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Neue Elektroauto-Ziele : Warum niemand 4000 Euro haben will

  • -Aktualisiert am

Schnellladesäule an der Autobahn Bild: dpa

Daimler hat gerade seine neue Elektroautoreihe vorgestellt, Audi nachgelegt. Trotzdem haben sich solche Autos in der breiten Masse bislang nicht durchgesetzt. Hier kommen die Gründe.

          Eine Million Elektroautos bis zum Jahr 2020 – an dieses Ziel hat sich die Bundesregierung lange geklammert. Im Mai des vergangenen Jahres musste die Kanzlerin dann auch öffentlich eingestehen: Daraus wird nichts. Jetzt hat die Nationale Plattform Elektromobilität festgestellt: So, wie sich der Markt derzeit entwickelt, werden voraussichtlich erst im Jahr 2022 eine Million elektrisch betriebene Fahrzeuge auf den deutschen Straßen unterwegs sein.

          Dabei haben die Anstrengungen der Politik bislang wenig gefruchtet. Sie steht nicht nur in der aktuellen Debatte um die Fahrverbote unter Druck – tatsächlich ist der Verkehrssektor der einzige, in dem die CO2-Emissionen in den vergangenen Jahren sogar leicht gestiegen sind.

          Das ehrgeizige, schon in der vergangenen Legislatur beschlossene Klimaschutzziel lautet allerdings: Verglichen mit dem Jahr 1990 sollen die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 um 40 bis 42 Prozent sinken. Und elektrisch angetriebene Fahrzeuge sollen erheblich dazu beitragen.

          Kaufprämie wird wenig nachgefragt

          Zahlenmäßig kommen die Elektroautos noch nicht so richtig in Gang. Gerade einmal 54.000 batterieelektrische Fahrzeuge waren Ende des vergangenen Jahres in Deutschland zugelassen, hinzu kamen 237.000 Hybrid-Fahrzeuge. Die Kaufprämie („Umweltbonus“) hilft wenig.

          600 Millionen Euro stehen im Fördertopf der Bundesregierung für Privatleute zur Verfügung, die sich ein solches Auto anschaffen möchten, die Hersteller legen als Rabatte noch einmal 600 Millionen Euro oben drauf. 4000 Euro Nachlass gibt es beim Kauf eines Elektroautos, 3000 Euro für einen Plug-in-Hybrid. Doch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle zählt Stand 31. August 2018 gerade einmal 75.000 Anträge insgesamt. Der Topf ist also noch prall gefüllt.

          Zahl der Neuzulassungen wächst schnell

          Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste Grund lautet schlicht: Für die breite Masse sind Elektroautos immer noch zu teuer. Der amerikanische Elektroautohersteller Tesla hat zwar schon früh allseits bestaunte, aber letztlich doch nur für Reiche finanzierbare Elektroautos auf den Markt gebracht. Selbst das neueste „Model 3“, als Einsteigermodell gedacht, soll immer noch 35.000 Dollar kosten.

          Die deutschen Hersteller hingegen haben die technische Entwicklung lange verschlafen. In den kommenden Monaten bringen sie nun ihre ersten Premium-Elektroautos auf den Markt. Der Mercedes EQC etwa hat 408 PS und eine beachtliche Reichweite von 400 Kilometern, wird aber voraussichtlich 80.000 Euro kosten. Für denselben Preis wird das erste Elektroauto von Audi zu haben sein, das über eine ähnliche Reichweite wie der Mercedes verfügen wird. Einige Kleinwagen wie der BMW i3 oder der Renault Zoe hingegen sind schon etabliert, kosten mit 35.000 Euro beziehungsweise 21.000 Euro aber immer noch etwa doppelt so viel wie vergleichbare Wagen mit einem Verbrennungsmotor. Das ist der Grund, warum selbst der industriefreundliche Verkehrsminister von den deutschen Hersteller verlangt, den Deutschen „höchst attraktive Angebote für den Wechsel in saubere Autos“ zu machen.

          (Hören Sie dazu auch unseren Podcast F.A.Z. Digitec, in dem die aktuellen Elektromodelle diskutiert werden.)

          Immerhin: Die Nationale Plattform Elektromobilität bescheinigt Deutschland die „weltweit höchste Wachstumsdynamik“ bei neu zugelassenen Elektroautos – im vergangenen Jahr 117 Prozent. Und: Deutschland sei neben China der Markt mit dem größten verfügbaren Fahrzeugangebot; 33 Modelle deutscher Anbieter sind mittlerweile erhältlich. Zudem wollen die deutschen Hersteller in den kommenden drei bis vier Jahren in die Forschung und Entwicklung alternativer Antriebe 40 Milliarden Euro investieren, wie der Verband der Automobilindustrie betont.

          Mehr als eine Million Ladepunkte benötigt

          Und wie sieht es mit den Ladesäulen aus, also der für die Verkehrswende so zwingend erforderlichen Infrastruktur? Ende des vergangenen Jahres gab es etwa 12.500 Ladepunkte in Deutschland, also Anschlüsse für Ladekabel, darunter 850 sogenannte Schnellladepunkte mit einer Leistung von mehr als 22 Kilowatt. Sie finden sich an Autobahn-Raststätten, Einkaufszentren, Parkhäusern, am Straßenrand und auf öffentlichen Parkplätzen.

          Der größte Teil der Ladeinfrastruktur (85 Prozent) befindet sich allerdings im halb-öffentlichen oder privaten Bereich. Also in der Garage des Eigenheims, in Tiefgaragen von Wohnanlagen und Mehrfamilienhäusern oder auf unternehmenseigenen Parkplätzen. Im Ladesäulenregister des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft lassen sich die Stationen in Deutschland finden.

          Die heute vorhandenen Ladestationen werden für eine Million Elektroautos längst nicht ausreichen. Die Fachleute der Nationalen Plattform Elektromobilität stellen in ihrem Bericht fest, dass für ihre Versorgung 77.000 öffentliche (darunter 7000 Schnellladepunkte) sowie eine Million private Ladepunkte notwendig sein werden.

          Ein Problem dabei ist, dass die Ladesäulen noch nicht wirtschaftlich zu betreiben sind. Wer sich in der Branche umhört, stellt allerdings fest: Geld ist das geringste Problem. Die Investitionen in Ladesäulen sind eine Wette auf die Zukunft, die viele bereit sind einzugehen.

          Neuer einheitlicher Ladestandard

          Weniger klar sind die rechtlichen Rahmenbedingungen. In manchen brandenburgischen Landkreisen fragt man sich: Darf die öffentliche Hand überhaupt selbst Ladesäulen bauen? Und wenn nein, wie bekommt man private Betreiber dazu, auch die ländlichen, weniger frequentierten Regionen zu versorgen? Wer bekommt welchen Teil der Wertschöpfung? Und welche Rolle spielen beispielsweise Grundstückseigentümer, etwa die Supermarktbetreiber, deren Parkplätze zum Laden genutzt werden könnten? Auch mit Blick auf die Ladesäulen auf privatem Grund gibt es noch zahlreiche juristische Fragezeichen, etwa im Miet- und Wohnungs-Eigentumrecht.

          Ein großes Problem hat sich dank der Ladesäulenverordnung immerhin nahezu erledigt: Seit dem vergangenen Jahr müssen alle neuen Ladepunkte mit dem Combined Charging System ausgestattet sein, kurz CCS. Dieser Ladestandard hat sich sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten durchgesetzt.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes hieß es versehentlich „Model S“ statt „Model 3“. Das Einstiegsmodell von Tesla ist das „Model 3“. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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