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Meint es das Netzwerk ernst? : Facebooks Läuterungsshow

Wo ist Mark Zuckerberg – und wie groß ist sein Wille zur Veränderung tatsächlich? Bild: Reuters

Mark Zuckerberg hat in den vergangenen Monaten Ankündigungen gemacht, die imponierend selbstlos klingen. Doch die Geschichte des sozialen Netzwerks weckt Zweifel am Willen zum Kulturwandel. Ein Kommentar.

          Wo ist Mark Zuckerberg? Diese Frage konnte man sich in jüngster Zeit häufiger stellen. Zum Beispiel auf der Digitalkonferenz „South by Southwest“ in Austin. Hier wurde ungewohnt kritisch über die amerikanischen Internetgiganten diskutiert, allen voran über Zuckerbergs soziales Netzwerk Facebook. Es ging um ihre Anfälligkeit für politisch motivierte Falschnachrichten und Hasskommentare, ihre Marktdominanz und um die Frage, was ihre Produkte mit dem Gemütszustand ihrer Nutzer machen. Aber diese Debatten fanden ohne den Facebook-Chef statt.

          Genauso wie auch unlängst die Anhörungen vor dem amerikanischen Kongress über Manipulationen von Facebook und anderen Internetdiensten durch Russland vor den Präsidentschaftswahlen. Hier schickte Zuckerberg seinen Chefjuristen vor. Der Facebook-Mitgründer wirkt seltsam entrückt. Es hat den Anschein, er meide öffentliche Diskussionen, die unangenehm werden könnten. Dabei besteht Erklärungsbedarf, wie der am Wochenende bekanntgewordene Missbrauch von Facebook-Daten durch das Softwarehaus Cambridge Analytica zeigt, das im Wahlkampf für Donald Trump arbeitete. Zuckerberg weckt mit seiner Zurückhaltung Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner Versprechungen, Facebook radikal verändern zu wollen.

          Zuckerberg hat in den vergangenen Monaten zwei Ankündigungen gemacht, die imponierend selbstlos klingen. Er versprach erst, er wolle so viel in die Bekämpfung von Missbrauch auf Facebook investieren, dass dies zu Lasten der Gewinne gehen werde. Dann gab er bekannt, das soziale Netzwerk so umzubauen, dass es persönlicher wird und der Kommunikation mit Freunden und Familie Priorität gibt anstatt passiv konsumierter Inhalte wie Medienberichte. Auch das beschrieb er als potentiell geschäftsschädigend, denn er sagte, nach seiner Erwartung würden Nutzer dadurch weniger Zeit auf Facebook verbringen. Die Botschaft: Facebook will eine positive Kraft sein, und dieser Vorgabe werden wirtschaftliche Interessen untergeordnet. Das setzt die im Silicon Valley übliche Weltverbesserungsrhetorik noch einmal um eine Stufe höher.

          Zuckerberg bringt sich nur aus sicherer Distanz ein

          Wie ernst meint es Zuckerberg? Dies zu beurteilen ist schwierig, weil er sich in die Debatte um Facebook nur aus sicherer Distanz einbringt. Anstatt sich Diskussionen zu stellen, verlautbart er, und was von ihm nach außen dringt, ist meist inszeniert. Er verfasst selbstkritische Einträge auf seinem Facebook-Profil, in denen er über notwendige Veränderungen des Netzwerks spricht, aber das ersetzt keinen Dialog, der ihm Antworten auf herausfordernde Fragen abverlangt. Als er 2017 die amerikanische Provinz bereiste und dabei Bauernhöfe und Kirchen besuchte, beschrieb er das als eine Art Empathie-Aktion, die ihn mit vielen Menschen ins Gespräch bringen sollte, aber die Tour wurde auf Facebook so professionell dokumentiert, dass sie gekünstelt wirkte und nach Eigenmarketing aussah. Er nimmt zwar an vierteljährlichen Telefonkonferenzen mit Analysten teil, aber von diesem Publikum muss er keine allzu kniffligen Fragen zu Facebooks Schattenseiten erwarten.

          Vielleicht ist es Selbstschutz für Zuckerberg, in der Deckung zu bleiben. Schließlich macht er mit spontanen öffentlichen Äußerungen bisweilen eine unglückliche Figur, etwa als er kurz nach den Wahlen sagte, er halte es für eine „ziemlich verrückte Idee“, dass Falschmeldungen in seinem Netzwerk das Ergebnis beeinflusst hätten. Aber solange er seine Versprechungen, eine bessere Facebook-Welt schaffen zu wollen, nicht mit Leben füllt, bleiben seine Ankündigungen hohl. Außerdem weckt Facebooks Geschichte Zweifel an der Authentizität des vermeintlichen Kulturwandels. In ermüdender Regelmäßigkeit sah sich das Unternehmen gezwungen, öffentliche Entschuldigungen auszusprechen, etwa wegen seines Umgangs mit Nutzerdaten, nur um bald Gegenstand einer neuen Kontroverse zu werden. Das folgt der Tradition des Silicon Valley, lieber hinterher um Verzeihung zu bitten als vorher um Erlaubnis zu fragen. Erst kürzlich wurde Facebook sogar von einem seiner früheren Top-manager in Verlegenheit gebracht, der sagte, das Netzwerk sei von Anfang an so konzipiert worden, dass es seine Nutzer abhängig macht.

          In den gegenwärtigen Debatten steht Facebook keineswegs allein am Pranger, sie betreffen auch Unternehmen wie Twitter oder Google. Aber als mit Abstand größtes soziales Netzwerk mit mehr als zwei Milliarden Nutzern auf der Welt hat Facebook eine besondere Verantwortung. Google ist immerhin zugutezuhalten, dass die Vorstandschefin seiner ebenfalls wegen fragwürdiger Inhalte in Verruf gekommenen Videoseite Youtube auf der Konferenz in Austin auftrat. Sie war unter dem Spitzenpersonal aus dem Silicon Valley eine Ausnahme. Und die Veranstaltung hat gezeigt, dass die Diskussionen um die Verantwortung der Internetbranche mit immer größerer Vehemenz geführt werden, egal ob sich die Unternehmen daran beteiligen oder nicht. Tun Mark Zuckerberg und andere Unternehmensführer das nicht, verpassen sie eine Chance, die Stimmung zu beeinflussen, die sich gerade gegen sie zu wenden scheint.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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