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Erfolgreiche Fantasyfilme : Warum wir Superhelden brauchen

Captain America führt die Avengers an Bild: dpa

Captain America, Harry Potter, Star Wars – große Helden verdienen Milliarden an den Kinokassen. Sie kommen nicht zufällig so gut an.

          Unglücklich das Land, das keine Helden hat: Captain America, Hulk, Iron Man und Thor retten regelmäßig die ganze Welt. Mutig, stark, zuversichtlich, einer für den anderen einstehend, streiten die Superhelden im Kino für das Gute und gegen das Böse, zuletzt im Hollywood-Blockbuster „Avengers: Infinity War“. Übermenschlich scheint auch die Kraft, mit der sie Zuschauer anlocken – allein dieser Film hat bislang mehr als zwei Milliarden Dollar eingespielt und ist damit einer der kommerziell erfolgreichsten Streifen aller Zeiten.

          Und er ist keine Ausnahme. Wer sich die Rangliste der Filme ansieht, die an der Kinokasse am häufigsten überzeugen, findet fast ausschließlich Science-Fiction, Fantasy oder eine Mischung aus beidem. An der Spitze führt mit gehörigem Abstand „Avatar“ (2,8 Milliarden Dollar), auf den vorderen Plätzen liegen außerdem die siebte Star-Wars-Episode („Das Erwachen der Macht“), das Dinosaurier-Abenteuer „Jurassic World“, weitere Marvel-Verfilmungen („The Avengers“, „Avengers: Age of Ultron“, „Black Panther“) und der dritte Teil der Herr-der-Ringe-Saga.

          Unter den besonders beliebten Büchern mit Multimillionen-Leserschaft stechen die Reihe um den heranwachsenden Zauberer Harry Potter heraus, die Romane, auf denen der Serienhit „Game of Thrones“ basiert, oder die „Tribute von Panem“-Titel. Bemerkenswert eindeutig, so dass sich die Frage stellt: Wie kommt es, dass zweihundert Jahre, nachdem Mary Shelley ihren „Frankenstein“ veröffentlichte, Menschen rund um den Globus für die Phantastik so gerne und oft Geld ausgeben? Wieso fragen sie gerade dieses Genre so stark nach?

          Schule für Mutanten

          Weil es besser als andere ein Grundbedürfnis des Kinogängers befriedigt: Wer (viel) Geld für eine Karte ausgibt, möchte, wenn das Licht im Saal ausgeht, mehr sehen als die bloße Abbildung der Realität, nichts Alltägliches, keine Wochenschau. Sondern eine packende Geschichte. Kino ist Kunst, großes Kino ist große Kunst – und die vermittelt nicht Tatsachen, sondern Haltungen zu Tatsachen. Sie zeigt, wie Menschen in extremen Situationen entscheiden, ihre praktizierte Moral. Kinder schlüpfen in Rollenspielen in Superheldenkostüme. Pubertierende, die ihre „Rolle“ suchen, können sich leicht in solche Charaktere hineinversetzen, weil sie mit ihnen eine wichtige Eigenschaft teilen: Sie fühlen sich gelegentlich so anders als der Rest der Welt, ganz so, wie es ihre Kinohelden sind.

          „Sie verabscheuen euch, aber ihr könnt sie retten“, sagt Charles Xavier, der in der X-Men-Reihe die Schule für junge Mutanten gründet, für Menschen mit übermenschlichen Fertigkeiten, und ihnen beibringt, ihre Superkräfte zu beherrschen. Im „Star Wars“-Universum wachsen junge Auserwählte zu Jedi-Rittern heran, eine ganze Leser- und Kinogängergeneration ist mit dem Kindermagier Harry Potter älter geworden. In Zeiten, in denen Menschen immer wieder hören, dass das Dazulernen nicht mit dem Abitur, der Meisterprüfung oder dem Hochschulabschluss endet, ist zudem klar, dass eine schulische Kinofilm-Umgebung eben nicht nur junge Menschen anzieht, sondern auch den arbeitenden Teil der Bevölkerung. Kindheit, Jugend und Erwachsensein sind heute nicht mehr nur biologische Konzepte (falls sie das jemals waren), die Lebensabschnitte verschwimmen, definieren sich zunehmend zuerst durch Konsumgewohnheiten und Wünsche (Anti-Aging) und weniger durch das echte Alter. Durch die weltumspannende Vernetzung erleben wir überdies vielfältigste individuelle Lebensentwürfe gleichzeitig und eng nebeneinander – und damit in einem Panorama, das die Phantastik seit jeher bietet.

          Die vielen technischen Neuerungen der jüngeren Vergangenheit spielen ebenfalls eine Rolle dabei, dass Science-Fiction „in“ ist: Das Internet, in dem alle mitmachen können, das Smartphone, das jeder ständig dabeihaben kann, die App-Läden, die daraus Multifunktions-Minisupercomputer machen. Jeff Bezos, der in seiner Kindheit Science-Fiction-Bücher verschlang, ist durch die Gründung von Amazon der reichste Mensch der Welt geworden. Natürlich war und ist auch der technische Fortschritt im Kino selbst essentiell. Ohne ihn würden monumentale Sternenkriege, Weltenrettungen, Roboterfreundschaften oder Zauberergefechte viel weniger wuchtig wirken.

          Gutes Marketing hilft schlussendlich ebenfalls. Der Disney-Konzern hat eine goldrichtige Entscheidung getroffen, als er George Lucas die Rechte an Star Wars für einen Milliardenbetrag abkaufte. Daran ändert sich auch nichts dadurch, dass beispielsweise der neueste Film über den früheren Lebensverlauf des fröhlichen Filmhelden Han Solo nicht gut ankam. Oder dass manche Actionfigur fürs Kinderzimmer ein Ladenhüter ist. Auch wenn es um Science-Fiction und Fantasy geht, gibt es keinen Automatismus. Nur weil ein Produkt aus dem Genre stammt, wird es nicht zwangsläufig ein Erfolg. Und auch die Frage, ob phantastische Filme in zehn Jahren so in Mode sein werden wie heute, ist durchaus offen.

          „Unglücklich das Land, das keine Helden hat“, sagt Andrea in Bertolt Brechts Galilei, der darauf erwidert: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Auch da ist etwas dran.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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