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„Digital Campus“ : Die Commerzbank nimmt sich Spotify als Vorbild

Der Commerzbank Tower thront über der Frankfurter Innenstadt. Bild: Lukas Kreibig

Der Finanzkonzern baut seine Zentrale um. Künftig arbeiten IT- und Fachkräfte auf dem „Digital Campus“ in Teams. Den Abstieg aus dem Dax wird das allein nicht verhindern.

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          Die Zentrale der Commerzbank am Kaiserplatz überragt alles: Mit 56 Stockwerken und 259 Metern ist der Commerzbank-Tower nicht nur der höchste Wolkenkratzer am Frankfurter Finanzplatz, sondern in ganz Deutschland. Hier arbeiten 2600 Leute, insgesamt beschäftigt die Commerzbank an mehreren Standorten in der Frankfurter Innenstadt rund 10.000 Mitarbeiter. Mit ihren Anzügen und Kostümen prägen sie das Stadtbild rund um die Oper mit.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf diese Mitarbeiter kommen große Veränderungen zu. Als der Commerzbank-Vorstand vor zwei Jahren auf die Idee kam, an einer Frankfurter Ausfallstraße einen „digitalen Campus“ zu eröffnen, war die Angst noch groß, dass kein Mitarbeiter dorthin wechseln wolle. Doch der digitale Campus, auf dem 1000 Mitarbeiter in kleinen Projektteams in nun 15 Monaten eine digitale Prozesskette für drei Finanzprodukte erfunden haben, hat durch die Erfolge große Anziehungskraft. Statt Angst davor zu haben, ihren sicheren Arbeitsplatz in der Zentrale aufzugeben, haben viele Mitarbeiter das Gefühl, alles wichtige geschehe jetzt auf dem digitalen Campus.

          Ausgerechnet Wirecard – aus einer 9000-Seelen-Gemeinde

          Der Vorstandsvorsitzende Martin Zielke nennt den digitalen Campus den „Motor“ oder auch das „Labor“ für die Digitalisierung der Commerzbank. Der Erfolg macht nun Schule. Jetzt sollen die auf dem Campus erprobten Arbeitsweisen auf die Zentrale ausgeweitet werden. Sobald die Betriebsräte zustimmen, wird es einen großen Umbau der Betriebsabläufe in der Zentrale geben. Als Vorbild für die „schnellere Lieferorganisation“ der Commerzbank gilt der Streamingdienst Spotify.

          Wie viele junge Technologieunternehmen beherzigt Spotify zwei Dinge: IT ist heute so zentral, dass es keinen Sinn ergibt, Fachabteilungen und IT getrennt zu halten. In der Commerzbank ist es noch so, dass sich zum Beispiel die Exportfinanzierungsfachabteilung etwas Neues ausdenkt, daraufhin die IT-Abteilung um die Umsetzung bittet, dann etliche Schleifen zwischen den beiden Abteilungen gedreht werden, bis das neue Produkt- oder Dienstleistungsangebot steht. Der Abstimmungsbedarf lässt sich, so die Erkenntnis des digitalen Campus, deutlich verringern, indem man gemischte Teams aus Fach- und IT-Experten bildet nach dem Motto: Alle drehen die Schraube gemeinsam. Und eine weitere Erkenntnis ist wichtig: Die IT-Experten sollten nicht nur einmalig Software entwickeln, sondern auch den dauerhaften Geschäftsbetrieb verantworten.

          Auch die niederländische ING-Bank und Wirecard arbeiten ähnlich. Ausgerechnet der Zahlungsabwickler Wirecard, der die Commerzbank im September voraussichtlich aus dem Dax drängen wird. Dessen schmucklose Zentrale liegt nicht mitten am Finanzplatz Frankfurt, sondern in Bayern. Allerdings nicht am Englischen Garten im Herzen Münchens, sondern in der 9000-Einwohner-Gemeinde Aschheim nordöstlich der bayerischen Hauptstadt. Dort arbeiten in einem Gewerbegebiet in Wirecards Zentrale 1000 Mitarbeiter, also ein Zehntel der in Frankfurt beschäftigten Commerzbanker. Das Schlimme aus Commerzbank-Sicht ist: Die Börse bewertet Wirecard doppelt so hoch wie die Commerzbank. Wirecard hat die Commerzbank in der Gunst der Anleger dermaßen abgehängt, dass das weitgehend unscheinbare Unternehmen aus dem Münchener Vorort wohl in den Dax auf- und die stolze Frankfurter Großbank aus dem Dax absteigt.

