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Definers-Skandal : Facebooks PR-Chef macht sich zum Sündenbock

  • Aktualisiert am

Der Facebook-Kommunikations-Chef übermimmt die Verantwortung für den Definers-Skandal. Bild: AFP

Die letzte Amtshandlung des scheidenden Facebook-Kommunikationschefs Elliot Schrage ist offenbar, sich nach dem Skandal um die PR-Firma Definers schützend vor die Führungsetage zu stellen.

          Mit einem großen Enthüllungsbericht hat die „New York Times“ (NYT) vergangene Woche auf eine fragwürdige Geschäftspraxis bei Facebook aufmerksam gemacht: Den Recherchen der amerikanischen Zeitung zufolge engagierte Facebook im Oktober vergangenen Jahres eine PR-Agentur namens Definers, die Facebook-Kritiker und Konkurrenz-Unternehmen in Misskredit bringen sollte.

          Wie die amerikanische Tech-Nachrichtenseite „Techcrunch“ jetzt unter Berufung auf ein internes Memo berichtet, übernimmt der scheidende Chef der Kommunikationsabteilung von Facebook, Elliot Schrage, dafür die volle Verantwortung: Er habe die PR-Agentur angeheuert und angehalten, neben der üblichen Pressearbeit auch Informationen über Wettbewerber zu sammeln, räumt er in dem Memo ein. Facebook habe Definers jedoch nicht dazu aufgefordert, Falschnachrichten zu verbreiten.

          „Die Verantwortung für diese Entscheidungen liegt bei der Führung des Kommunikationsteams. Das bin ich. Mark [Zuckerberg] und Sheryl [Sandberg] haben sich darauf verlassen, dass ich diesen Bereich ohne Kontroversen manage“, schreibt Schrage. „Ich kannte und genehmigte die Entscheidung, Definers und ähnliche Unternehmen anzuheuern. Ich hätte darüber informiert sein müssen, dass ihr Auftrag ausgeweitet wurde. Es tut mir leid, dass ich euch alle im Stich gelassen habe. Ich bedauere mein eigenes Versagen“, so Schrage weiter.

          Mitarbeiter fühlen sich angegriffen

          Auch wenn Schrage damit wohl weiteren Schaden von Facebook-Chef Mark Zuckerberg und Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg abhalten möchte: Sandberg – die seit Jahren als Zuckerbergs rechte Hand gilt – kümmert sich neben dem Werbegeschäft auch um politische Fragen. Deshalb sahen Branchenbeobachter ihre Position nach dem PR-Debakel geschwächt. Zuckerberg goss dazu selbst Öl ins Feuer als er in einer Telefonkonferenz mit Journalisten ungewöhnlich zurückgenommen sagte, Sandberg leiste „insgesamt“ gute Arbeit. 

          Sandberg sieht sich indes auch selbst in der Verantwortung: „Ich überwache unser Kommunikationsteam und übernehme die volle Verantwortung für ihre Arbeit und die PR-Agenturen, die für uns arbeiten“, schreibt sie in einem Kommentar zu dem auf Techcrunch veröffentlichten Memo. Und sie ergänzt: Es sei niemals Facebooks Absicht gewesen, antisemitische Verschwörungstheorien über George Soros zu unterstützen. Diese Vorstellung sei „abscheulich“ und treffe auch sie selbst.

          Dem Milliardär George Soros wurde in einem Bericht der Agentur vorgeworfen, hinter einer Kampagne linker Gruppen gegen Facebook zu stehen. Konservative und rechte Gruppen verbreiten immer wieder Verschwörungstheorien über Soros, der als Hedgefonds-Manager reich geworden ist. Soros hatte sich im Januar dieses Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum kritisch über Facebook und Google geäußert. Schrage bestätigt in dem Memo, die PR-Agentur auf Soros angesetzt zu haben, rechtfertigt aber die Praxis, Gegenspieler untersuchen zu lassen. Es wäre „unverantwortlich“ und „unprofessionell“, potentielle Konflikte nicht zu verstehen, so Schrage. Der Manager bedauert, dass interne Diskussionen und Anschuldigungen an die Öffentlichkeit getragen wurden. Viele Mitarbeiter des Kommunikationsteams fühlten sich angegriffen – von der Presse und sogar von ihren Kollegen.

          Facebook rutscht tiefer in die Krise

          Schrage hatte seinen Rücktritt im Zuge des Datenskandals um Cambridge Analytica im Juni dieses Jahres verkündet, wollte aber so lange bleiben, bis ein Nachfolger gefunden ist. Neuer Kommunikationschef wird der ehemalige britische Vize-Premierminister Nick Clegg.

          Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat nach dem jüngsten Skandal um das weltgrößte Online-Netzwerk bekräftigt, dass er trotz aller Kritik den Vorsitz im Verwaltungsrat behalten will. Es sei „nicht der Plan“, den Posten aufzugeben, sagte er in einem Interview des Senders CNN. Zuckerberg ist gleichseitig auch Konzernchef (CEO). Er stellte sich auch klarer als bisher hinter Sandberg. Er hoffe, mit ihr noch „Jahrzehnte“ lang zusammenzuarbeiten, sagte der Facebook-Gründer in dem in der Nacht zum Mittwoch ausgestrahlten Interview.

          Facebook rutschte in diesem Jahr in tiefe Krisen unter anderem mit dem Datenskandal um Cambridge Analytica und einem Hackerangriff, der rund 30 Millionen Nutzer betraf. Vor diesem Hintergrund forderten Facebook-Kritiker – aber zum Teil auch Investoren –, Zuckerberg solle den Vorsitz im Verwaltungsrat abgeben, um mehr externe Aufsicht zuzulassen. Der Gründer hat die Firma allerdings fest im Griff, weil seine Aktien mehr Stimmrechte als bei gewöhnlichen Investoren haben. Damit kann keine Entscheidung gegen seinen Willen getroffen werden.

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