https://www.faz.net/-gqe-9o69i

Widerstand gegen Facebook-Geld : „Was soll schon schiefgehen?“

  • Aktualisiert am

Facebook plant eine eigene Kryptowährung namens Libra. Bild: AFP

Facebook plant eine eigene Kryptowährung. Die Reaktionen fallen skeptisch aus. Amerikanische Politiker fordern einen Stopp der Pläne, auch in Europa sind einige alarmiert.

          Facebook stößt mit seinen Plänen für eine selbst entwickelte Kryptowährung auf der ganzen Welt auf Widerstand. Politiker und Verbraucherschützer sorgen sich vor allem um den Datenschutz. „Facebook hat Daten über Milliarden von Menschen und deren Schutz wiederholt missachtet“, erklärte die demokratische Abgeordnete und Vorsitzende des amerikanischen Finanzausschusses, Maxine Waters. „Mit der Ankündigung, eine Kryptowährung zu schaffen, setzt Facebook seine unkontrollierte Expansion fort und erweitert seine Reichweite auf das Leben seiner Nutzer.“ Sie forderte das größte soziale Netzwerk der Welt auf, seine Pläne für die Cyberwährung mit dem Namen „Libra“ auf Eis zu legen und die Untersuchungen der Behörden abzuwarten.

          Facebook ist derzeit zum wiederholten Male mit Klagen wegen eines zu nachlässigen Schutzes der Privatsphäre der Nutzer konfrontiert. Der Konzern sei schon zu groß und zu mächtig und gebrauche die Daten seiner Nutzer, ohne ihre Privatsphäre in ausreichendem Maß zu schützen, kritisierte Sherrod Brown, Demokrat im Bankenausschuss des amerikanischen Senats. „Wir können nicht zulassen, dass Facebook ohne Aufsicht eine riskante neue Kryptowährung von einem Schweizer Bankkonto aus führt.“ Der republikanische Abgeordnete Patrick McHenry beantragte eine Anhörung von Facebook-Vertretern zu den Plänen.

          „Was soll schon schiefgehen?“

          Auch in Europa ist das Misstrauen groß: Der französische Finanzminister Bruno Le Maire plädierte für eine stärkere Kontrolle von Technologiegiganten wie Facebook. „Dieses Geldmittel wird es Facebook ermöglichen, Abermillionen Daten zu sammeln, was meine Überzeugung bestärkt, dass es notwendig ist, die digitalen Giganten zu regulieren“, sagte er zu Radio Europe 1. Die Pläne für Libra sollten Aufsichtsbehörden in Alarmbereitschaft versetzen, gab der EU-Abgeordnete Markus Ferber (CSU) zu Bedenken. Die Europäische Kommission solle daher rasch mit den Arbeiten an rechtlichen Rahmenbedingungen für Kryptowährungen beginnen.

          Ebenso sehen einige Wissenschaftler die Pläne skeptisch. Der bekannte Facebook-Kritiker und Wirtschaftsprofessor Scott Galloway schrieb auf Twitter ironisch: „What. Could. Go. Wrong?“ (Was soll schon schiefgehen?). Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, äußerte sich ebenfalls auf Twitter: Die Pläne von Facebook könnten die Finanz- und Geldstabilität gefährden und würden Facebook helfen, seine ohnehin schon dominante Marktposition weiter auszubauen.

          Zentrale in der Schweiz

          Facebook will in der ersten Jahreshälfte 2020 eine selbst entwickelte Kryptowährung an den Start bringen. Libra soll es Nutzern ermöglichen, untereinander Geld zu versenden und Waren von Unternehmen zu erwerben. Ein Unternehmenssprecher erklärte, Facebook werde alle Fragen des Gesetzgebers beantworten. Man stehe mit Behörden in den Vereinigten Staaten und der Schweiz, wo die hinter Libra stehende Gesellschaft registriert ist, in Gesprächen.

          Mit Libra will Facebook in den globalen Zahlungsverkehr einsteigen und Branchenexperten erwarten, dass dies das traditionelle Finanzsystem durchrütteln könnte. Die Pläne werden von namhaften Unternehmen wie Mastercard, PayPal und Spotify unterstützt. „Das Facebook-Libra-Projekt ist in Größe, Anspruch und Erfolgswahrscheinlichkeit wegweisend und kann die Verbreitung von Kryptowährungen enorm beschleunigen“, sagte Hartmut Giesen, Digtitalexperte bei der Sutor Bank in Hamburg. Wegweisend könnte Libra vor allem für die sogenannte Remittance-Branche sein – das ist das Geschäft mit Migranten, die Geld in ihre Heimt überweisen –, erläuterte Andreas Pratz, Experte bei PwC für den Bereicht Financial Services.

          Im Gegensatz zu der größten und bekanntesten Kryptowährung Bitcoin soll Libra an einen Korb von mehreren Währungen geknüpft werden, vor allem an den amerikanischen Dollar. Damit sollen Wertschwankungen wie bei Bitcoin vermieden werden. Bitcoin ist eine digitale Währung, die durch das Berechnen komplexer Algorithmen von Computern hergestellt wird und an keine anderen Devisen gebunden ist.

          Weitere Themen

          Die Jagd nach dem Milliarden-Schatz Video-Seite öffnen

          FAZ Plus Artikel: Bergbau im Erzgebirge : Die Jagd nach dem Milliarden-Schatz

          Im Erzgebirge wird an der ersten deutschen Erzmine seit dem Krieg gebaut. Ein Investor verspricht sichere Rohstoffe und Hunderte Arbeitsplätze. Doch Politiker interessiert es nicht, Behörden mauern und Anwohner rebellieren.

          Topmeldungen

          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Neue Umfrage : Warum das Misstrauen wächst

          Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.
          Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

          Dieselskandal : VW verklagt sein Personal

          Während der ehemalige Chef Martin Winterkorn sein Altersruhegeld bezieht, verklagt der Konzern wegen des Dieselskandals sein Personal. Am Donnerstag fällt eine Entscheidung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.