          Möglichst viel “Fin-Tech“ werden

          Was das Ganze noch pikanter macht: Wirecard hat eine Bank im Konzern. Nach eigenem Selbstverständnis ist Wirecard aber vor allem ein IT-Unternehmen, das digitale Zahlungen ermöglicht, virtuelle und physische Kreditkarten ausgibt, Risikomanagement übernimmt – vorwiegend als Dienstleister für Einzelhändler und Banken. Die klassische Trennung zwischen Fachbereichen und Technik gibt es für Wirecard nicht, man hält sich für ein IT-Unternehmen durch und durch. „Wir sind eigentlich mehr Tech-Fin als Fin-Tech“, bringt es Markus Eichinger, Wirecards Bereichsleiter für Konzernstrategie, im Gespräch mit der F.A.Z. auf den Punkt.

          Der Wirecard-Hauptsitz in Aschheim bei München

          Die Commerzbank dagegen versucht gerade, möglichst viel „Fin-Tech“ zu werden. Commerzbank-Chef Zielke nennt das „digitale Transformation“. Im Oktober 2016 gab er das Ziel aus, bis 2020 mindestens 80 Prozent der Geschäftsabläufe zu digitalisieren. Inzwischen sind fast 60 Prozent der Abläufe papierlos organisiert. Mit dem Umbau der Zentrale wird die „digitale Bank“ nun organisatorisch auf neue Füße gestellt. Zwischen 50 und 60 „Cluster“ genannte Teams aus jeweils nicht mehr als 150 Fach- und IT-Mitarbeitern will der Vorstand bilden.

          Dafür soll auch in mindestens drei Fällen die bisherige organisatorische Trennung zwischen Privatkunden- und Firmenkundensparte überwunden werden. Damit müssen auch Vorstandszuständigkeiten neu geregelt werden. Da sich die Kreditvergabe zwar zwischen den Sparten in der Größe, aber kaum im Ablauf unterscheidet, soll es künftig eine zentrale IT-Kreditplattform geben. Dafür wird Risikovorstand Marcus Chromik verantwortlich sein. Weitere zentrale Plattformen über die Sparten hinweg sollen für Zahlungsverkehr und Wertpapiergeschäft entstehen.

          Wandel zum Technologieunternehmen alternativlos

          Die Prozesse im Zahlungsverkehr werden von Firmenkundenvorstand Michael Reuther verantwortet, die für Wertpapiere von Privatkundenvorstand Michael Mandel. Anders als in der Deutschen Bank wird es im Vorstand der Commerzbank weiterhin ein eigenes Ressort für IT geben. Frank Annuscheit soll dort sicherstellen, dass es in den Produktentwicklungseinheiten keinen IT-Wildwuchs gibt. Der IT-Vorstand wird also Grundsätzliches – etwa die Nutzung von Cloudtechnologie oder nicht – vorgeben. Denn die Gefahr besteht, dass IT in den kleinen Einheiten zu sehr Eigenleben entwickelt.

          Der Umbau erfolgt, um die Lieferfähigkeit der Zentrale an die Verkäufer der Bank in den Filialen zu beschleunigen. Denn in der Wahrnehmung des Kapitalmarktes ist die Commerzbank behäbig, kommt trotz Gewinnsprungs im ersten Halbjahr nicht vom Fleck. Ihr Börsenwert liegt weit unter dem Buchwert. Das heißt: Im theoretischen Fall der Liquidation traut die Börse der Commerzbank zu, nur 40 Prozent ihrer bilanzierten Vermögenswerte zu realisieren. Das Misstrauen in ihre Zukunftsfähigkeit ist also groß.

          Ganz anders bei Wirecard. Die Aktie hat ihren Kurs in den vergangenen drei Jahren mehr als vervierfacht. Die Globalisierungsstrategie ist beeindruckend: Die Mehrheit der 4450 Mitarbeiter arbeitet in elf asiatischen Ländern, Wirecard hat in 26 Ländern auf allen fünf Kontinenten Standorte. 40 Prozent des Umsatzes wird in Asien erzielt, wo die Menschen besonders offen sind für bargeldlose Zahlmethoden, etwa mit Gesichtserkennung. Wirecard sieht sich als Innovationstreiber für Einzelhändler, gilt als schnell in der Umsetzung neuer Zahlmethoden, eben wegen seiner Kultur als Technikunternehmen der Finanzbranche.

          So ärgerlich und enttäuschend es für die Commerzbank sein muss, dass sie für ein so kleines Unternehmen wahrscheinlich den Platz im Dax räumen muss: Der Erfolg Wirecards zeigt, dass der zügige Wandel der Commerzbank zu einem Technologieunternehmen wohl strategisch alternativlos ist.

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