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Zukunft der Bundesrepublik : Die Schwächen der deutschen KI-Strategie

Mensch trifft Maschine: Kanzlerin Merkel schüttelte auf der Hannover Messe einem Roboter die Hand. Bild: Reuters

Milliarden vom Staat und ein hoher Anspruch: Deutschland hat jetzt einen Plan für Künstliche Intelligenz. Experten fragen, ob es wirklich gelingt, mehr als 100 hochkarätige neue Professuren zu besetzen. Und nicht nur das.

          Drei Milliarden Euro, mindestens 100 neue Professuren, ein nationales Forschungsnetzwerk aus zwölf Kompetenzzentren, Hilfe für Mittelständler, mehr Wagniskapital und ein europäisches Wissenschafts-Cluster – das sind wesentliche Maßnahmen, mit denen die Bundesregierung Deutschland in die erste Liga führen will, wenn es um die zentrale Zukunftstechnologie Künstliche Intelligenz (KI) geht. „Deutschland ist nicht Weltspitze, in einzelnen Bereichen vielleicht, aber längst nicht in allen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gerade nach einer zweitägigen Klausurtagung ihrer Regierung am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Fachleute beurteilen den nun vorgelegten Fahrplan unterschiedlich. „Ich bin von der neuen KI-Strategie begeistert, da nun in Europa das größte nationale Förderprogramm den Durchbruch von KI-Lösungen auf breiter Front ermöglicht“, sagte Wolfgang Wahlster, der Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), gegenüber FAZ.NET: „Damit wird endlich auch die von etlichen Medien und amerikanischen Unternehmensberatern oft fälschlich behauptete Überlegenheit der amerikanischen und chinesischen KI-Strategien klar widerlegt.“ Tatsächlich ist die Summe des deutschen Programms größer als die Initiativen, die beispielsweise Frankreich und Großbritannien bislang begonnen haben.

          Bernhard Schölkopf, der das Max-Planck-Institut für intelligente Systeme in Tübingen leitet und den Internetkonzern Amazon berät, äußerte sich hingegen deutlich zurückhaltender: „Die Strategie enthält positive Ansätze, setzt jedoch vor allem auf Volumen und Technologietransfer.“ Wo werden die wertvollsten Firmen der Zukunft gegründet, fragt er und sagt: „Die internationalen Hotspots liegen alle in der Nähe exzellenter Universitäten und ziehen die besten Köpfe der KI-Gründergeneration an. Wir haben im Moment keine Standorte, die mit Cambridge oder Zürich mithalten können, geschweige denn mit Stanford oder Berkeley.“ Er, Schölkopf, sehe in dieser „Strategie kein überzeugendes Konzept, dies zu ändern“.

          Nicht wirklich überzeugend findet die Strategie auch der deutsche Informatiker Jürgen Schmidhuber, der gemeinsam mit seinem damaligen Studenten Sepp Hochreiter einen grundlegenden Lern-Algorithmus erdachte, mit dem Google beispielsweise seinen Übersetzungsdienst revolutionierte. „Im internationalen Vergleich wirken die geplanten Anstrengungen halbherzig“, kommentiert er – und nennt als Beispiel die chinesische Führung, die allein in Peking einen KI-Technikpark für einen Milliardenbetrag aufbaut.

          „KI ohne Daten ist wie Trockenschwimmen“

          Frank Riemensperger, der für Deutschland zuständige Geschäftsführer der Unternehmensberatung Accenture, findet die neue KI-Strategie insgesamt gelungen. „Die Ausgangsposition in Deutschland ist gut, denn wir haben eine starke fertigende Industrie, deren Produkte nach und nach mit Sensoren ausgestattet und an das Internet angeschlossen werden“, sagte er und fügte hinzu: „Diese Verbindung aus Produktkompetenz und den daraus generierten Daten könnte uns im Zusammenspiel mit Künstlicher Intelligenz zum Weltmarktführer im Internet der Dinge werden lassen.“

          Allerdings gelinge dies nur dann, wenn in Deutschland nun konsequent Datenpools aufgebaut und an digitale Plattformen angebunden würden. „Für mich lautet jetzt die wichtigste Frage: Wie bauen wir die Datenpools auf, mit denen wir die KI-Algorithmen füttern?“ Im Wettstreit um die Führungsrolle in der Künstlichen Intelligenz geht es seiner Ansicht nach nicht darum, wer über die besten Algorithmen verfügt, „sondern wer die Daten besitzt, um die Algorithmen zu trainieren und die richtigen Erkenntnisse daraus zu gewinnen“. Riemensperger sagt: „KI ohne Daten ist wie Trockenschwimmen: Mit Schwimmübungen ohne Wasser wird man auch kein guter Schwimmer.“

          Der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Steier, der auch der Enquete-Kommission für Künstliche Intelligenz angehört, hält die neue Strategie für sehr erfolgversprechend. „Vor KI Made in Germany braucht niemand Angst haben, denn wir packen das Thema richtig an und verstehen unser Vorgehen auch als Antwort auf einen Wettbewerb der Wertesysteme“, sagt er: „Wir bauen unsere Forschung und den Transfer aus, vernetzen unsere Kapazitäten deutschlandweit und suchen den Schulterschluss mit Frankreich und Europa.“ Künstliche Intelligenz könne allerdings nur dann „maximalen gesellschaftlichen Nutzen entfalten, wenn mit Daten angemessen umgegangen wird und wir lernen, sie als Rohstoff des 21. Jahrhunderts richtig einzusetzen“.

          Für eine echte Herausforderung halten die Fachleute ziemlich übereinstimmend, die in der neuen Strategie avisierten Lehrstühle mit Spitzenleuten zu besetzen. „Man wird ausreichend qualifiziertes Personal finden, falls man willens ist, mit den Gehältern in den Vereinigten Staaten und China mitzuhalten“, findet Schmidhuber. Ein Millionengehalt für Spitzenforscher sei dort durchaus möglich – „momentan dürfen deutsche Unis aber nur einen Bruchteil dessen anbieten“.

          Auch Max-Planck-Forscher Schölkopf ist hier skeptisch: „Im Moment tobt ein internationaler Wettbewerb um die Besten, und ich weiß nicht, wie man diese 100 Lehrstühle kurzfristig auf hohem Niveau besetzen kann.“ Das Problem sieht auch DFKI-Chef Wahlster. Ohne bessere Bezahlung sei die „Abwanderung deutscher KI-Forscher ins Ausland nicht zu stoppen“. Die neue Strategie könne ein wirklich großer Wurf werden, wenn sie dieses Hindernis beseitige durch entsprechende gesetzliche Änderungen.

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