Infos:

          Geburtstag; Familie und Beziehungen; Webseite; Online-Status; Chronik-Beiträge; Steckbrief; Heimatstadt; Aktueller Wohnort; Ausbildung und Beruf; Aktivitäten, Interessen und Dinge, dir mir gefallen; Meine Aktivitäten in Apps.

          Laut Voreinstellungen nicht erfasst werden: „Interessiert an“ (also sexuelle Vorlieben) sowie religiöse Ansichten und politische Einstellung.

          Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar weist gegenüber FAZ.NET darauf hin, dass die Nutzer diese Einstellungen selbst ändern können. Nichtsdestotrotz sei „davon auszugehen, dass von der Cambridge Analytica-App die meisten Datenfelder erfolgreich abgegriffen werden konnten“. Denn viele Nutzer kennen diese Möglichkeit vermutlich nicht oder sind zu bequem, sie zu ändern.

          Ist das schlimm?

          Was Cambridge Analytica aus den Daten lernen kann, ist vollkommen unklar. Sicher ist: Immer wieder gab es theoretische Versuche, in denen Forscher aus öffentlichen Facebook-Daten auf sexuelle Orientierung, politische Positionen oder sozialen Status schließen konnten. Cambridge Analytica selbst brüstete sich damit, dass das Unternehmen Psycho-Profile der Facebook-Nutzer erstellen könne und politische Botschaften auf ihre Ängste und Wünsche hin maßschneidern könne – so habe es Donald Trump geholfen, die amerikanische Präsidentenwahl zu gewinnen.

          Wie viel davon in der Praxis wirklich funktioniert, ist unklar. Viele Experten können nicht nachvollziehen, wie Cambridge Analytica all das geschafft haben soll. Cambridge Analytica selbst hatte ein großes Interesse, seine Fähigkeiten zu übertreiben, um Kunden zu gewinnen. Veröffentlicht werden zudem häufig spektakuläre Erfolge – wenn Forscher mit ihren Projekten scheitern und nichts prognostizieren können, hört man davon selten.

          Wie erfahre ich, ob ich von dem Datenleck auch betroffen bin?

          Das ist für Nutzer nicht möglich, da die Daten direkt aus einer Datenbank abgerufen werden und die betroffenen Nutzer darüber nicht informiert werden. Facebook-Abstinente sind sicher nicht betroffen. Wenn Sie auf Facebook die App „Thisisyourdigitallife“ benutzt haben, sind Sie betroffen – ob das einer Ihrer Facebook-Freunde getan hat, ist praktisch nicht nachzuvollziehen; Sie müssten jeden einzelnen fragen.

          Was kann ich tun, damit das nicht mehr passiert?

          Sie können einstellen, dass Apps von Freunden nicht mehr an Ihre Daten kommen. Dazu müssen Sie Facebooks Einstellungs-Seite für Apps aufrufen (unter diesem Link). Dort klicken Sie auf „Von anderen Personen verwendete Apps“ und stellen dann ein, welche Daten weitergegeben werden dürfen – im Zweifel eben gar keine. Sie können auch Apps grundsätzlich den Zugriff verweigern. Dann können Sie aber auch selbst keine Apps mehr nutzen.

          Wer noch ausführlicher werden will, dem hilft diese Einstellungsseite, die sich mit Werbung beschäftigt.

          Mancher trifft angesichts der ständigen Datenthemen auch die Entscheidung, Facebook ganz zu verlassen. Damit so viele Daten wie möglich gelöscht werden, müssen Sie auf dieser Seite „Kontolöschung anfordern“ wählen.

          War das alles illegal?

          Indem die Nutzer die App installiert haben, haben sie den Nutzungsbedingungen und damit auch der Datenerhebung zugestimmt. Das entspricht auch den Facebook-Regeln. Der Forscher Aleksandr Kogan hat jedoch die Daten verbotenerweise an Cambridge Analytica – und damit an Dritte – weitergeleitet.

          Bei der „Stiftung Neue Verantwortung“ findet Datenschutz-Expertin Nicola Jentzsch, schon die Daten-Einwilligung der Nutzer beruhe auf einer Täuschung. „Nutzern ist in vielen Fällen kaum bewusst, welche Datenanalysen heute schon möglich sind. Sie haben für redliche akademische Zwecke eingewilligt. Sie konnten wohl kaum annehmen, das auf Basis der Daten gezieltes politisches Targeting entwickelt werden kann, was psychologische Schwächen, Hoffnungen und Ängste von Wählern ausnutzt. In diesem Sinne sind sie getäuscht worden“, sagt sie – ob sich allerdings Gerichte dieser Auffassung anschließen, ist unsicher.

          Seit wann wusste Facebook davon?

          Facebook weiß nach eigener Aussage seit 2015 davon. Damals hat das soziale Netzwerk die App entfernt und Kogan sowie CA aufgefordert, die gespeicherten Nutzerdaten zu löschen. Diese versicherten, das getan zu haben. Facebook hat das aber offenbar nicht weiter überprüft. Erst am Freitag vergangener Woche teilte Facebook mit, die Zusammenarbeit mit CA zu beenden. Das heißt, das Unternehmen kann von nun an keine Anzeigen mehr schalten und auch keine eigenen Seiten mehr verwalten.

          Wie wurde all das öffentlich?

          Das liegt zu einem großen Teil an Christopher Wylie. Er hat bis Ende 2014 für Cambridge Analytica gearbeitet, danach arbeitete er mit Kogan zusammen. Dazu gründete er ein Unternehmen namens Eunoia Technologies. Jetzt machte er im „Observer“, der „New York Times“ und dem britischen „Channel 4“ den Skandal öffentlich. Er nennt seinen früheren Arbeitgeber eine „Propagandamaschine mit umfassendem Service“. Heute ist er 28 Jahre alt und fällt nicht nur durch markige Worte, sondern auch seine pinkfarbenen Haare auf.

          Was muss jetzt passieren?

          Die Datenschutz-Expertin Nicola Jentzsch fordert Facebook dazu auf, alle betroffenen Nutzer zu informieren – und vor allem: seine Sicherheitsmechanismen zu verbessern. „Es scheint kaum Mechanismen zu geben zu prüfen, ob Vertragsbestimmungen bei Datenzugang auch eingehalten werden. Hier muss die Sorgfalt unbedingt verbessert werden.“

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