https://www.faz.net/-gqe-9ekk4

Digitalisierung im Fahrstuhl : Bitte einsteigen! Es erwartet Sie: Ein Computer am Seil

  • -Aktualisiert am

Das Thyssen-Krupp-Logo ist an einem Aufzug in einem Düsseldorfer Hochhaus zu sehen. Bild: dpa

Schindler, Otis und Kone: Die Namen hat jeder im Aufzug schon mal gelesen. Die Digitalisierung verändert die Konzerne. Sie sammeln Daten bei jeder Fahrt. Dadurch ist die Wartung der Anlagen per Smartphone mittlerweile Standard.

          3 Min.

          Für einen Hersteller von Aufzügen klingt der Satz von Meinolf Pohle überraschend: „Wir wollen nicht mehr nur rauf und runter“, sagt der Deutschland-Chef des Schweizer Konzerns Schindler, der neben Otis aus den Vereinigten Staaten, Kone aus Finnland und Thyssen-Krupp aus Deutschland zu den Top Vier der Branche zählt. Dieses Quartett dominiert – mal abgesehen von den großen asiatischen Herstellern – nicht nur den Markt. Es definiert mit seiner Finanzkraft auch die technische Entwicklung. Mit anderen Worten: Es formt den Aufzug von morgen, der sich durch die Digitalisierung stärker verändert als je zuvor.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wenn Pohle sagt, dass es nicht mehr allein um Hoch und Runter gehe, sondern darum, „intelligent von A nach B zu kommen“, dann würden die Wettbewerber wohl zustimmen. Allerdings versteht jeder etwas anderes unter der Digitalisierung des Aufzugs – jedenfalls, was die Schwerpunkte betrifft.

          Die Veränderungen spielen sich in einer prosperierenden Branche ab. Wie die Aufzugsparte des Maschinenbauverbandes VDMA auf einer Fachkonferenz in Frankfurt mitteilte, legen die Kennzahlen – getrieben von einer regen Bautätigkeit – weiterhin zu.

          Über 19.000 Aufzüge allein 2017

          Der Auftragseingang für Aufzüge wuchs 2017 um 2,4 Prozent auf etwas mehr als 19.000 Stück. Bei den Fahrtreppen, die die großen Anbieter ebenfalls bauen, lag das Plus bei 53 Prozent. Auch der Auftragseingang im ersten Halbjahr 2018 lag 6 Prozent über dem des Vorjahres, und bei der Modernisierung älterer Anlagen legte die Branche 10 Prozent zu. Der nächste Schritt in die Moderne erfolgt also auf stabilem Fundament.

          Schindler, laut Meinolf Pohle Marktführer in Deutschland, ist dafür ein gutes Beispiel. Die Schweizer investieren gerade in ihren Standort Berlin mehr als 50 Millionen Euro. 4000 Beschäftigte arbeiten hier, allein in den vergangenen fünf Jahren sind 1000 neue hinzugekommen. Deutschland, die zweitgrößte Landesgesellschaft, wachse zweistellig und sogar deutlicher als der Markt in China – das rund 60 Prozent des globalen Markts für Aufzüge und Fahrtreppen ausmacht.

          Schindler erzielt auf der ganzen Welt einen Jahresumsatz von rund 10 Milliarden Franken, aber das digitale Herz des Unternehmens schlägt in Berlin. Von hier kommen die Neuentwicklungen. Der Konzern hat sich General Electric aus Amerika und Huawei aus China ins Boot geholt. Die einen steuern die Cloud-Technologie bei, die anderen Hardware-Komponenten. Gemeinsam tun sie das, was alle großen Hersteller tun: Sie sammeln mittels Sensoren in den Aufzügen Daten, analysieren diese und verschaffen sich so enorme Vorteile für die Überwachung und Wartung ihrer vielen tausend Anlagen. Jede Bewegung, Vibration, Temperatur oder akustische Auffälligkeit wird gemessen.

          Der Konkurrent Kone arbeitet auf diesem Feld mit IBM und dessen Großrechner Watson zusammen, was unterstreicht, dass Big Data, Künstliche Intelligenz und Aufzugbau mittlerweile zusammengehören. Bei Otis, global gesehen die Nummer eins, ist das nicht anders – nur dass das Unternehmen als Teil des amerikanischen Industriekonglomerats United Technologies vieles mit Bordmitteln vorantreiben kann. Trotzdem nutzt es eine Cloud von Microsoft, spricht mit Apple über neue Geschäftsmodelle und hat AT&T als Partner in Sachen Telekommunikation.

