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Estland als Vorbild : So geht das mit der Gesundheitskarte

Theoretisch können Patienten den Zugriff verbieten

Zuerst einmal die Technik. In Deutschland sind die Lesegeräte für Arztpraxen und Apotheken das größte Problem. Es soll nämlich nur an diesen – vermeintlich sicheren – Orten möglich sein, auf die Daten zuzugreifen. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Geräte. Die Hersteller sind in den vergangenen Jahren schier daran verzweifelt, wie oft sich die Vorgaben von Krankenversicherungen, Ärzte- und Krankenhausverbänden verändert haben. In Estland spielt es keine Rolle, von welchem Ort aus die Daten eingesehen werden. Jeder kann mit einem simplen Kartenlesegerät für die USB-Schnittstelle über das Internet darauf zugreifen. Das ist nicht besonders avantgardistisch, aber es funktioniert. (Jens Spahn hätte stattdessen am liebsten eine App fürs Smartphone. Die gibt es in Estland im Prinzip auch. Aber nur etwa jeder zehnte Este nutzt diese Variante.)

Egal ob mit Karte oder App, der Zugriff auf die Daten erfolgt in Estland über eine Art Vermittlungs-Plattform, die schon im Jahr 2000 in Betrieb genommen wurde und an die nach und nach fast alle behördlichen Datenbanken angeschlossen wurden. Die Gesundheitsdaten sind seit 2008 dabei. Zur Identifizierung für diese Plattform braucht man neben dem persönlichen Pin-Code ein registriertes Mobiltelefon. Wer sich mit Pin und Ausweiskarte anmeldet, bekommt vom System eine SMS mit einem zusätzlichen Zugriffscode aufs Telefon geschickt. Der Witz ist, dass auf diese Weise jeder Zugriff mit einem Orts- und Zeitstempel versehen wird, um etwaigen Missbrauch nachverfolgen zu können. Dafür gibt es eine Datenschutzbehörde. Es kann aber auch jeder selbst nachprüfen, wer sich seine persönlichen Daten angeschaut hat. Und selbstverständlich haben die Esten auch das Recht, den Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten teilweise oder komplett zu verbieten. Doch das macht kaum jemand: Nur 400 solche Fälle sind registriert.

Das Gesundheitssystem ist komplett steuerfinanziert

Damit sind wir bei der Gesellschaft. In Deutschland ist der Datenschutz das Totschlagargument gegen vieles von dem, was in Estland seit Jahren Alltag ist. Tatsächlich haben Informatiker im vergangenen Jahr aufgedeckt, dass Hacker die Hälfte der estnischen ID-Karten hätten knacken können. Theoretisch. Sie haben es aber in der Praxis nicht getan, die Sicherheitslücke ist geschlossen. Und die meisten Esten haben wenig Sorge, dass sie ausspioniert werden könnten – oder dass ihnen das im Fall der Fälle ernsthaft schaden würde. Auch deshalb wirbt Estland offensiv als Pionier der Digitalisierung für sich. „E-Estonia“ heißt die dafür von der Regierung geschaffene Marke.

Dritter Unterschied zu Deutschland: die Institutionen. In Deutschland gibt es zwar einen Gesundheitsminister. Was er für richtig hält, wird aber noch lange nicht gemacht. Denn im deutschen Gesundheitssystem handeln die Verbandsfunktionäre von Krankenhäusern, Ärzten und Zahnärzten sowie die mehr als hundert gesetzlichen und vierzig privaten Krankenversicherungen untereinander aus, wer wem wofür wie viel in Rechnung stellen darf. Da haben es übergeordnete Ziele naturgemäß schwer. Das Gesundheitssystem in Estland ist komplett steuerfinanziert, es gibt nur eine einzige staatliche Gesundheitskasse. Ideal fürs Durch-Digitalisieren.

Die Software, mit der in Estland die Datenbanken der einzelnen Behörden verknüpft sind und den Bürgern zugänglich gemacht werden, können andere Regierungen kostenlos herunterladen. Aber ein Download allein wird Deutschland nicht ins Digitalzeitalter katapultieren. Jens Spahn, der Gesundheitsminister, hat sich erst einmal zwei bis drei Monate Zeit zum Nachdenken verordnet.

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