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Soziale Tech-Konzerne : Was Microsoft, Amazon und Co. gegen explodierende Mieten tun

Ein Obdachloser bittet in San Francisco um eine Spende, um sich etwas zu essen kaufen zu können. Bild: AFP

Egal ob Facebook, Google oder Amazon: Wo sich Tech-Konzerne ansiedeln, steigen die Mieten oftmals ins Unermessliche. Die Folgen sind gravierend. Doch die Konzerne sind nicht untätig – und nehmen teilweise viel Geld in die Hand.

          Die großen amerikanischen Technologieunternehmen haben ihre Heimat überwiegend an der Westküste des Landes. In San Francisco und dem angrenzenden Silicon Valley sitzen Unternehmen wie Apple, Google, Facebook, Intel, Uber oder Twitter. Weiter nördlich in und um Seattle sind Amazon und Microsoft zu Hause. Der wirtschaftliche Erfolg der Branche hat diesen Gegenden immensen Wohlstand beschert.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Aber seit einiger Zeit werden mehr und mehr die Schattenseiten deutlich. Die Lebenshaltungskosten sind enorm gestiegen, die Mieten und Häuserpreise in den Regionen zählen heute zu den höchsten im ganzen Land. Vielen Menschen fällt es schwer, erschwinglichen Wohnraum zu finden; Obdachlosigkeit wird zu einer immer größeren Sorge. Der Technologieindustrie wird nicht nur vorgeworfen, dafür verantwortlich zu sein, sondern auch, zu wenig zu tun, um Lösungen für diese Herausforderungen zu finden.

          500 Millionen Dollar von Microsoft

          Von Microsoft kam jetzt die bislang wohl größte Geste aus der Branche, Verantwortung übernehmen zu wollen. Der Softwarekonzern hat angekündigt, insgesamt 500 Millionen Dollar zur Förderung von erschwinglichem Wohnraum und zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit in der Region Seattle bereitstellen zu wollen.

          Zum größten Teil soll das nicht mit Spenden geschehen, sondern in Form von Krediten, die sich das Unternehmen zurückzahlen lassen will. Insgesamt 475 Millionen Dollar sollen in Darlehen fließen, die zur Schaffung und Erhaltung von Wohnraum für Familien aus niedrigen und mittleren Einkommensklassen genutzt werden. Teilweise will Microsoft dafür niedrigere Zinsen als marktüblich verlangen. Sind die Kredite abbezahlt, soll das Geld neu verliehen werden.

          25 Millionen Dollar von der Gesamtsumme will Microsoft spenden, um Obdachlosen zu helfen und auch um Obdachlosigkeit zu verhindern. Unter anderem in Form von Unterstützung eines Programms, das Menschen helfen soll, denen eine Ausweisung aus ihren Wohnungen droht.

          Microsoft-Präsident Brad Smith präsentierte am Donnerstag die Pläne zur Unterstützung von Sozialwohnungen.

          „Ein gesundes Unternehmen muss Teil einer gesunden Gemeinde sein“, hieß es in einem Blogeintrag, in dem Microsoft die Initiative ankündigte. Der Konzern gab dabei zu, mit seinem eigenen Wachstum zur Wohnungsnot in seiner Heimatregion beigetragen zu haben.

          In den vergangenen acht Jahren hätten sich die Häuserpreise in der Gegend fast verdoppelt. Während die Zahl der Arbeitsplätze in dieser Zeit um 21 Prozent gestiegen sei, sei nur 13 Prozent mehr Wohnraum geschaffen worden. Das habe zum Beispiel dazu geführt, dass heute Lehrer, Krankenpfleger, Mitarbeiter von Notfalldiensten und auch viele Beschäftigte in den Technologieunternehmen selbst weit weg von ihrem Arbeitsplatz leben und entsprechend lange pendeln müssen.

          Amazon-Steuer

          Seattle hat erst im vergangenen Jahr selbst versucht, die hier ansässigen Unternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen, ist aber mit einem entsprechenden Vorstoß gescheitert. Die Stadtverwaltung beschloss zusätzliche Steuern für größere Unternehmen, die in die Förderung von erschwinglichem Wohnraum und die Bekämpfung von Obdachlosigkeit fließen sollten, in der Öffentlichkeit war oft von der „Amazon-Steuer“ die Rede.

          Nach heftiger Opposition von Amazon und anderen einheimischen Unternehmen wie der Kaffeekette Starbucks wurde die Steuer wieder fallengelassen. Microsoft hat damals zu dieser Steuer keine Position bezogen, das Unternehmen sitzt aber auch nicht in Seattle selbst, sondern in einem Vorort.

          Mehr Erfolg als in Seattle hatte eine Initiative in San Francisco. Hier stimmten die Menschen im November zeitgleich mit den amerikanischen Kongresswahlen im Rahmen eines Bürgerentscheids mehrheitlich für die Einführung einer neuen Steuer für größere Unternehmen. Die damit verbundenen Einnahmen sollen unter anderem für erschwinglichen Wohnraum, Obdachlosenunterkünfte und die Behandlung von Drogenabhängigkeit und psychischen Erkrankungen ausgegeben werden.

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          Um diese Steuer wurde in der Unternehmenswelt kontrovers diskutiert. Marc Benioff, der Mitgründer und Vorstandsvorsitzende des Softwarekonzerns Salesforce, war einer der größten Befürworter der Steuer und spendete persönlich zwei Millionen Dollar, um vor der Wahl die Kampagne dafür zu unterstützen. Salesforce ist der größte Arbeitgeber in San Francisco. Unter den prominentesten Gegnern war Jack Dorsey, Mitgründer und Vorstandschef des Kurznachrichtendienstes Twitter, und er wurde dafür heftig von Benioff kritisiert.

          Häuslebauer Google und Facebook

          Im Silicon Valley arbeiten derweil Google und Facebook selbst an der Entwicklung Tausender von Wohnungen in der Nähe ihrer Zentralen. Diese Wohnungen sollen nicht nur von eigenen Mitarbeitern bezogen werden, und ein Teil von ihnen ist für Menschen aus niedrigeren Einkommensklassen vorgesehen.

          Microsoft kann sich seine Wohninitiative ohne Mühen leisten. Der Softwarekonzern hat im vergangenen Geschäftsjahr erstmals einen Umsatz von mehr als 100 Milliarden Dollar erzielt und ist hochprofitabel. Zwischenzeitlich hielt Microsoft auch den Titel des am höchsten bewerteten Unternehmens der Welt und wurde erst vor kurzem von Amazon abgelöst.

          Amazon wiederum hat sich zwar gegen die zusätzliche Steuer gewehrt, sieht dem Obdachlosenproblem in Seattle aber auch nicht völlig untätig zu. Das Unternehmen hat einer Organisation aus der Stadt in seiner neuen Zentrale Platz für ein Obdachlosenheim zur Verfügung gestellt.

          Vorstandschef Jeff Bezos hat außerdem im vergangenen Jahr seine erste größere wohltätige Initiative ins Leben gerufen, die unter anderem obdachlosen Familien helfen soll. Auch Bezos kann das leicht finanzieren, er ist der reichste Mensch der Welt.

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