          Auch auf der Otis-Plattform finden Hersteller, Kunden, Gebäudebetreiber und Service-Techniker zusammen. Mängel – sofern nicht mechanischer Natur – können sofort und online behoben werden. Das gelte sogar für die Befreiung feststeckender Passagiere, wie Deutschland-Chef Udo Hoffmann sagt.

          Wartung mit dem Smartphone

          Auch er ist mit rund 1000 Otis-Mitarbeitern in Berlin zu Hause, wo eines von zehn Entwicklungs- und Testzentren des Unternehmens steht. Es habe schon einige Umwälzungen in der Branche gegeben, sagt er. Eine mechanische sei der Ersatz des Tragseils durch Gurte gewesen. Auch die Energieersparnis habe rasante Fortschritte gemacht. So verbrauche ein besonders effektiver Aufzug von Otis nicht mehr Strom als eine Mikrowelle. Die Digitalisierung aber sei noch mal eine andere Dimension.

          Die Wartung einer Anlage per Smartphone oder von einem Tausende Kilometer entfernten Ort ist inzwischen Standard. Die Frage ist, was aus den technischen Möglichkeiten noch gemacht wird. Heute denke man bei Aufzügen an ein isoliertes Gebäude, sagt Hoffmann. Zukünftig aber gehe es darum, die Anlagen mit dem Verkehr außerhalb des Gebäudes zu vernetzen, mit Fahrdiensten, Fluggesellschaften, Bussen und Bahnen. Denn wer wisse, wie viele Menschen sich wo bewegen, der könne den Betrieb von Aufzügen effektiver organisieren. Der Aufzug selbst werde sich so verändern, wie sich schon das Auto verändert hat. Das habe früher auch nur einen Sensor gehabt und sei heute ein Computer auf Reifen. Aufzüge werden so gesehen zu Computern an Seilen.

          Schnäppchen auf dem Bildschirm im Aufzug

          „Wir bewegen uns weg vom reinen Maschinenbau hin zum Digitalunternehmen“, sagt Sascha Seiß, Leiter des Geschäftsbereichs Modernisierung bei Kone mit deutschem Sitz in Hannover. Er spricht von Türenmanagement, Einlasskontrollen – und von Kunden, die sich über ihr Mobiltelefon per W-Lan mit dem Aufzug verbinden, sofort geöffnete Haus- und Wohnungstüren vorfinden und ohne weiteres Zutun in die richtige Etage gebracht werden. Meinolf Pohle von Schindler skizziert hingegen Aufzüge mit Bildschirmen, auf denen Nachbarn inserieren oder Geschäfte Sonderangebote anpreisen. Werbung könnte Kunden auch bei der Refinanzierung einer Anlage helfen.

          Ob in einer derart digitalen Aufzugswelt ausreichend Platz ist für die knapp zwei Dutzend Mittelständler in Deutschland und die Hunderte Kleinbetriebe, muss sich zeigen. „Auf ihrem Level werden alle Digitalisierungslösungen anbieten“, sagt Hoffmann. Es gelte auch, in die andere Richtung zu blicken, zu den Riesen unter den Datenverwertern, Google und Co. also. Die können zwar keine Aufzüge bauen, aber aus Daten Geschäfte zu machen ist ihre Kernkompetenz. Und das will die Branche lieber selbst.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bram Schot

          F.A.Z. Exklusiv : So spart Audi gegen die Krise

          Rund 15 Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren eingespart werden. Die Werke in Ingolstadt und Neckarsulm wird es wohl besonders hart treffen. Audi-Chef Schrot sagt, er habe aber auch klare Vorstellungen, wie die Beschäftigung gesichert werde.

          Annegret Kramp-Karrenbauer : Sie setzt alles auf eine Karte

          Sollte die Verteidigungsministerin einmal Kanzlerin sein, wird sie für den Mut gepriesen werden, den sie mit ihrem Syrien-Vorstoß beweist. Sollte sie es nicht werden, wird der Vorschlag ein Beispiel dafür sein, dass sie sich übernommen hat. Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.