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Nutzen von Gesundheitsdaten : „Bald misst das Handy die Herztöne“

Bald kommt die Warnung vor dem Herzinfarkt direkt aufs Handy. Bild: dpa

Für Medizinprofessor Erwin Böttinger ist klar, Gesundheits-Apps sind erst der Anfang. Im Interview spricht er über Smartphones von der Krankenkasse, überflüssige Arztbesuche und erklärt, warum uns Daten gesund machen.

          6 Min.

          Herr Böttinger, Sie sind Mediziner und Fachmann für Gesundheitsdaten. Macht uns die Digitalisierung gesund?

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Daten können Leben retten. Und Daten halten uns gesund.

          Sind Sport, Ernährung und Vorsorgeuntersuchungen dafür nicht genug?

          Daten können sehr viel zusätzlich leisten. Aus Ihrem Erbgut lässt sich ablesen, ob Sie Diabetes besser mit einem Medikament vorbeugen sollten oder ob mehr Bewegung genügt. Und mit Daten aus Ihrem alltäglichen Leben können wir herausfinden, wie hoch Ihr Stresslevel ist, ob Sie richtig am Schreibtisch sitzen und ob Sie etwas gegen Ihren Bluthochdruck unternehmen sollten. Wenn wir da früh genug einschreiten, etwa durch einen Warnhinweis aufs Smartphone oder eine Erinnerung an die Medikamenteneinnahme, können wir Sie vielleicht vor einem Schlaganfall oder Herzversagen bewahren. Das ist viel besser, als Sie später mit Blaulicht in die Notaufnahme zu bringen.

          Sammeln die Krankenkassen dafür nicht schon genug Daten?

          Nein. Die Kassen sammeln Abrechnungen, vor allem zu Dokumentationszwecken. Das sind keine umfassenden Gesundheitsdaten. Sie beschreiben immer nur den Ist-Zustand oder die Vergangenheit, erlauben aber keine Prognose. Laborbefunde, diagnostische Daten, Arztbriefe – das alles fehlt.

          Sollte ich mich künftig rund um die Uhr mit Kameras überwachen lassen?

          Nein. Es geht uns ja um Daten aus dem Alltag, das Smartphone genügt dafür. Damit können Sie nicht nur Fotos und Videos aufnehmen, die Rückschlüsse auf Ihre Körperhaltung und Bewegungsabläufe erlauben. Da liegt oft die Ursache für Rücken- und Nackenschmerzen und für Spannungskopfschmerz. Auch Herztöne, Atemgeräusche und den Blutdruck kann man mit mobilen Geräten messen. Wir arbeiten daran, mit dem Smartphone-Mikrofon die Tonlage der Stimme und die Sprechgeschwindigkeit so zu erfassen, dass wir damit vorhersagen können, ob ein Risiko für Krisen in der seelischen Gesundheit besteht, etwa für eine Depression. Da gibt es Muster, die wir für eine Früherkennung nutzen wollen.

          Blutdruckmessen mit dem Handy, wie soll das funktionieren?

          In diesem Fall ist es nicht das Smartphone, sondern ein Armband mit Internetanschluss übers Smartphone. Früher haben wir ein Fieberthermometer in der Apotheke gekauft, demnächst gibt es dort Regale mit kleinen mobilen Diagnosegeräten fürs Smartphone. Schon jetzt gibt es solche Geräte für Ultraschalluntersuchungen und um unsere Gehirnströme und die Herzmuskeltätigkeit zu messen. Die Daten können übers Internet direkt an den behandelnden Arzt übermittelt werden.

          Für eine Blutanalyse müssen Sie sich bisher in der Arztpraxis Blut abnehmen lassen, dann wird das Röhrchen ins Labor geschickt und dort ausgewertet, danach werden die Ergebnisse der Praxis übermittelt, Sie werden zur Besprechung des Befunds ein zweites Mal einbestellt. Das ist doch absurd kompliziert. Technisch genügt es heute schon, einen Tropfen Blut in eine Kartusche mit Internetanschluss zu geben, eine Art miniaturisiertes Labor.

          Wollen Sie behaupten, das Handy kann mich so exakt untersuchen wie der Facharzt mit teurem Spezialgerät?

          Darum geht es nicht. Solche Anwendungen konkurrieren nicht mit dem Speziallabor in der Uniklinik, was die Messgenauigkeit angeht. Die Frage ist, ob sie gut genug sind, um relevante Informationen zu gewinnen, erste diagnostische Einsichten. Dafür müssen die Daten verlässlich und reproduzierbar sein. Anders gesagt: Das Smartphone-Mikrofon muss genauso gut sein wie das Stethoskop, das der Arzt benutzt. Und das ist es.

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